Liverpool

Liverpool: Die Motive des Anschlags bleiben rätselhaft

Eine getäuschte Konversion? Der Anschlag eines konvertierten Muslim in Liverpool löst Fragen aus. Kirchenvertreter äußerten sich nachdenklich.
Vorfall im Frauenkrankenhaus von Liverpool
Foto: Peter Byrne (PA Wire) | Der Tatort: Das explodierte Taxi wird vor dem Frauenkrankenhaus in Liverpool wegtransportiert.

Nach der Bombenexplosion von Liverpool vor einem Frauenkrankenhaus, die wohl eigentlich die anglikanische Kathedrale zum Ziel gehabt hatte, bewegt die Suche nach den Motiven und dem Hintergrund des Attentäters die britische Öffentlichkeit. Die Tat am Remembrance Day, dem Gedenktag für die Kriegstoten, hat für Erschrecken im ganzen Land gesorgt. Vieles bleibt bislang rätselhaft und unklar. Insbesondere um die Konversion des Attentäters vom Islam zum Christentum, die viele Zeitungen auf der Titelseite groß herausstellten, gibt es Fragen und Zweifel.

In der anglikanischen Kathedrale auf Konversion vorbereitet

Der Täter Emad Al Swealmeen, ein abgelehnter Asylbewerber, der vor sieben Jahren nach Großbritannien kam, ist bei dem Anschlag selbst gestorben. Er war am Vormittag des 14. November in ein Taxi gestiegen und wollte zur nahen Kathedrale fahren. Dort begann wenige Minuten später ein großer Gedenkgottesdienst mit etwa 1.200 Soldaten, Veteranen und ihren Familien. Wegen einer Straßensperrung konnte das Taxi aber nicht zur Kathedrale fahren, deshalb änderte er die Route und ließ sich zu einem nahen Krankenhaus bringen. Der Taxifahrer fand sein Benehmen verdächtig und versperrte die Türen. Kurz darauf gab es eine Explosion, der verletzte Taxifahrer konnte sich mit Mühe aus dem Auto retten, das anschließend komplett in Flammen aufging. Premierminister Boris Johnson und Medien haben den Taxifahrer als Helden gepriesen, der durch seine mutige und geistesgegenwärtige Reaktion Menschen das Leben gerettet hat.

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Al Swealmeen, der aus dem Irak stammt, bei seiner Einreise über die Türkei aber Syrien als Geburtsland angab, hatte 2014 Asyl in Großbritannien beantragt. Nach der Ablehnung bereitete er sich in der anglikanischen Kathedrale auf eine Konversion vor. Er besuchte Bibelkurse, ließ sich taufen und wurde 2017 konfirmiert. Acht Monate lang lebte er in dieser Zeit bei einem christlich engagierten pensionierten Oberst und dessen Frau. Sie verloren dann aber den Kontakt zu Al Swealmeen. Auch in der Kirche ließ er sich nicht mehr blicken. Später stellte der junge Mann, der zeitweise als Pizzabäcker arbeitete, unter einem falschen Namen abermals einen Asylantrag. Im April dieses Jahres zog er in Liverpool in eine andere kleine Wohnung um und begann laut Polizeierkenntnissen spätestens in  dieser Zeit, Chemikalien für den Sprengstoff TATP zu kaufen. Dieser leicht selbst zu mischende, aber auch extrem instabile Sprengstoff wurde schon von vielen islamistischen Attentätern eingesetzt, so auch bei dem verheerenden Bombenanschlag auf ein Popkonzert in Manchester vor vier Jahren, bei dem 22 Menschen starben.

Welche Motive standen hinter der Konversion?

Wie jetzt herauskam, besuchte Al Swealmeen seit dem Frühjahr wieder intensiv eine örtliche Moschee. Während des Ramadan im April und Mai sei er „jeden Tag den ganzen Tag in der Moschee“ gesehen worden, sagten Augenzeugen. Streit gibt es nun um die Motive seines angeblichen Übertritts zum Christentum. Aus dem Home Office, dem Innenministerium, hieß es, Asylbewerber würden häufig eine Konversion nur vortäuschen, um „das System auszutricksen“. Ein Schein-Übertritt zum Christentum erhöhe ihre Chancen auf eine Aufenthaltsgenehmigung. Die Methode ist als „pray to stay“ (Beten um zu bleiben) bekannt. Ein hoher Beamter aus dem Haus von Innenministerin Priti Patel kritisierte, die Kirchen würden faktisch beim Missbrauch des Asylsystems helfen. Die anglikanische Kirche sagte zu diesem Vorwurf, ihr sei kein Missbrauch bewusst.

Sind die Kirchen zu gutgläubig?

Es gibt jedoch auch andere Stimmen. Der frühere langjährige anglikanische Bischof von Rochester, Michael Nazir-Ali, fragte in einem Gastbeitrag in der Zeitung „Daily Telegraph“, ob die Kirchen manchmal „zu gutgläubig“ seien. Es gebe Berichte, dass Menschenschmuggler Asylbewerber mit geringen Chancen vorgeben würden, dass sie zum Christentum konvertieren. Dann könnten sie sagen, sie würden bei einer Rückkehr in ihr Heimatland verfolgt. Der Fall von Al Swealmeen werfe „die Frage über die Rolle der Kirchen auf und ob sie, im Bestreben Gutes zu tun, naiv sind, die Asylwünsche von christlichen Konvertiten zu unterstützen“.
Der frühere Bischof Nazir-Ali, gebürtig aus Pakistan, der mit deutlichen Warnungen vor dem Islamismus bekannt wurde, ist aus der anglikanischen Kirche ausgetreten und vor kurzem zum katholischen Glauben konvertiert. Vor einigen Wochen wurde er als Priester geweiht. Nazir-Ali schrieb nun: „Eine Art, um zu beurteilen, ob eine behauptete Konversion echt ist, kann sein zu schauen, ob das Interesse am Christentum aufkam, bevor oder nachdem ein erster Asylantrag oder ein Einspruch abgelehnt wurden.“ Nazir-Ali kritisierte zugleich, dass Großbritannien nicht genug tue, um Christen aus Syrien oder dem Irak zu helfen, die in den UN-Flüchtlingslagern kaum leben könnten, weil diese von Islamisten dominiert würden.

Allein in Liverpool sind in der anglikanischen Kathedrale in den vergangenen vier Jahren etwa 200 Asylbewerber nach ein paar Wochen Bibelkursen zum Christentum übergetreten. Wie die Zeitung „Catholic Herald“ berichtete, wüchsen nun die Zweifel daran.

Hannah Chowdhry von der British Asian Christian Association (BACA) sagte, es sei noch zu früh, über den Fall von Liverpool und die Motivationen des Attentäters zu urteilen. „Aber es würde viele Fragen aufwerfen, wenn sich bestätigt, dass dies faktisch eine islamistische Attacke war.“ Es sei in der asiatisch-christlichen Gemeinschaft bekannt, dass „nicht jeder Asylbewerber, der die Kirche betritt, ein echter Konvertit“ sei. „BACA hat von einigen Kirchen gehört von Leuten, die durch den Prozess der Taufe, des Bibelstudiums und der Kirchenmitgliedschaft gehen, nur um dann zu verschwinden, wenn sie ein legales Aufenthaltsrecht bekommen“.

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