Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Gut gebrüllt, Löwe Friedrich

Merz' Ansage, die CDU solle eine „Alternative für Deutschland mit Substanz“ sein, versetzt Berlin in Aufregung. Doch das Heil seiner Partei kann nicht ausschließlich in der Mitte liegen.
Friedrich Merz setzt kalkulierte Tabubrüche in letzter Zeit öfter ein
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Kalkulierte Tabubrüche setzt er in letzter Zeit öfter ein: der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz.

Eine „Alternative für Deutschland - mit Substanz“ soll die CDU ab jetzt sein. So zumindest will es Friedrich Merz, der diese Formulierung sicher nicht aus Versehen bei einem Statement auf der CSU-Klausur im Kloster Andechs benutzte. Gut gebrüllt, Löwe! Wie zu erwarten, machte Merz sich damit links der CDU keine Freunde. „Irre, wie Merz den Diskurs immer weiter nach rechts schiebt“, schrieb etwa die Berliner SPD-Politikerin Sawsan Chebli auf Twitter. In Zeiten, in denen bundesweit rund ein Fünftel der Bürger AfD wählen würde, ist Merz nun aber wohl endgültig klar geworden, dass das Heil seiner Partei nicht ausschließlich in der Mitte liegen kann. 

Lesen Sie auch:

Stattdessen bildet sein Ausspruch die Erkenntnis ab, dass eine Oppositionspartei alternative Positionen anbieten muss. Denn wieso CDU wählen, wenn diese auf wesentliche Fragen die gleichen Antworten gibt wie die Regierung? Die Abbildung alternativer Positionen, die ja auch in der Bevölkerung existieren, ist gleichermaßen überlebensnotwendig wie demokratische Pflicht. Dies anzuerkennen, ist zwar nur ein rhetorischer Schritt. Schließlich müssen nun auch neue Inhalte unter die Wählerschaft gebracht werden. Dass das nicht ganz leicht ist, zeigte jüngst die inhaltlich etwas verunglückte Einlassung des CDU-Lautsprechers Thorsten Frei, der angesichts des anhaltenden ungewollten Zuzugs vorschlug, das Grundrecht auf Asyl zu kontingentieren. 

Allemal besser als ein Verbot

Der Pfad, den Merz offensichtlich einzuschlagen gewillt ist, ist aber allemal sinnvoller als der Vorschlag seines anderen Parteifreundes Marco Wanderwitz, der stattdessen die bereits real existierende Alternativ- und Konkurrenzpartei AfD einfach verbieten will. Sollte stattdessen die CDU zur Alternative mit Substanz werden, kann der Wähler selbst über das weitere Schicksal der AfD „ohne Substanz“ entscheiden.

Friedrich Merz macht sich mit dem Versuch, seine Partei inhaltlich stärker von der Regierung abzugrenzen, in Berlin keine Freunde. Klar, dass man da versucht, den dem Allparteienkonsens entlaufenen Merz möglichst schnell wieder einzufangen – oder abzuschießen. Anders als die Löwin, die derzeit mutmaßlich durch Berliner Vorgärten tourt, und damit jede Menge Aufregung verursacht, hat Merz es aber selbst in der Hand, ob er sich von den aufgescheuchten Diskurshütern der Berliner Republik zur Strecke bringen lässt. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Jakob Ranke Alternative für Deutschland CDU Friedrich Merz Marco Wanderwitz

Weitere Artikel

Gespalten: Die Reaktionen auf den Rücktritt von Jens Spahn vom Vorsitz der CDU/CSU-Bundestagsfraktion fallen höchst unterschiedlich aus.
18.07.2026, 17 Uhr
Stefan Rehder
Die CDU hadert mich sich selbst. Das liegt an einem Dilemma, das sich ohne Verluste nicht lösen lässt.
05.06.2026, 17 Uhr
Sebastian Sasse
Zwischen der Jagd nach Pfründen und der Übermacht der „Zivilgesellschaft“: Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Joana Cotar zeichnet ein ernüchterndes Bild des MdB-Alltags.
06.08.2026, 11 Uhr
Stefan Fuchs

Kirche

Tadel für Benedikt XVI. wegen mangelnder Berücksichtigung des jüdisch-christlichen Dialogs und Sympathie für die Piusbruderschaft: Wie passt das zusammen?
20.08.2026, 17 Uhr
Benjamin Leven
Im quirligen spanischen Katholizismus war er Stabilisator und treibende Kraft zugleich: Kardinal Antonio Rouco Varela wird 90 Jahre alt. Um klare Positionierung war er nie verlegen.
20.08.2026, 09 Uhr
Regina Einig
Die Evangelische Akademie Berlin muss wegen Kürzungen ihr Sommerfest absagen – das wirft ein Schlaglicht auf die Situation der kirchlichen Bildungsarbeit in Zeiten knapper Haushalte.
19.08.2026, 16 Uhr
Benjamin Lassiwe