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Nach Attentatsversuch: Die Progressiven sollten sich rhetorisch mäßigen

Von linker Seite wird Trump schon seit langem behandelt, als wäre er die Inkarnation des Bösen schlechthin. Da wundert es nicht, wenn manch verirrte Seele bis zum Äußersten geht.
Auf Donald Trump wurde schon wieder ein Attentat verübt werden
Foto: IMAGO/JIM RUYMEN (www.imago-images.de) | Das zweite gescheiterte Attentat auf Trump innerhalb von zwei Monaten wird dem 78-Jährigen politisch eher nutzen, als dass es ihm schadet.

Wer nach Donald Trumps eher enttäuschendem Auftritt in der TV-Debatte mit Kamala Harris dachte, im US-Wahlkampf sei bereits eine Vorentscheidung gefallen, dürfte spätestens jetzt eines Besseren belehrt worden sein: Offenbar vereitelten Sicherheitskräfte am Sonntag ein weiteres Attentat auf den früheren Präsidenten und abermaligen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner, als dieser sich auf seinem Golfplatz in West Palm Beach im Bundesstaat Florida befand. Ein Verdächtiger ist bereits gefasst worden, das FBI bestätigte, dass Trump „Ziel eines mutmaßlichen Attentatsversuchs“ geworden sei.

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Es sind solch völlig unvorhersehbare Ereignisse, die in diesem von Überraschungen und unerwarteten Wendungen geprägten Rennen um das Weiße Haus am Ende das Zünglein an der Waage ausmachen können. Denn eines ist sicher: Das zweite gescheiterte Attentat auf Trump innerhalb von zwei Monaten wird dem 78-Jährigen politisch eher nutzen, als dass es ihm schadet. Regelmäßig spricht Trump davon, die USA seien unter Führung der Demokraten eine „Nation im Verfall“ und beklagt eine „Hexenjagd“ gegen seine Person. Mordversuche wie nun in Florida liefern ihm handfeste Belege für seine Thesen.

Überbietungswettbewerb an Superlativen des Schreckens

Man muss Trumps Untergangsrhetorik und die düsteren Bilder, die er den Bürgern für den Fall eines Wahlsiegs von Kamala Harris heraufbeschwört, nicht vollumfänglich teilen. Was man dem Republikaner allerdings zugestehen muss: Von linker Seite, insbesondere auch von einigen linksliberalen Medien, wird Trump schon seit langem regelrecht verteufelt und mit maximaler Abneigung behandelt, als wäre er die Inkarnation des Bösen schlechthin. Dass dieser Überbietungswettbewerb an Superlativen des Schreckens für manch verirrte Seele den Weg von der verbalen Kritik hin zum gewaltsamen Widerstand ebnen kann, gehört zur Wahrheit dazu, wenn nun mit größtenteils erwartbaren Floskeln die Bestürzung über den Attentatsversuch zum Ausdruck gebracht wird.

Es mag durchaus berechtigte Argumente dafür geben, Trump als Gefahr für die amerikanische Demokratie, die Gewaltenteilung und eine reibungslose Übergabe der Regierungsgeschäfte an die rechtmäßig gewählten Volksvertreter zu betrachten. Dennoch muss sich auch das progressive Lager rhetorisch mäßigen. Mit ideologischen Scheuklappen agieren beide Seiten. Doch zum Äußersten scheint das bislang nur die Gegner Trumps zu treiben.   

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Maximilian Lutz Donald Trump Kamala Harris

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