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Das Fanal von Modena

Der Attentäter, der bei seiner Amokfahrt acht Menschen erfasste, war psychisch krank. Um Therapie für psychisch Kranke ist es in Italien jedoch schlecht bestellt.
Nach Attentat von Modena
Foto: IMAGO / Independent Photo Agency Int. | Taten wie die von El Koudri sind in Italien kein Einzelfall. Um Diagnose und Therapie für psychisch Kranke ist es schlecht bestellt.
Seit Samstag ist die Amokfahrt von Modena in Italien das Thema Nummer eins. Der in Italien geborene Muslim Salim El Koudri marokkanischer Abstammung hat mit seinem Auto acht Menschen erfasst, zwei Frauen haben beide Beine verloren. Und das Land stellt sich die Frage: warum? Lega-Chef Matteo Salvini, Minister im Kabinett Meloni, blieb seiner Fremdenfeindlichkeit treu und sprach vom „Verbrecher in zweiter Generation“, so als seien alle Ausländer potenzielle Kriminelle.

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Was Salvini nicht erwähnte: Zwei der vier Männer, die den Täter überwältigten, waren muslimische Ägypter. Das sind „Helden in erster Generation!“ El Koudri, 31 Jahre alt mit einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften, war arbeitslos und gab den Christen dafür die Schuld. Vor allem aber war er psychisch krank und seit 2022 in Behandlung.

Ein Problem, über das in Italien kaum jemand spricht

Und hier liegt ein Problem, über das in Italien kaum jemand spricht. Mit dem „Legge Basaglia“, einem Gesetz von 1978, wurden die psychiatrischen Anstalten abgeschafft und durch „Zentren für mentale Gesundheit“ und therapeutische Gemeinschaften ersetzt. Wer psychisch krank ist, wird in der Regel nur ambulant betreut. Psychisch kranke Menschen laufen frei herum. Taten wie die von El Koudri sind kein Einzelfall. Um Diagnose und Therapie für solche Menschen ist es in Italien schlecht bestellt. Bevor man wie Salvini gegen muslimische Einwanderer hetzt, sollte man fragen, ob der Fehler nicht im eigenen System liegen könnte.
 
Das war schon beim ältesten Gewerbe der Welt so. Als man 1958 per Gesetz die „case di tolleranza“, sprich die Bordelle, schloss, verlagerte sich die Prostitution auf die Straße und wurde zum blühenden Geschäft für Schlepper und Zuhälter. Organisierte Kriminalität und Menschenhandel haben Tausende von oft ausländischen Frauen ruiniert. Die öffentliche Erregung über eine einzelne Tat ist verständlich. Aber die Politik ist gefragt, nach möglichen Wurzeln des Übels zu suchen.

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Guido Horst

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