Kommentar um "5 vor 12"

Mehr Ordens-Frauen, bitte?

Bundespräsident Steinmeier will eine Frauenquote bei Ordensverleihungen. Das wirkt fadenscheinig.
Bundespräsident Steinmeier
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l) verleiht im Jahr 2021 den Verdienstorden an die Holocaust-Überlebende Regina Steinitz - in diesem Fall unzweifelhaft verdient.

Demnächst müssen sie noch eine Quote für Quoten einführen. Wie viele Quoten brauchen wir eigentlich, damit alles gerecht zugeht? Offenbar ist eine für Orden noch überfällig, findet zumindest Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Denn seiner Meinung nach gehen zu wenig Orden an Frauen: Nur einer von drei Ordensträgern ist weiblich.

Das Gegenteil von Durchschnitt und Mittelwert

Zunächst einmal muss man die offensichtliche Widersprüchlichkeit der ganzen Sache betrachten: Ein Orden ist eigentlich eine außergewöhnliche Auszeichnung für eine außergewöhnliche Leistung. Genau das Gegenteil von Durchschnitt und Mittelwert. Es geht nicht um das Verhalten einer Gruppe, sondern um ein herausragendes Individuum, ganz egal, ob Frau oder Mann. 

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Allerdings wirft der Bundespräsident eine gute Frage auf: Warum gehen mehr Orden an Männer als an Frauen? Dafür gibt es mehrere Erklärungsmöglichkeiten. Theoretisch könnte es daran liegen, dass es weniger Frauen als Männer gibt, die in herausragender Weise etwas für die Gesellschaft leisten. Möglich wäre aber auch, dass in der Vermittlung etwas schiefläuft. Sieht die Gesellschaft weibliches Engagement eher selbstverständlich? Dann wäre eine Quote nicht sinnvoll. Sie würde den Blick zu sehr auf das Endprodukt lenken. Wichtig wäre es – wie Steinmeier auch vorgeschlagen hat – besser hinzusehen, mehr Aufmerksamkeit auf Frauen und weibliches Engagement zu lenken.

Ein weiterer Punkt könnte das Umfeld sein, in dem Orden verliehen werden. Jeder kann theoretisch jeden oder jede für einen Orden vorschlagen. Aber wer weiß das und tut das schon? Aus welchen Kreisen kommen die Leute, die andere für die Auszeichnung nominieren? Und wer wertet die Vorschläge aus? Wenn es ein Sexismus-Problem oder eine sonstige Benachteiligung gibt – etwa wirtschaftlich oder sozial – könnte das sowohl mit den Menschen, die ausgezeichnet werden als auch mit denen, die die Ordensträger auswählen, zusammenhängen.

Der Mangel an Ordensträgerinnen hängt an vielen Faktoren

Der Mangel an Ordensträgerinnen hängt an vielen Faktoren. Erst eine Analyse dieser Faktoren kann wirklich zeigen, ob dieser Mangel wirklich ein Problem ist, das wir mit einer Quote lösen können. Wenn es tatsächlich gerade weniger Frauen geben sollte, die Herausragendes für die Gesellschaft leisten, dann müsste die Lösung anders lauten. Wir müssten dann Wege finden, Mädchen zu fördern, gesellschaftliches Engagement attraktiv machen, ihnen Vorbilder zur Seite stellen, ohne sie mit einem Quotenorden abzuspeisen. 

Die Frauenquote für Orden scheint fadenscheinig: Zwar sind Quoten gerade modern – und in einigen Kontexten mögen sie durchaus sinnvoll sein. Aber hier schlägt man eine Abkürzung ein. Frauen sollen kein PR-Gimmick sein, das Politikern die Ordensbühne schmückt. Wenn sie in einem gesellschaftlichen Bereich kürzer greifen als Männer, sollte man sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Die Symptome zu behandeln bringt nichts. Wir müssen an die Wurzeln gehen. Und gerade bei Orden, bei denen es um die Leistung eines Individuums geht, ohne Rücksicht auf Geschlecht oder sonstige Identität, stellt sich wirklich die Frage, ob eine Quote das richtige Instrument dafür ist.

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Sally-Jo Durney Frauenanteile Religiöse Orden

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