Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Würzburg

Kommentar: Von der Hybris besiegt

Boliviens zurückgetretener Präsident Morales begann seine Karriere als Volkstribun, der sich für die Rechte der Armen einsetzte. Mit zunehmender Dauer seiner Amtszeit schuf er sich jedoch immer mehr Feinde – und suchte sich die falschen Freunde. Sein politischer Übermut brachte ihn schließlich zu Fall.
Ex-Präsident Morales im mexikanischen Exil
Foto: Jair Cabrera Torres (dpa) | Legte sich mit allem an, was verdächtig nach US-Intervention, Kapitalismus oder Einmischung von nicht-sozialistischen Nachbarstaaten roch: Boliviens Ex-Präsident Evo Morales.

Die antike Warnung vor politischem Übermut hat seit der Antike nichts an ihrem Gehalt verloren. Die Fälle, in denen Politiker den richtigen Moment für ihren Rückzug fanden, sind seit Sullas Zeiten selten geworden. Evo Morales ist nur das jüngste Beispiel.

Lesen Sie auch:

Bolivien gestaltete er zum „plurinationalen“ Staat um

Dabei hatte der Mann, der die Karriere vom Koka-Bauern zum bolivianischen Präsidenten hinlegte, als Volkstribun begonnen, der sich für die Rechte der Armen und der Indigenen einsetzte. Morales posierte mit dem regenbogenfarbenen Banner der Aymara, das an präkolumbianische Zeiten erinnerte. Bolivien gestaltete er zum „plurinationalen“ Staat um. Sein Einsatz für Natur und Indigene bescherte ihm den Titel eines „World Hero of Mother Earth“ vonseiten der UN. Pachamama-Rituale und ein umfänglicher Krieg gegen die katholische Kirche als kolonialistisches Relikt durften auch nicht fehlen.

Überhaupt legte sich Morales mit allem an, was verdächtig nach US-Intervention, Kapitalismus oder Einmischung von nicht-sozialistischen Nachbarstaaten roch. Freunde fand er in Hugo Chávez, Fidel Castro und Mahmud Ahmadineschad. Seine lange Amtszeit bestätigten ihn in der eigenen Ansicht, unersetzlich zu sein. Bolivien ist immer noch das Armenhaus Lateinamerikas, aber Morales sorgte dafür, dass der Anteil der ärmsten der Armen kontinuierlich zurückging. Er rechnete mit dem Dank der Bolivianer.

Bereits 2016 lehnten die Wähler eine weitere Amtszeit ab

Doch bereits 2016 lehnten die Wähler eine weitere Amtszeit von Morales ab. Das Referendum, das die Verfassung im Sinne einer neuen Kandidatur ändern sollte, scheiterte. Zuletzt musste der Oberste Gerichtshof einspringen. Als der Sozialist einen Lithium-Deal mit Deutschland einfädelte, der den eigenen Staatskonzern bevorteilte, aber die Anwohner vom Wohlstand ausschloss, nahm die Opposition das dankbar als Wahlkampfhilfe auf. Die Manipulation am Wahltag war nur der letzte Tropfen. Anders als in Venezuela setzte sich keine Großmacht für einen Verbleib von Morales ein. Wer nicht weiß, wann seine Zeit zu Ende ist, wird aus dem Amt getragen. Manchmal auch von Militär und Polizei.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Marco Gallina Evo Morales Fidel Castro Hugo Chávez

Weitere Artikel

Die Umweltenzyklika „Laudato si’“ beschreibt ökologische Schäden als soziale Schäden und bindet Nachhaltigkeit an die klassischen Begriffe der Katholischen Soziallehre.
18.04.2026, 19 Uhr
Patrick Peters

Kirche

Ralph Brinkhaus fordert mehr Gottesbezug, Kardinal Marx hält sich lieber an die Vernunft. Doch wie jenseitig dürfen politische Ratschläge der Kirche dann noch sein?
16.05.2026, 13 Uhr
Jakob Ranke
Der DBK-Vorsitzende Heiner Wilmer verweist auf „Dynamiken“ bei der Prüfung der Satzung in den römischen Dikasterien.
16.05.2026, 12 Uhr
Meldung
Eine vatikanische Ehrung für den iranischen Botschafter am Heiligen Stuhl sorgt für Empörung – und für Missverständnisse. Eine Aufklärung.
15.05.2026, 10 Uhr
Stephan Baier