Kommentar um "5 vor 12"

Warum die „NYT“ Julian Reichelt bei „Bild“ rauskegelte

Was dem „Spiegel“ nicht gelang, erreichte nun die „New York Times“: Julian Reichelt ist nicht länger „Bild“-Chefredakteur. Neben journalistischer Aufklärung verfolgt die US-Traditionszeitung noch andere Ziele.
Ehemaliger «Bild»-Chefredakteur Reichelt
Foto: Roland Weihrauch (dpa) | Die Axel Springer SE hat Julian Reichelt aufgrund „neuer Erkenntnisse" über dessen Verhalten von seinen Aufgaben entbunden.

Ein Artikel vom vergangenen Sonntag aus der „New York Times“ mischt die hiesige Medienbranche gehörig auf: Denn Ben Smith, der renommierte Medienkolumnist der großen US-amerikanischen Tageszeitung, hatte darüber berichtet, dass Journalisten des Ippen-Verlags (unter anderem „Münchener Merkur“, „Frankfurter Rundschau“) über einen möglichen Machtmissbrauch gegenüber Frauen in der „Bild“-Chefredaktion berichten wollten – jedoch von ihrem eigenen Verleger hierbei gestoppt wurden. 

Gleichzeitig wurden in dem Artikel Vorwürfe des Machtmissbrauchs und Sexismus gegenüber „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt erneuert, die bereits im Frühjahr vom „Spiegel“ erhoben worden waren. Die Folge: Noch am Montagnachmittag, kaum 24 Stunden nach Artikelveröffentlichung, entband die Axel Springer SE aufgrund „neuer Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt“ diesen von seinen Aufgaben. „Welt am Sonntag“-Chefredakteur Johannes Boie übernimmt ab sofort die Redaktionsleitung.

Der „NYT“ nützt die Krise bei Axel Springer

Unter dem reißerisch anmutenden Titel „Vorwürfe über Sex, Lügen und eine heimliche Zahlung“ berichtete die „New York Times“ über die angeblichen Zustände bei Springer. Sie berief sich hierbei auf interne, wohl als glaubwürdig einzustufende Dokumente, in denen Machtmissbrauch, Mobbing und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen durch den nunmehr ehemaligen „Bild“-Chefredakteur geschildert werden. Für seinen Artikel konnte Smith auch auf die Recherchen des vom eigenen Verleger zurückgepfiffenen Ippen-Investigativteams zurückgreifen – sie veröffentlichten ihre Untersuchungen mittlerweile vollständig beim „Spiegel“. 

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Für Springer kommen all diese Nachrichten zur Unzeit – für die „NYT“ jedoch dürfte sich als Platzhirsch im amerikanischen Mediengeschäft die negative Berichterstattung über den Konkurrenten doppelt auszahlen. Denn Springer steht kurz davor, im großen Stil in den US-Medienmarkt einzusteigen: Mit dem Kauf des renommierten US-Nachrichtenportals „Politico“ tätigte der Berliner Medienkonzern die größte Finanzakquisition seiner Verlagsgeschichte – mindestens 650 Millionen Euro soll Springer der Kauf von „Politico“ gekostet haben, die Nachrichtenagentur Bloomberg wiederum will von einer Quelle erfahren haben, dass Springer mehr als 1 Milliarde Euro auf den Tisch gelegt haben soll. Auch Ben Smith beziehungsweise die „New York Times“ kamen nicht umhin, über diesen Mediencoup zu berichten und vor lauter Überraschung die Augenbrauen hochzuziehen.

Patriarchalischer und rückwärtsgewandter „Me Too“-Dinosaurier?

Doch jetzt erscheint Springer aufgrund der „NYT“-Berichterstattung innerhalb der weltweiten Medienlandschaft als patriarchalischer und rückwärtsgewandter „Me Too“-Dinosaurier, der nur so tut, als ob er modern, weltoffen und digitalaffin aufgestellt ist. Deswegen handelte der Springer-Konzern am Montag zeitnah und tauschte Julian Reichelt durch Johannes Boie aus. Denn gerade in den überaus politisch korrekten USA  – und das wissen sowohl Springer- CEO Matthias Döpfner als auch die „New York Times“ -  kann man mit derart peinlichen Interna keinen Blumentopf gewinnen.

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