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Kehrt der ethnische Krieg nach Darfur zurück?

Im Sudan gibt es immer mehr Anzeichen, dass der Krieg auch wieder auf die Region Darfur übergreifen könnte, wo er 2003 auch begonnen hatte, nur mit dem Unterschied, dass diesmal die sudanesische Armee auf Seiten der afrikanischen Sudanesen steht.
Gewalt im Sudan
Foto: IMAGO/Mohamed Khidir (www.imago-images.de) | Sudans Hauptstadt Khartum: Die „Rapid Special Forces“ (RSF) von General Hemeti Dagalo sind derzeit in einen gewaltsamen Machtkampf mit ihrem ehemaligen Verbündeten, der sudanesischen Armee unter Leitung von General ...

Der Sudan kommt nicht zur Ruhe: Die „Rapid Special Forces“ (RSF) von General Hemeti Dagalo sind derzeit in einen gewaltsamen Machtkampf mit ihrem ehemaligen Verbündeten, der sudanesischen Armee unter Leitung von General Burhan verwickelt, was zu einem Sicherheitsvakuum im Land geführt hat, das bewaffnete Stämme ausnutzen könnten. Vor allem in Darfur könnte der bisher vor allem in der Region Khartum geführte Krieg zu einer großen Bedrohung für die Menschen werden, weil auch aus Darfur die internationalen Hilfsorganisationen und Beobachter abgezogen wurden, die bislang die berüchtigten Dschandschawid-Milizen kontrolliert haben. General Dagalo gilt als Begründer dieser Milizen. 

Die Entwicklungen beunruhigen Einheimische und internationale Beobachter gleichsam. Die derzeitige Gewalt kann in gezielte ethnische Gewalt ausarten, insbesondere in El Geneina, der Hauptstadt des Bundesstaates West-Darfur, die bereits im vergangenen Jahr Schauplatz von Kämpfen zwischen arabischen und afrikanischen Stämmen gewesen ist. Seit Beginn des Bürgerkrieges berichten Bewohner, dass arabische Stämme Afrikaner angegriffen und Unterkünfte der Regierung sowie Lager für Binnenvertriebene niedergebrannt hätten. Lokale Regierungsbüros, zentrale Märkte, Krankenhäuser, Banken und Lagerhäuser internationaler humanitärer Organisationen wurden ebenfalls niedergebrannt oder geplündert. 

Der alte Krieg zwischen arabischen Rizeigat und afrikanischen Masalit 

Berichten zufolge sollen etwa 100 Menschen durch die Gewalt getötet worden sein, während beim Kampf um Khartum bislang 500 Menschen getötet wurden. Da die örtliche Polizei in Darfur, die größtenteils aus Afrikanern besteht, unterbesetzt und schlecht ausgerüstet ist, hat sie die Mitglieder der afrikanischen Gemeinden aufgerufen, sich zu bewaffnen und zu verteidigen. Viele sind dem Aufruf gefolgt.

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Seit dem Sturz des ehemaligen autoritären sudanesischen Staatschefs Omar al-Bashir durch Proteste im Jahr 2019 ist es in der Hauptstadt der Region Darfur, El Geneina, immer wieder zu Gewaltausbrüchen gekommen. Der arabische Stamm der Rizeigat ist besonders mit den afrikanischen Masalit verfeindet, da beide um die schwindenden Land- und Wasserressourcen konkurrieren. Erstere haben sich oft mit kollektiver Bestrafung an den Masalit gerächt, um persönliche Streitigkeiten beizulegen, berichten Einwohner und Menschenrechtsgruppen.

Im Jahr 2019 löste die Ermordung eines Rizeigat-Mannes im Vertriebenenlager Krinding, in dem Angehörige des Stammes der Masalit leben, einen Angriff arabischer Kämpfer aus. Überlebende sagten, ein lokaler Kommandeur der RSF habe die Gewalt angeführt, bei der 72 Menschen getötet wurden. Weniger als zwei Jahre später griffen bewaffnete Rizeigat-Kämpfer erneut Lager für vertriebene Masalit an und töteten nach Angaben örtlicher Ärzte mindestens 138 Menschen. Ein dritter großer Angriff ereignete sich im April 2022 in der nahe gelegenen Stadt Krenik, bei dem mindestens 168 Masalit getötet und Tausende vertrieben wurden.

Kriegsverbrechen auf beiden Seiten

Jetzt, da alle Augen auf die Kämpfe zwischen der RSF und der Armee in der sudanesischen Hauptstadt Khartum gerichtet sind, versuchen die Rizeigat-Milizen, Land und Ressourcen in Darfur zu erobern, warnen lokale und internationale Beobachter. Wie so oft in der Geschichte geschehen Völkermorde oft im Schatten von Kriegen, zuletzt 2021/22 in Tigray. Schon vor dem Krieg hatten beide jetzigen Kriegsparteien die Rekrutierung in Darfur verstärkt, wie aus einem kürzlich erschienenen Bericht einer Expertengruppe der Vereinten Nationen über den Sudan hervorgeht. Die RSF bewaffnet immer noch arabische Stämme, die Waffen kommen aus dem Tschad, der Zentralafrikanischen Republik und Libyen – während Armeechef Burhan auf die afrikanischen Bevölkerungsteile setzt.
 
Die Spannungen zwischen den arabischen und afrikanischen Stämmen gehen auf die brutale Gewalt zurück, die die Region vor zwei Jahrzehnten heimgesucht hatte. Damals, im Jahr 2003, bewaffneten und rekrutierten al-Bashir und das Militär arabische Nomaden und Hirten, um gegen afrikanische bewaffnete Gruppen zu kämpfen, die zum Teil aus dem Südsudan geflüchtet waren, sich gegen den Staat auflehnten und al-Bashir der Vernachlässigung und Ausbeutung beschuldigten. Schätzungsweise 300.000 bis 500.000 Menschen sind in diesem Konflikt, der fast 20 Jahre andauerte, ums Leben gekommen.

Menschenrechtsgruppen beschuldigten beide Seiten, Kriegsverbrechen begangen zu haben, doch die Dschandschawid-Milizen waren laut Human Rights Watch in unverhältnismäßig hohem Maße für Massaker an Zivilisten und den Einsatz von Vergewaltigungen als Kriegswaffe verantwortlich. Im Jahr 2013 wurden viele dieser arabischen Milizen in die RSF umgewandelt, eine Truppe, die weiterhin ungestraft Zivilisten und insbesondere Nicht-Araber angriff. Jetzt besteht die Befürchtung, dass diese Gemeinschaften eine Rechnung begleichen wollen. Viele Afrikaner sind bereit, die Armee in diesem Krieg zu unterstützen, um sich an der RSF zu rächen.

Die internationale Dimension des Sudan-Konfliktes

Der 2003 in Darfur begonnene Konflikt wurde nie durch ein Friedensabkommen befriedet, auch gibt es keinen internationalen Überwachungsmechanismus, um ihn wenigstens zu kontrollieren. Jetzt, wo die UN und die Diplomaten aus dem Sudan evakuiert sind, wird es noch schwieriger sein, die Situation zu überwachen. Während der Herrschaft al-Bashirs bis 2019 töteten die sudanesische Armee und arabische Stammesmilizen, wie in der Epoche der Sklavenjagden, ungestraft Afrikaner und vertrieben sie nach Belieben. Al-Bashir wurde von keinem der beiden jetzigen Kontrahenten im Sudan an den internationalen Gerichtshof ausgeliefert, er weiß zu viel über die Vergangenheit dieser beiden. Jetzt soll er sogar aus dem Gefängnis befreit worden sein. 

Anders als unter Bashir hat sich der Konflikt heute viel mehr internationalisiert. Klimawandel und Wasserknappheit haben zusätzlich ein neues Gewaltpotenzial internationalen Ausmaßes in die Region gebracht. In der Nähe des Sudan in Dschibuti, einst die letzte französischen Kolonie in Afrika, haben elf Staaten, darunter China und die USA eine Militärpräsenz. Durch den Kampf um die Macht zwischen Armee und RSF könnte sich die Armee erstmals auf die Seite der afrikanischen Stämme stellen, um gegen die Dominanz arabischer Stämme in den Reihen der RSF vorzugehen. Dann bekäme der Sudan einen ethnischen Krieg aber keinen religiösen, denn sowohl Araber als auch Afrikaner im Darfur sind Muslime.

General Dagalo hatte in den letzten Jahren seine Machtposition genutzt, um die Bodenschätze des Sudans unter seine Kontrolle zu bringen, vor allem das Gold. Dabei wurde er von den Arabischen Emiraten, Israel und Russland unterstützt. Jetzt hat vor allem Moskau viele Gründe den Sudankonflikt wieder anzuheizen, um von seinem völkerrechtswidrigen und erfolglosen Ukrainekrieg abzulenken. 

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