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Die Parade der Blamage

Aus Angst vor ukrainischen Drohnenangriffen hat das russische Regime – trotz vereinbarter Waffenruhe – seinen „Tag des Sieges“ abgespeckt.
Stephan Baier/Wladimir Putin bei Rede
Foto: Imago/SNA | Wladimir Putin bei seiner Rede am „Tag des Sieges“.

Die Angst hat die Seite gewechselt. Nun zittert das russische Regime vor ukrainischen Drohnenattacken. Und zwar so sehr, dass Wladimir Putin den aus seiner Sicht heiligsten Feiertag Russlands, den „Tag des Sieges“ über Nazi-Deutschland, auf ein Minimum reduzierte: Seine eigene Rede dauerte nur ein paar Minuten, die Parade fand aus Sicherheitsgründen ohne schweres militärisches Gerät statt, auf der Ehrentribüne waren nur wenige ausländische Gäste zu sehen. Endzeitstimmung in Moskau.

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Kraftlos schlug der Kremlchef die erwartete rhetorische Brücke vom „ewigen Ruhm des Sieges“, den die Sowjetunion 1945 errungen habe, zu den Heldentaten, die er von der eigenen Bevölkerung jetzt im Kampf gegen die Ukraine und den „ganzen NATO-Block“ erwartet. Wenig überraschend strotzte die kurze, verlesene Rede vor verlogenem Pathos, Geschichtsklitterung und Durchhalteparolen. „Die Sowjetunion hat das eigene Land und auch die Welt gerettet“, sagte Putin wörtlich. Und: „Die Sowjetunion hat das Böse endgültig vernichtet.“

Kraftlose Durchhalteparolen

Aus seiner ideologischen Sicht begann der Zweite Weltkrieg 1941 mit dem Angriff der Nazis auf die UdSSR, denn der Hitler-Stalin-Pakt und der gemeinsame Zugriff der beiden Tyrannen auf Polen und das Baltikum muss ja wohl verschwiegen werden. Dass Großbritannien und die USA beim Sieg über die Nazis eine Rolle spielten, blieb in Putins Rede ebenso unerwähnt wie die Kriegs- und Nachkriegsverbrechen der Roten Armee.

Der russische Präsident reiht sich da nahtlos unter die Sowjet-Diktatoren ein: Seine Weltsicht besteht aus Guten und Bösen – darum stellt er die Ukrainer, die im Zweiten Weltkrieg bekanntlich Opfer der Nazis waren (sowie vor- und nachher Opfer Stalins), heute auf die Seite der Bösen, also des Westens.

Die „Heldentaten der Siegergeneration inspirieren die Kämpfer heute“, mahnte Putin, der nicht nur den Frontsoldaten, sondern der gesamten Bevölkerung der Russischen Föderation immer neue Opfer für seinen ideologisch begründeten, militärisch jedoch sinnlosen Krieg gegen die Ukraine abverlangt.

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Nicht nur der Abwehrkampf der Sowjetunion, sondern auch der Angriffskrieg gegen das Nachbarland wird da pseudo-religiös aufgeladen: „Der Garant für den Erfolg ist unsere moralische Kraft“, sagte Putin in Moskau. Und dann griff der von Experten zunehmend als paranoid beschriebene Putin bei seiner vergleichsweise armseligen Parade in die Trickkiste der Durchhalteparolen: „Der Sieg war schon immer und wird immer auf unserer Seite sein.“

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Stephan Baier Angriffskriege Josef Stalin Wladimir Wladimirowitsch Putin

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