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Rechter Richtungsstreit

Der Zeitgeist mag mittlerweile rechts stehen. Aber die Rechte weiß gar nicht so genau, in welche Richtung sie überhaupt will. Das zeigt die Aufregung über den Chefredakteur der „Jungen Freiheit“.
Wochenzeitung Junge Freiheit
Foto: IMAGO / Eibner | Welche inhaltliche Kluft sich bei den rechten Siegern auftut, hat in diesen Tagen die große Aufregung bewiesen, die der Chefredakteur der „Jungen Freiheit“ (JF), Dieter Stein, ausgelöst hat.

Ein alter Spruch von Franz Josef Strauß: Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet, wird bald Witwer. Gerade im Lager rechts der Mitte ist man seit Jahrzehnten besonders stolz, den deutschen Zeitgeist kritisch in den Blick zu nehmen. Das liegt auch nahe: Denn Kritik gewinnt durch Distanz. Seit den ausgehenden 60er-Jahren war die Hoheit über die öffentlichen Debatten fest in linker, besser gesagt: in linksliberaler Hand. Wer kann das besser analysieren als der politische Gegner? Das alte politische Prinzip von Regierung und Opposition gilt eben nicht nur für Staat und Parlament, es trägt auch dazu bei, das politische Vorfeld, also da, wo Ideen entwickelt und diskutiert werden, sinnvoll zu gestalten. Denn dieses Prinzip sorgt nicht nur für Pluralismus, sondern auch für mehr Effektivität in den Ergebnissen. Ganz einfach: Zwei Augen sehen mehr als eines – vor allem dann, wenn beide nicht in die gleiche Richtung schauen.

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Das historische Beispiel zeigt zudem: Diejenige Gruppe, die gerade den Zeitgeist prägt, ist unfähig zu jener Selbstreflexion, die vielleicht so eine Zeitgeist-Opposition überflüssig machen würde. Das zeigt, wie das linke Lager in den vergangenen Jahrzehnten seine öffentliche Macht stetig ausgebaut hat und bis zuletzt gerne Denkbarrikaden errichtet hat, die das Meinungsspektrum in seinem Sinne einschränken.

Der Wind hat sich gedreht

Aber der Wind hat sich gedreht. Jetzt weht der Zeitgeist die Bundesrepublik von rechts an. Allerdings ist diese Einsicht mittlerweile auch nicht mehr originell, sondern ziemlich zeitgeistig geworden. Wenn nun schon „Zeit“-Chefredakteur Jochen Wegner nach jungen konservativen Journalisten ruft, die in der Redaktion dringend gesucht würden, kann schwerlich noch von rechter Seite behauptet werden, es herrsche mit Blick auf diesen Mega-Trend, der ja auch im restlichen Europa und den USA wahrzunehmen ist, irgendein Erkenntnisproblem.

Was aber wahrnehmbar ist: Das Lager rechts der Mitte zeigt sich zunehmend orientierungslos, was es mit der neu gewonnenen Oberhoheit eigentlich machen soll. Diese Frage ist deswegen besonders brenzlig, weil nämlich letztlich das, was sich hier alles sammelt, überhaupt nicht einheitlich denkt. Bisher wurde vieles von dem, was weltanschaulich noch nie zusammengepasst hat, durch den Kampf gegen den gemeinsamen Gegner zusammengehalten: eben das dominante linksliberale Milieu. Den eigenen Sieg will man nun nicht so rechts begreifen. Statt den neuen Freiraum politisch zu füllen, liest man lieber die Alte-Weißer-Mann-Mäkel-Kolumne von Harald Martenstein und wähnt sich weiter in der angeblich immer noch so scharf kritischen Opposition: Im gemütlichen Winkel, ist es deswegen so gemütlich, weil man sich so leicht als intellektuelle Avantgarde fühlen kann.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Welche inhaltliche Kluft sich bei den rechten Siegern auftut, hat in diesen Tagen die große Aufregung bewiesen, die der Chefredakteur der „Jungen Freiheit“ (JF), Dieter Stein, ausgelöst hat. Um das zu verstehen, muss man zunächst einmal erklären, welche Bedeutung die JF in dieser Szene hat: 40 Jahre wird die Wochenzeitung in diesem Jahr, längst ist sie zum Leitmedium für eine demokratische Rechte in Deutschland geworden. Sie ist ein Dach-Medium, heißt: Der Titel wird von verschiedenen Säulen getragen, die alle jeweils für verschiedene Lesertypen stehen. Das Spektrum reicht vom frustrierten Merz-Anhänger über eingefleischte AfD-Stammwähler bis hin zu akademischen Nerds, die sich vor allem für die intellektuellen Debatten der Vertreter der sogenannten „Konservativen Revolution“ in der Zwischenkriegszeit interessieren. Und natürlich zählen auch viele konservative Christen zu den Lesern. Stein, der in diesem Jahr 60 Jahre alt wird, hatte das Blatt als Schüler- und Studentenzeitung vor 40 Jahren gegründet und zuerst aus dem Freiburger Jugendzimmer heraus vertrieben. Seit über zwei Jahrzehnten sitzt das Blatt schon in der Hauptstadt, klares Ziel: Der Berliner Republik soll der eigene Stempel aufgedrückt werden.

Die Landesverteidigung wird zur Gretchenfrage

Es könnte also in der JF-Redaktion die Parole ausgegeben werden: Mission erfüllt. Aber jetzt differenziert sich alles noch einmal neu aus. Stein wurde nun von der YouTuberin Jasmin Kosubek interviewt. Das Gespräch plätschert ganz ruhig vor sich hin, doch dann kommt es schließlich zu einem Schlagabtausch, der später Kosubek eine provokante Überschrift für den Beitrag wählen lässt: „Der Bruch im rechten Lager, den keiner austragen will“. Der Stein des Anstoßes: Ist es eine patriotische Pflicht für junge Männer, bereit zu sein, ihr Leben im Falle der Landesverteidigung für diesen Staat zu opfern? Stein vertritt hier ganz klar die klassische Position. Sein Vater war Berufsoffizier bei der Bundeswehr und hat beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt als Historiker in Freiburg gearbeitet. Er selbst hat 1989, noch vor dem Mauerfall, seine Wehrpflicht abgeleistet. Und auch von seinem Sohn, so lässt Stein durchblicken, erwartet er das. Kosubek spitzt das zu auf die Frage, ob er bereit sei, seinen Sohn sozusagen zu opfern. Stein weist diese Terminologie zurück und betont, dass diese Frage in dieser Form wohl nur in Deutschland denkbar sei. In allen anderen europäischen Nationen sei es vollkommen normal, dass junge Staatsbürger dies als ihre Pflicht empfinden.

Deutet sich in dem Gespräch schon das Konfliktpotenzial an, so setzte nach der Veröffentlichung eine Art Shitstorm gegen Stein ein. Zu allem Überfluss hatte Stein nämlich, der sich selbst als liberal-konservativ versteht, auch Kritik an Björn Höcke geäußert. Dieser hätte lieber Lehrer bleiben sollen. Höcke habe letztlich keinen Sinn für das Politische. Das Gespräch wurde noch vor Höckes Auftritt bei „Ungeskriptet“ aufgenommen, wurde aber in der Szene vor allem als Kritik Steins an diesem journalistischen Umgang mit dem AfD-Chef gewertet. Der Tenor der Kritik: Stein sei ein Nostalgie-Konservativer, der am liebsten zurück zur Kohl-CDU wolle, sich den etablierten Eliten anbiedere und letztlich nur Mainstream verkörpere. Stein fühlte sich schließlich dazu bemüßigt, auf dem JF-Kanal in einem Interview die Wogen zu glätten. Offenbar gab es berechtigte Sorge, dass das Ganze der Zeitung Abonnenten kosten könne.

Was beweist der Fall? Die Rechte ist eben nicht die Rechte. Hier haben sich ganz unterschiedliche, heterogene Ströme unter einem Dach versammelt. Freilich, je undifferenzierter dieses Spektrum analysiert wird, umso mehr wirken die Klebekräfte. Kurz: Die Reihen werden geschlossen, wenn von links Feuer kommt. Der politischen Kultur würde es aber weiterhelfen, wenn sich diese Szene mehr ausdifferenziert. Das zuzulassen beziehungsweise durch kluge Fragen zu befördern, wäre eine Aufgabe für Linke. Bisher sieht es noch nicht so aus, als ob das schon viele erkannt hätten.

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