Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

In Deutschland herrscht Therapiefreiheit

Der CDU-Politiker Hendrik Streeck hat nicht dem prinzipiellen Ausschluss von Hochbetagten von Therapien das Wort geredet. Das wäre auch mit dem Menschenbild des Grundgesetzes nicht vereinbar.
Der CDU-Politiker Hendrik Streeck
Foto: IMAGO / Daniel Kubirski | Hendrik Streeck hat Recht, wenn er argwöhnt, das Gesundheitssystem setze „falsche Anreize“.

Hendrik Streeck hat sich korrigiert. „Es geht nicht ums Sparen, sondern darum, Menschen etwas zu ersparen: Wie wir sie in ihren letzten Lebensphasen verantwortungsvoll begleiten – statt sie aus falschen Anreizen überzuversorgen“, schreibt der Bonner Virologe, der bei der diesjährigen Bundestagswahl für die CDU den Wahlkreis von Konrad Adenauer zurückeroberte, jetzt in einem Gastbeitrag für den Bonner Generalanzeiger und die Rheinische Post.

Lesen Sie auch:

Zuvor hatte der neue Drogenbeauftragte der Bundesregierung in einer Talkrunde der Welt-TV-Sendung Meinungsfreiheit klare und verbindliche Leitlinien für die Vergabe von Medikamenten gefordert und dabei eine teure Krebstherapie für eine hundertjährige Frau in Frage gestellt: „Es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte“, sagte Streeck.

Sturm der Entrüstung

Der Sturm der Entrüstung derer, die darin eine Altersdiskriminierung erblickten, ließ nicht lange auf sich warten. Heftige Kritik kam sowohl von SPD und FDP als auch von den Kirchen. Auch Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) distanzierte sich. Dabei hätte eigentlich schon die Formulierung „auch nicht mehr einfach so“ anzeigen können, dass Streeck nicht dem prinzipiellen Ausschluss von Hochbetagten von Therapien das Wort geredet hatte.

Das wäre auch mit dem Menschenbild des Grundgesetzes nicht vereinbar. Ihm zufolge ist jeder Mensch einzigartig, unwiederholbar und unwiederbringlich. Und deshalb ist sein Leben genauso kostbar, wie das eines jeden anderen. Worum es wirklich geht, ist im Grunde völlig anders gelagert. In Deutschland herrscht Therapiefreiheit. Ist eine Therapie medizinisch indiziert, dann hat dem Menschenbild des Grundgesetzes zufolge jeder Anspruch auf diese, bei dem genau dies der Fall ist – unabhängig vom Alter.

 „Sprechende Medizin“ wird zu schlecht vergütet

Ob eine Therapie induziert ist oder nicht, hängt auch nicht vom Preis ab, sondern einzig und allein davon, ob der erwartbare Nutzen für den jeweiligen Patienten, den möglichen Schaden (meist in Form von Nebenwirkungen) überwiegt, und sein Leiden entweder zu beheben oder spürbar zu lindern vermag. Aber eben genau das ist in der Praxis keineswegs immer der Fall. Auch wenn heute die sogenannte „Therapiezieländerung“ vielerorts dafür bereits sorgt, dass Menschen nicht übertherapiert werden, so gibt es doch weiterhin Fälle, in denen Ärzte sinnlose Therapien verordnen. Sei es, um abrechenbare Leistungen zu generieren, sei es, um sich selbst zu vergewissern, dass sie das ihnen Mögliche auch tatsächlich ausgeschöpft haben.

Um weder der einen noch der anderen Versuchung zu erliegen, brauchen Ärzte mehr Zeit für die Kommunikation mit den Patienten sowie für die Reflexion über sie. Die sogenannte „sprechende Medizin“ ist aber im aktuellen Gesundheitssystem fälschlicherweise zugleich jene, die mit am schlechtesten vergütet wird. Streeck hat also Recht, wenn er argwöhnt, das Gesundheitssystem setze „falsche Anreize“.

Rotstift bei versicherungsfremden Leistungen ansetzen

Darüber hinaus hat der Gesetzgeber die Solidargemeinschaft der Krankenversicherten dazu vergattert, mit ihren Beiträgen etliche versicherungsfremde Leistungen zu finanzieren, die gar keine Heilbehandlungen sind, sondern in die Rubriken „Lifestyl-“ und „Wunschmedizin“ fallen. Wer ernsthaft sparen will, der täte gut daran, zunächst hier den Rotstift anzusetzen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Rehder CDU FDP Lebensschutz SPD

Weitere Artikel

Die CDU ist gekennzeichnet durch eine permanente Suche nach ihrer wahren Identität. Verwaltet sie am Ende einen christlich grundierten Liberalismus?
13.03.2026, 19 Uhr
Sascha Vetterle

Kirche

Schluss mit dem Museum im Apostolischen Palast in Castel Gandolfo: Leo XIV. kehrt in die ursprüngliche Sommerresidenz der Päpste zurück.
30.05.2026, 17 Uhr
Giulio Nova
„Wissen muss mit Gewissen zu tun haben“, fordert der Wiener Erzbischof Josef Grünwidl beim Festakt zum 80. Geburtstag der Katholischen Hochschulgemeinde Wien.
29.05.2026, 14 Uhr
Laetitia Mayr
Was Papst Leo XIV. über die Liturgie sagt, könnte auch von Benedikt XVI. stammen. Und auch eine Botschaft für die deutschen Katholiken lässt sich seiner Katechese entnehmen.
29.05.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Die Botschaft des Papstes lautet, dass große Veränderungen nur gemeinsam zu erreichen sind – und Umkehr immer möglich ist.
30.05.2026, 11 Uhr
Henry C. Brinker