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Nach der Erdbeben-Wahl: Es bebt weiter

Bisher läuft alles nach AfD-Drehbuch. Die „Etablierten“ scheinen es kaum zu merken.
Alice Weidel, Parteivorsitzende, auf der Pressekonferenz am Tag nach den beiden Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen
Foto: IMAGO/Chris Emil Janssen (www.imago-images.de) | Blauer Himmel im Osten: Die AfD darf sich über einen Sieg freuen. Die Floskeln der etablierten Parteien stärken ihnen nur den Rücken.

Erdbeben – ein Wort, das gestern viele auf ihrem Sprechzettel stehen hatten, Politiker, Journalisten, Experten. Die Wahlen in Sachsen und Thüringen sind aber ein Erdbeben mit Ansage. Es gehört nicht viel analytische Kompetenz dazu, aufzuzeigen, was es für die politische Kultur bedeutet, wenn die AfD doppelt so viele Stimmen auf sich vereinigen kann wie die Parteien, die aktuell die Bundesregierung stellen. Das, was gestern etwas mühsam immer noch als Schock-Nachricht verbreitet werden sollte, ist längst ein alter Hut. Die Wahlergebnisse konnten niemanden überraschen. Alle Parteien hatten also genug Zeit, sich auf die eigentliche Arbeit vorzubereiten, die jetzt beginnt. 

Die AfD kann sich zurücklehnen 

Aber haben sie das? Zweifel sind angebracht. Vor allem fehlt die Einsicht: Das Erdbeben ist keineswegs überstanden, es bebt kräftig weiter. Die kommenden Tage werden aus Sicht der Wähler zu einer Art Nagelprobe der Demokratie. Wie lange dauert es, bis eine Regierung zustande kommt?  Wie gehen die Parteien miteinander um? Konstruktiv oder intrigant? Und welche Rolle spielen dabei die beiden Paria, die diese Außenseiterposition allerdings nur aus Sicht des Establishments einnehmen, von den Wählern aber zu den Gewinnern gekürt worden sind: AfD und BSW?

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Die AfD kann sich ganz entspannt zurücklehnen. Bisher läuft alles genau nach ihrem Drehbuch. Sie wird zu keinen Gesprächen eingeladen werden: Die Blauen werden also weiter von den „Kartellparteien“ ausgrenzt – so heißt das im AfD-Sprech. Ihre multimedialen Kampagnen kann sie in diesem Sinne weiter fortsetzen. Auch die relativ wahrscheinlichen Verhandlungen zwischen CDU und BSW in beiden Ländern kann sie von der Seitenlinie kommentieren. Die Union könnte die dafür notwendige Selbstverbiegung am Ende lähmen. Und das BSW – so dann die Parole der AfD – hätte sich mit den „Kartellparteien“ gemein gemacht. 

Es hängt an der Kommunikation 

Alle nicht-blauen Politiker werden so zu Statisten im Film, der nach dem AfD-Narrativ gedreht wird. Was die „Etablierten“ nur sehr zögerlich begreifen: Jede Phrase, die vor der vermeintlichen faschistischen Machtübernahme warnt, führt dazu, dass die AfD in ihrem Drehbuch ein Häkchen machen kann: Prima, auch diese Szene ist im Kasten.

Gibt es Wege aus dieser Falle? Es hängt an der Kommunikation, so banal ist das. Kein taktisches Sprechen mehr, weg von den Floskeln hin zu Gedanken. Und im Umgang mit der AfD, mit dem BSW müssen die aufgeschreckten Hühner endlich in den Stall zurück. Stattdessen ist kalte Höflichkeit gefragt. Bekommen die „Etablierten“ hier nicht endlich einen Imagewechsel hin, wird schon bald das ganze Land zum Erdbeben-Gebiet.

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Sebastian Sasse Alternative für Deutschland CDU

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