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Kein Journalismus unter der Regenbogen-Flagge

Bild-Politik-Chef Ralf Schuler streicht bei Springer die Segel. Der Medien-Konzern ist dem prominenten Hauptstadtberichterstatter zu unkritisch gegenüber der LGBTQ-Ideologie.
Ralf Schuler, Journalist
Foto: Müller-Stauffenberg via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | „Ich bin nicht bereit, für eine politische Bewegung und unter ihrer Flagge zu arbeiten“, schreibt Ralf Schuler in einem Brief an Bild-Chefredakteur Johannes Boie und den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner.

Die Sätze, mit denen sich Ralf Schuler vom Springer-Konzern verabschiedet, haben es in sich: „Ich bin nicht bereit, für eine politische Bewegung und unter ihrer Flagge zu arbeiten“, schreibt er in einem Brief an Bild-Chefredakteur Johannes Boie und den Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner. Der Kündigungsbrief liegt dem Magazin „Cicero“ vor, das ihn online komplett dokumentiert hat.

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Schuler, der seit 2013 die Bild-Parlamentsredaktion leitet, schreibt weiter: „Jedwede Diskriminierung ist von Übel. Sich gegen Diskriminierung zu wenden, bedeutet aber nicht, sich die Agenda der LGBTQ-Bewegung zu eigen zu machen, wie wir es derzeit tun. Im Geiste Axel Springers treten wir selbstverständlich im besten freiheitlich-bürgerlichen Sinne für die Rechte des Einzelnen ein, diskriminierungsfrei zu leben, solange er niemandes Freiheit beschneidet. Das bedeutet aber ausdrücklich nicht, dass wir ,fest an der Seite der LGBTQ-Community im eisenharten Kampf für Menschenrechte und gegen Diskriminierung‘ stehen, wie es ein stellvertretender Bild-Chefredakteur im täglichen Briefing dieser Tage schrieb. Vom stalinistischen Schwulst der Formulierung einmal abgesehen, stehe ich keiner politischen Bewegung ,fest zur Seite‘ und halte dies auch ganz grundsätzlich nicht für die Aufgabe von Journalisten.“ 

Wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland?

„Bild, BamS und Glotze“ brauche man an seiner Seite, wenn man in Deutschland politischen Erfolg haben wolle, sagte einmal Gerhard Schröder. Das gilt heute zwar nicht mehr so wie in den 90ern. Die Verkaufszahlen der Bild sind bei weitem nicht mehr so hoch wie um die Jahrtausendwende, aber die Zeitung ist immer noch das auflagenstärkste Blatt in Deutschland. Kurz: Die Boulevard-Zeitung ist noch immer das, was man kampagnenfähig nennt. Sie bestimmt mit, worüber die Deutschen in ihrer Mittagspause, beim Stammtisch oder in den Sozialen Medien diskutieren.

Apropos Soziale Medien: Der Fall Schuler gehörte am Freitagsvormittag, wie der Branchendienst Kress berichtet hat, zu den Top-Trends bei Twitter. Kein Wunder, denn er steht pars pro toto für das Megathema, das seit der Flüchtlingskrise die deutsche Öffentlichkeit beherrscht: Wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland?

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Durch Schuler, der 1965 in Ost-Berlin geboren worden und in der DDR aufgewachsen ist, bekommt diese Debatte nun eine besondere Note: Wenn jemand, der selbst die zweite deutsche Diktatur erlebt hat, nun von „stalinistischem Schwulst“ schreibt, mit dem für die LGBTQ-Bewegung im Verlag geworben werde, ist das Stichwort für eine Kontroverse geliefert: Ist die Bundesrepublik auf dem Weg in eine DDR 2.0?

Es geht auch um das Erbe Axel Springers

Freilich, auch diese Frage ist nicht neu. Sie wurde sowohl in der Flüchtlingskrise als auch in der Zeit der Corona-Pandemie immer wieder von den Ultras unter den Kritikern der Regierungspolitik angebracht und hier auch vor allem über die Sozialen Medien propagiert. Wenn aber nun mit Schuler jemand, der bis jetzt im Zentrum der politischen Hauptstadtpresse stand, vor Gefahren warnt, denen freie journalistische Berichterstattung ausgesetzt sei, dann ist diese Frage nicht mehr nur ein Thema der Twitter-Blasen. Es rückt auf die Hauptagenda vor.

Zudem: Wie geht es mit dem Springer-Konzern weiter? Springer – das war bisher ein Synonym für einen Journalismus, der vor allem dem Wert der Freiheit verpflichtet ist. Steht das Erbe von Verlagsgründer Axel Springer nun zur Disposition?

Allerdings, auch die Debatte um die Gefahren für die Freiheit birgt Gefahren. Artet sie zu einem bloßen Schützengrabenkampf bei Twitter aus? Oder atmen jetzt alle Beteiligten erst einmal tief durch und dann wird in der nötigen Ruhe über ein für unsere Demokratie existenzielles Thema diskutiert? Schon die nächsten Tage werden zeigen, wohin der Trend geht.

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