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Orbáns Vermächtnis – Orbans Hypothek 

Ungarns langjähriger Regierungschef hinterlässt ein zwiespältiges Erbe: Korruption schmälert die Verdienste. 
David Engels
Foto: privat | Der Althistoriker und "Tagespost"-Kolumnist David Engels sieht ein Zeitalter des Cäsarismus heraufziehen.

Orbán hat sich im Laufe seiner langen Karriere viele Verdienste um den europäischen Konservatismus erworben, wie man bei aller Kritik ehrlich anerkennen muss, und wie so oft wäre er sicherlich anders in die Geschichte eingetreten, hätte er auf sein letztes Mandat verzichtet. Sehr positiv war, dass durch zahllose Bildungsinitiativen, Tagungen und Subventionen vielen Konservativen, die im eigenen Land mit Repressalien angesichts ihrer Überzeugungen zu rechnen hatten, eine wichtige Möglichkeit zur Entfaltung ihrer Ideen geboten wurde. Auch Orbáns mutiges Eintreten für eine bedachtsamere Migrationspolitik, für einen besseren Schutz der traditionellen Familie, für echte europäische Subsidiarität und für eine Rückbesinnung auf die Grundwerte von Christentum und Abendland kann man in einem Zeitalter linksliberaler Schlagseite kaum hoch genug einschätzen, egal, wie man die tieferen Motive dieser Rhetorik oder ihre konkrete Umsetzung bewertet.

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Geopolitische Hypotheken 

Leider hat die Realität der ungarischen Lebenswelt nicht nur positive, sondern auch negative Auswirkungen auf die europäische Rechte ausgeübt. So mag man vielleicht aus ungarischer Perspektive energie- wie geopolitisch die Entscheidung verstehen, nicht in den Ukraine-Krieg hineingezogen werden zu wollen – auch Berlin hat sich lange schwergetan, über bloße Symbolpolitik hinauszukommen –, und auch die Strategie, die Ukraine-Politik zur Neutralisierung von EU-Sanktionen zu nutzen, ist klassischer Machiavellismus, wie er sich in Brüssel seit Jahrzehnten in zahlreichen anderen „Ausnahmeregelungen" niedergeschlagen hat.

Aus gesamteuropäischer Perspektive aber war die Kontamination der oft aus Budapest unterstützten europäischen Rechten mit Orbáns diplomatischem Schaukelkurs zwischen Putin, Xi, Trump und Erdoğan sowie seinem „Hungary first"-Ansatz eher problematisch, da dieser vielleicht aus der kurzsichtigen Perspektive eines aus Brüssel bedrängten mitteleuropäischen Kleinstaats Sinn machen mochte, insgesamt aber ein schlechtes Vorbild für eine gesamteuropäische hesperialistische Strategie lieferte, der das Wohl des ganzen Kontinents und nicht nur einer Nation am Herzen liegen sollte. 

Korruption und Klientelismus 

Ähnlich das Korruptionsproblem. Fraglos hat Orbáns Netzwerk kaum anders agiert als die Klientelstrukturen, die sich etwa auch in Rumänien, Bulgarien oder selbst Polen herausgebildet haben und dort den eigentlichen Kern „nationaler Politik" ausmachen. Clandenken, Schmiergeldlogik und Kompromate gelten als dauerhaftere Garantien für politische Loyalität als konkrete Leistung oder gar Ideale, und wer diese Spielregeln nicht einhält, verliert rasch seine Macht, ob er nun politisch links oder rechts steht, sodass auch die EU gerne die Augen vor der Realität verschließt, wenn nur der „Richtige" im Amt ist. Dass diese Tendenzen die von Budapest geförderte nationale wie europäische Rechte nicht immer positiv beeinflusst haben, dürfte ebenso auf der Hand liegen. Die unfreiwillige Emanzipation von Ungarn kann für den Konservatismus bei aller ehrlichen Dankbarkeit also auch eine gute Chance für eine echte abendländische Neubesinnung sein. 


Der Autor ist Historiker und Universitätspropfessor.

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