Ist es egal, woran wir glauben?

Eine Weihnachtskarte aus dem Kanzleramt macht Politiker wütend – und die Emotionen in den Sozialen Netzen kochen hoch.
Annette Widmann-Mauz und ihre hochumstrittene Weihnachtskarte
Foto: Soeren Stache (dpa) | Integrationsbeauftragte lässt auf Karte "Weihnachten" weg. Foto: Soeren Stache/dpa.

Eigentlich eine harmlose Weihnachtskarte, die die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz, verschickte. Sie wünscht auf ihrer Grußkarte zu Weihnachten eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr - "egal woran Sie glauben". Doch die emotionalen Reaktionen darauf zeigen, wie sensibel mit religiöser und kultureller Identität umgegangen werden muss – gerade, wenn man integrieren will.

Hashtag #Weihnachtskarte

Nicht nur NRW-Ministerpräsident Armin Laschet reagierte mit Unverständnis; Laschet hält es für "eine pure Selbstverständlichkeit", ein gesegnetes Weihnachtsfest zu wünschen und in diesen Tagen "nicht zu season's greetings oder was auch immer zu gratulieren".

Unter dem hashtag #Weihnachtskarte sammeln sich die Reaktionen auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Bild-Chefredakteur Julian Reichelt twitterte: "Ausgerechnet die Integrationsbeauftragte möchte sich nicht mehr zu Weihnachten bekennen" und legt damit den Finger in die Wunde.

"Man sucht vergebens nach dem letzten Rest Christlichkeit"

Die Fraktionschefin der AfD, Alice Weidel, nutzt die Karte zur parteipolitischen Abrechnung: "In einer Grußkarte der Integrationsbeauftragten Annette Widmann-Mauz aus dem Kanzleramt sucht man vergebens nach dem letzten Rest Christlichkeit, den die Partei immerhin noch im Namen trägt".

"Keine anderen Probleme?"

Andere Politiker verteidigten die religionsübergreifenden Grüße – und kritisierten den herbeigetwitterten Skandal. Grünen-Politiker Özcan Mutlu meint: "Aus jeder so kleinen und banalen Sache wird immer wieder der Untergang des Abendlands heraufbeschworen. Mensch muss dieses Abendland schwach sein!" SPD-Politikerin Sawsan Chebi schrieb: "Was mich an der Weihnachtskarten-Debatte so nervt: es wird von falsch verstandener Toleranz gelabert, von der Verwässerung unserer Kultur, von der Bedrohung unserer Lebensart. Kenne keinen einzigen Muslim, der eine Weihnachtskarte ohne Weihnachten möchte". Auch die Medien folgen nicht gänzlich dem Bild-Impuls ("Zoff um Weihnachtskarte"). Die Stuttgarter Zeitung etwa spricht von "künstlicher Aufregung".

"Selbstbewusst ist anders"

Dennoch ist der "Zoff" unübersehbar. Idealerweise führt er zu neuer nachdenklichkeit, über den Vorweihnachtsskandal hinaus. Maßgebend sind da die Bemerkungen des deutsch-israelischen Psychologen und Autors Ahmad Mansour. Er urteilt in der Bild-Zeitung: "Selbstbewusst ist anders. Selbstverständlich muss man Christen beglückwünschen können, vor allem als Politikerin und als Integrationsbeauftragte". Beachtlich auch die Migrationsexpertin Sevim Dagdelen (Linke) – sie nannte es "bedauerlich, dass falsch verstandene Toleranz augenscheinlich dazu führt, dass Weihnachten, das Fest der Liebe, unsichtbar wird".

DT (jobo)

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