Würzburg

Militärexperte van Creveld: EU ohne Einfluss im Nahost-Konflikt

Die Europäische Union sei zu schwach, um auf den Konflikt zwischen Iran und den USA einwirken zu können, meint der Militärexperte Martin van Creveld. Dem Iran wiederum gehe es nicht darum, eine Atombombe zu bauen, sondern um die Abschreckungswirkung auf die USA.
Regimeanhänger protestieren gegen die USA
Foto: Rouzbeh Fouladi (ZUMA Wire) | Van Crefeld ist der Meinung, die Iraner wollten im Endeffekt keine Atombombe bauen, sonst hätten sie es schon längst tun können.

Für den Militärexperten Martin van Creveld spielen Deutschland und die Europäische Union keine Rolle, um auf die derzeitige Konfliktlage im Nahen Osten einzuwirken. „Ich finde Europa ganz uninteressant. Wer schert sich um diese – entschuldigen Sie den kräftigen, aber passenden Ausdruck – Waschlappen?“, meint van Creveld im Gespräch mit der „Tagespost“. Auch die ehemaligen großen Nationen Großbritannien und Frankreich hätten im Nahen Osten absolut keinen Einfluss.

Iran getrieben von Angst vor den USA

„Die Europäische Union ist einfach zu schwach“, so der emeritierte Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem weiter. Die EU-Länder würden keine militärische Macht besitzen. Den Zustand der Bundeswehr nennt der 73-Jährige einen „schlechter Witz“. Zwar gehöre für Deutschland nach 1945 der Grundsatz zur Realpolitik: „Wenn es anderen erlaubt ist, so doch nicht dir.“ Franzosen und Briten hätten dieses Problem jedoch nicht, „aber sie sind aus anderen Gründen schwach“.

Den Iran sieht van Creveld zurecht „getrieben von ihrer Angst vor den USA“. Diese seien zwar innenpolitisch ein demokratisches und liberales Land. Das gelte jedoch nicht für die US-amerikanische Außenpolitik. „Das wissen die Iraner und haben deshalb Angst“, so der Verfasser zahlreicher Untersuchungen zu militärgeschichtlichen Fragen.

Iran navigiert auf "sehr dünner Linie"

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Die politischen Eliten des Iran hätten gesehen, wie der libanesische Diktator Muammar al-Gaddafi und im Irak Saddam Hussein durch das Eingreifen der USA gestürzt worden seien. „Und sie haben selbst erlebt, wie die Nachrichtendienste der USA und Großbritannien den iranischen Premierminister Mohammad Mossadegh 1953 gestürzt haben.“ Die neuen Eliten im Iran hätten schon seit der Islamischen Revolution 1979 Angst vor den USA. So lasse sich auch die vorherrschende Überzeugung erklären, „dass nur die Entwicklung oder Beschaffung von Kernwaffen ihnen Schutz bietet, denn militärisch sind sie ansonsten unterlegen“.

Die Atomwaffenfrage sei es, die zum Konflikt mit den USA und Israel führe. „Es ist ein sehr gefährliches Spiel momentan. Der Iran navigiert auf einer sehr dünnen Linie“, meint van Creveld. Einerseits wolle der Iran keinen Krieg mit den USA, „aber sie wollen sich absichern vor den USA“. Er glaube, so van Creveld, die Iraner wollten im Endeffekt keine Atombombe bauen, sonst hätten sie es schon längst tun können. Dem Iran gehe es vielmehr darum, sich in eine Position zu bringen, in der sie schnelle eine Bombe bauen könnten, „um so drohen zu können, ohne eine Atombombe zu besitzen“.

DT/mlu

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Redaktion Europäische Union Mohammad Mossadegh Muammar al-Gaddafi Naher Osten Nahost-Konflikt Saddam Hussein

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