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Linksextremismus: Auch dieser Schoß ist fruchtbar

Das kommt dabei raus, wenn Linksextremismus systematisch verniedlicht wird: In Berlin solidarisieren sich Demonstranten mit RAF-Terroristin Daniela Klette.
RAF-Solidaritäts-Demonstration linker Gruppen in Berlin
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Bei einer Demonstration linker Gruppen unter dem Motto «Solidarität mit den Untergetauchten und Gefangenen» tragen Teilnehmer ein Transparent mit der Aufschrift "Freiheit entsteht als kämpfende Bewegung".

Stellen wir es uns nur einen Moment kurz vor: Als Beate Zschäpe vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, hätte es Solidaritätsdemonstrationen für die Rechtsterroristin gegeben, ganz Deutschland wäre im Alarmzustand gewesen. Und zwar auch vollkommen zurecht. Schließlich ist es für jeden, dem etwas an unserem Rechtsstaat liegt, unerträglich, wenn in solcher Weise für Feinde unserer Ordnung Partei ergriffen wird.

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Immerhin: Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat klar verurteilt, dass sich am Samstag Hunderte in Berlin versammelt haben, um sich mit der verhafteten RAF-Terroristin Daniela Klette zu solidarisieren. Trotzdem: Es gibt immer noch vielfach die Vorstellung, linker Terror sei irgendwie nicht ganz so schlimm wie rechter. Der Linksterrorist als gefallener Engel: Der Mythos vom im Grunde guten Robin Hood, der doch nur den Armen helfen will, dann aber durch widrige Umstände auf Abwege gerät – darauf könnten sich wohl weite Teile der deutschen  Linken auch heute noch einigen.

Rechter Dunkelmann, linke Lichtgestalt

Diese tendenziell breite linke Binnensolidarität, vom Seeheimer Kreis bis zu Fridays for Future, hat dazu geführt, dass die Aufarbeitung der eigenen historischen Fehlleistungen in diesem politischen Spektrum unzureichend ist. Klar: So lange der Rechte an sich schon automatisch der Inbegriff des Dunkelmannes ist, muss der Linke logischerweise zur Lichtgestalt werden. Politisches Yin und Yang.

Dabei dürfen wir nicht vergessen: Aus jenen studentischen Milieus, in denen in den 70er Jahren jene „klammheimliche Freude“ an den Verbrechen der RAF en vogue wurde, ist mittlerweile eine Elite herausgewachsen, die dank des Marsches durch die Institutionen saturiert und einflussreich geworden ist. Nun, im Pensionsalter, lebt man zwar rechts, fühlt und denkt aber weiter links: Che Guevara in der Gründerzeitvilla. 

Gewiss, dieses Milieu hat vielleicht eher einen folkloristischen Bezug zur linken Ideologie. Würde die deutsche Öffentlichkeit das rechts durchgehen lassen? Sicher nicht. Der Samstag in Berlin hat gezeigt, dass auch für den Linksextremismus gilt: Der Schoß ist fruchtbar noch.

Weitere Hintergründe zur jüngsten Diskussion um die RAF lesen Sie in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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Sebastian Sasse Che Guevara RAF-Terroristen SPD

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