Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung

Migration: Edenhofer kritisiert "Wirklichkeitsverweigerung"

Die epochalen Herausforderungen könnten nur durch einen "geordneten Multilateralismus gemeistert werden", meint Ottmar Edenhofer in seiner Dankrede bei der Verleihung des Romano-Guardini-Preises durch die Katholische Akademie Bayern.
Klimaforscher Edenhofer
Foto: Z1001 Nestor Bachmann (dpa-Zentralbild) | Der Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung (PIK) steht neben einem Globus im Institutsgebäude in Potsdam. Foto: Nestor Bachmann dpa/lbn+++(c) dpa - Bildfunk+++

Der Potsdamer Klimaforscher Ottmar Edenhofer hat mehr Realpolitik im Umgang mit Flüchtlingen und Migranten angemahnt. Wer heute vor allem Härte und Abwehr an Außengrenzen fordere, sei kein Realpolitiker, sondern "verweigere sich der Wirklichkeit" und habe "die Dimension des Problems nicht einmal im Ansatz verstanden", sagte Edenhofer am Mittwoch in München. Europa könne die Kriege im Nahen Osten ebenso wenig ignorieren wie die ethnischen Konflikte und die Folgen des Klimawandels in Afrika und anderen Teilen der Welt.

Derart epochale Herausforderungen könnten nur durch einen "geordneten Multilateralismus gemeistert werden", betonte Edenhofer. Dazu zählten die Bekämpfung von Fluchtursachen, eine menschenwürdige Aufnahme von Geflüchteten und eine faire Verteilung der Lasten der Migration. "Wenn Europa seine Identität bewahren will und nicht untätig zusehen möchte, wie es die Kontrolle verliert, muss es sich diesen humanitären Herausforderungen stellen." Es sei für ihn eine "große Ermutigung", dass die Kirchen in Deutschland und auch Papst Franziskus "mit aller Klarheit an die Maßstäbe erinnern, die für Christen in der Politik gelten sollten".

Der Forscher wurde von der Katholischen Akademie Bayern mit dem Romano-Guardini-Preis für seine herausragenden Leistungen als Politikberater und öffentlicher Mahner ausgezeichnet. Dabei würdigte auch Bayerns Umweltminister Marcel Huber (CSU) Edenhofers "fundierte Denkanstöße".

In seiner Dankrede ging Edenhofer auf seine Vergangenheit im Jesuitenorden ein, dem er sieben Jahre angehörte. 1990 übernahm er die Leitung der Flüchtlingshilfe der Jesuiten in Kroatien und Bosnien. Nur wenige Ereignisse in seinem Leben hätten ihn so verstört und seine Gewissheiten so sehr erschüttert wie diese zwei Jahre, sagte der Forscher. Mitten in Europa hätten "nationalistischer und ethnischer Wahnsinn" zivilisatorische Standards zusammenbrechen lassen.

Er sei aber dankbar gewesen, dass er für eine Institution habe arbeiten können, "die ihre Identität gerade nicht in der nationalen oder ethnischen Abgrenzung sucht, sondern an die menschliche Würde appelliert, die allen Menschen gemeinsam ist, die also im wahrsten Sinne des Wortes katholisch ist", fügte der Preisträger hinzu.

KNA / DT (jbj)

Themen & Autoren
CSU Ethnische Konflikte und Unruhen Nationalismus Papst Franziskus

Weitere Artikel

Beim Fußball stehen sie am Spielfeldrand, in politischen Krisen schaltet man sie zu, wenn es ganz schlimm kommt, übernehmen sie die Regierung: Experten. Warum wir sie trotzdem brauchen.
03.07.2026, 17 Uhr
Josef Bordat
Ulf Poschardt legt nach seiner Kritik am „Shitbürgertum“ mit einem neuen Buch nach. Nun liest er dem „Bückbürgertum“ die Leviten. Sogar Selbstkritik hat darin Platz – zumindest ein wenig.
17.07.2026, 11 Uhr
Jakob Ranke
Die Eden Academy will junge Menschen zu Persönlichkeiten formen, die die Gesellschaft gestalten, anstatt sich von ihr treiben zu lassen.
09.11.2025, 15 Uhr
Theresia Mair

Kirche

Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser