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Fachtagung Menschsein vom Anfang bis zum Ende

Leben in allen Perspektiven. Drei Vorträge über die Grenzbereiche des Lebens, die Geburt und den Tod. Ein Blick nach Kanada zeigt die Folgen von langjähriger Praxis der Sterbehilfe.
Mama, Papa und Baby
Foto: IMAGO/Zoonar.com/Karin Hansen (www.imago-images.de) | Die diesjährige Fachtagung des Bundesverbandes Lebensrecht stand unter dem Thema "MenschSein – von Anfang an bis zum Lebensende".

Den Auftakt der diesjährigen Tage für das Leben machte wie seit einigen Jahren wieder eine Fachtagung zum Lebensrecht in Berlin. Eine Premiere in diesem Jahr ist der zeitgleiche zweite Marsch für das Leben am Samstag in Köln. Die Tagung wurde auch live im Netz gestreamt.  Die Vorträge hielten Armin Schmidkte, Psychologe und Fachmann für Suizidprävention, Angela Köninger, Gynäkologin und Pränatalmedizinerin, und Alex Schadenberg, Executive Director – Euthanasia Prevention Coalition · Ontario (Kanada). Schadenbergs Vortrag wurde simultan von Cornelia Kaminski übersetzt. Die Fachtagung wurde von Mechthild Löhr moderiert. Zu Beginn begrüßte Alexandra Maria Linder, Vorsitzende des Bundesverbands Lebensrecht, die Teilnehmer der Fachtagung. 

Der Suizid 

Den Auftakt machte Armin Schmidkte, Psychologe und Suizidforscher, mit einem Vortrag zum Ende des Lebens. Bezüglich des Suizids monierte Schmidkte den schlechten Datenbestand bei der Erfassung von Suiziden. In Deutschland hätten wir, so der Wissenschaftler ein „Ungarisches Muster“, das bedeutet, je älter der Mensch, umso höher sei die Suizidgefahr. Die Methoden, wie Suizid begangen werde, seien derzeit weitestgehend unbekannt. Im Weiteren stellte Schmidtke die die Genese eines Suizidwunsch dar. Auf eine starke Belastung folge ein Tunneldenken bestehend aus der Folge: depressives Denken, psychischer Schmerz, Suizid werde dann als Lösung.

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Einen Hinweis zum Durchbrechen der Kette gab Schmidkte, man müsse paradox intervenieren, beispielsweise mit der Frage: „Würde sich jemand freuen, wenn sie sterben?“ Ferner stellte Schmidtke die verschiedenen Formen der Beendung des Lebens dar. Es gebe die Euthanasie oder Sterbehilfe sowie den assistierten Suizid. Die Arten der Sterbehilfe seien die passive Sterbehilfe, indem man zum Beispiel auf bestimmte Therapien verzichte. Ferner der Assistierte Suizid, bei dem ein Mensch einem anderen Hilfe leistet, sich selbst zu töten. Letztlich die aktive Sterbehilfe, bei der zum Beispiel ein Arzt aktiv eine tödlich Substanz verabreicht. 

Verschieden Vorstellungen von Autonomie

Zum Thema der Autonomie erklärte Schmidtke die Absurdität dieser Vorstellung, ein Mensch könne von einem anderen feststellen, dieser wolle sich autonom aus dem Leben verabschieden. Als Beispiel nannte der Wissenschaftler die international sehr unterschiedlichen Regelungen zur Sterbehilfe. Schmidtke stellt die Absurdität dieser Unterschiede dar, weil alle Regelungen davon ausgehen, auf ihre Weise den Willen des Sterbewilligen zu erkennen.

Zum Abschluss stellte Schmidkte die These vor, bei Freigabe würden die Zahlen von Suizid sinken. In allen Ländern, die assistierten Suizid haben, lässt sich das so nicht belegen. Überwiegend nähmen die Zahlen zu. Als Beispiel für die Ursachen nannte der Wissenschaftler Druck auf ältere Menschen, sich suizidieren zu lassen, um das Erbe nicht zu verbraten. An konkreten Zahlen des assistierten Suizid in der Schweiz zeigte eine Grafik wie deutlich die Zahlen gestiegen sind. 

Schwangerschaft als gesunde Entzündung

Die Gynäkologin Angela Köninger stellte die innere Korrelation von biologischen Voraussetzungen Schwangerschaft und der Rechtsprechung dar. Dazu erklärte die Ärztin eine Schwangerschaft aus immunologischer Sicht. Den Anfang machte die Darstellung von Entzündungen. etwas ist in den Körper eingedrungen, der Körper reagiert mit teils sehr heftigen Entzündungen. Der genetisch von der Mutter verschiedene Embryo / Fötus hingegen wird nicht abgestoßen. Der Grund dafür ist der Mutterkuchen / die Plazenta erklärte die Ärztin. Erst am Ende kommt es zu einer Abstoßungsaktion, das sei die Geburt. Die Plazenta erklärte Köninger als ein implantiertes Organ in einen halbfremden Organismus. Sie stellte in einer Grafik die Funktion der Plazenta dar, damit das Kind versorgt werden kann. Es sei eine Interaktion und Kommunikation zwischen den kindlichen und mütterlichen Zellen.

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Mehrfach zitierte Köninger den französischen Gynäkologen Frédérick Leboyer. Das Kind sei zu Beginn der Schwangerschaft ein König, schrieb der weitgereiste Arzt, doch die unendliche Gebärmutter sei zunächst unendlich, sie werde immer mehr zum Gefängnis. Am Ende werde das Kind aktiv. Die Geburt beginnt. Die Ärztin erklärte dann den Ablauf der Geburt und die Öffnung des Muttermundes und muskelaktive Gebärmutter. Wieder ein Zitat von Leboyer. Die Geburt eines Kindes sei etwas Heiliges, mysteriös. Eine Frau in den Wehen sei wie auf einem kleinen Boot inmitten eines tosenden Sturms. Schwangerschaft, erklärte Köninger, sei eine Immuntoleranz, die Geburt stelle eine Abstoßung dar. Als Beispiel für eine gestörte Immuntoleranz nannte die Ärztin eine Frühgeburt. 

Erfolgreiche Kommunikation zwischen Mutter und Kind

Nach 10 Tagen sei die Schwangerschaft im Blut der Mutter nachzuweisen, ein positiver Schwangerschaftstest zeige dies. Der natürliche Verlauf wirke sich auf die Gesetzgebung aus. Der §218 sehe den Beginn der Schwangerschaft ab Einnistung des Embryos. Wie lange darf man abtreiben, fragte die Ärztin. Bei körperlicher order seelische Gefahr bist zum Ende der Schwangerschaft sei ein Abbruch immer möglich. Die Rechtsprechung führte die Gynäkologin weiter aus, sehe diesen bei Einsetzen der Eröffnungswehen, dann werde die Leibesfrucht zum Menschen. Biologischer, immunologischer und gesetzlicher Rahmen deckten sich in erstaunlicher Weise, zog Angela Köninger als Resümee.

"Progesteron ist das schwangerschaftserhaltende Hormon, Antiprogesteron kann die Schwangerschaft beenden, zu jedem Zeitpunkt", betonte die Ärztin. Die materno-fetale Toleranz sei der Schlüssel für eine erfolgreiche Schwangerschaft. Eine materno-fetale Intoleranz bewirke die vorzeitige Beendigung der Schwangerschaft und Verhinderung einer rechtzeitigen Geburt. Das heranwachsende Kind ist in der Schwangerschaft sehr bestimmend. „Ist ein Abbruch Tötung des ungeborenen Lebens?“, fragte Köninger das Publikum. Die Zellen des Mutterkuchens brächten den mütterlichen Immunzellen bei, Ihr müsst uns tolerieren. Das mütterliche Immunsystem hingegen ermögliche die materno-fetale Tolerenz. Das Wachstum des Kindes ermöglicht das Kind. Der erste Schritt geht vom Kind aus, nicht von der Mutter, erklärte die Gynäkologin als Antwort auf der oft gehörte „Mein Bauch gehört mir!“. „Eine Abtreibung ist ein brutales Eingreifen in die erfolgreiche Kommunikation zwischen Mutter und Kind“, schloss Angela Köninger ihren Vortrag.

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Töten als Ende des Lebens

Leben am Lebensende? Über die Entwicklungen des Euthanasiegeschehens in anderen Ländern sprach Alex Schadenberg aus Kanada. Seit 2016 ist Euthanasie in Kanada legal. Mit dem Programm „MAiD“ (Medical Assistance in Dying) wird sogenannte „Hilfe beim Sterben“ geleistet. „Die Zahlen der so zu Tode gekommenen Menschen steigen rasant“ so Schadenberg. Der Referent beleuchtet die besorgniserregenden Entwicklungen und zeigte auf, welchen Einfluss diese auf den Wert haben, den die kanadische Gesellschaft der Menschenwürde noch beimisst.
Ein starker Anstieg von Euthanasie sei seit 2018 statistisch nachweisbar, die Zahlen seien valide und mehrfach geprüft. Ontario sei repräsentativ, weil hier 39% der Kanadier lebten, daher ließen sich durch die dortigen Zahlen Rückschlüsse auf das ganze Land ziehen. Fast 14 tausend Fälle von Euthanasie gab es in Ontario in 2022. Im Folgenden brachte Schadenberg Beispiele von verschiedenen Personen, die mehr oder weniger auf ärztlichen Druck euthanasiert wurden. Da ist das Beispiel eines schwerkranken jungen Mannes, der von seinem Arzt in den assistierten Suizid gedrängt. Im Jahr 2016 direkt nach Legalisierung des assistierten Suizid. 

Ein weiteres Beispiel, der psychisch kranke Alan Niclas, bat um assistierten Suizid, als er ins Krankenhaus kam. Der Patient war schon öfter depressiv mit Neigung zum Suizid. die Familie bat darum es nicht zu tun, die Ärzte haben den Mann mit 61 gegen den Wille der Familie getötet. Ein weiteres Beispiel berichtet von einer krebskranken Frau, die von ihren behandelnden Ärzten in die Euthanasie gedrängt wurde. Die Gesundheitsbehörde drohte wegen des Widerstands der Familie mit Entzug der Pflegevollmacht, sie ließ die Frau von ihren Angehörigen mit der Polizei abholen und zum Euthanasietermin bringen. Nur weil die Frau bis zum Schluss „nein“ gesagt hatte, kam sie noch einmal mit dem Leben davon. Schadberg nannte noch weitere Beispiele von Personen, die mehr oder weniger gegen ihren Willen in die Euthanasie gedrängt wurden. Die Gründe waren teilweise banal. Teilweise wird in Kanada Euthanasie als Alternative zu medizinischer Behandlung angeboten. In einem Fall sollte eine junge Frau, die an Diabetes erkrankt ist, euthanasiert werden. Nur ein Aufstand der Mutter in den Medien rettete der jungen Frau das Leben. 

Keine Autonomie

Auch bei psychischer Erkrankung ist in Kanada Euthanasie erlaubt. Dazu ist ein Votum eines Psychologen nötig, ob eine Aussicht auf Besserung besteht oder nicht. Der Psychiater Sonu Gaind erklärte, es sei nicht möglich, eine solche Prognose zu geben. Schadenberg erklärte hier den Unterschied zur niederländischen Lösung, wo nachweislich erst alle Behandlungsmethoden ausprobiert werden müssten. John Maher, so Schadenberg, sagte in CTV News, dass psychisch kranke Menschen überhaupt keine Einschätzung haben könnten, ob es bei ihnen eine Option auf Besserung geben könne.

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Kritisch äußerte sich Schadenberg zu der angeblichen Autonomie des Suizid im Sinne eines „My Body my choice“. Die meisten gingen in die Euthanasie wegen Depression, Sorgen, Nöten und Verlassen-sein, das geschehe nicht wegen einer unheilbaren körperlichen Krankheit. 

Die Alternative dazu sei, so Schadenberg, sich um Menschen zu kümmern, Gemeinschaft zu leben, an der Seite der Menschen sein. „Wir können es selber ändern“, rief der Director den Zuhörern zu. Menschen in einer schweren Krankheit kämen in schwere Nöte, das sei normal. Es gälte jedoch ihnen dort hinaus zu helfen, um sie vor Euthanasie zu schützen. Das gehe mit Besuchen, begleiten, kümmern und helfen einen Weg zu finden, die Angst vor dem Leben wieder zu nehmen. Beziehungsfähigkeit, so Schadenberg, sei Teil der menschlichen Person. Wir jedoch lebten in einer Kultur der Einsamkeit. „Wir brauchen einander aber“, so Schadenberg.

Töten nicht erlauben

Sobald wir töten erlaubten, gehe es nur noch um die Frage wer darf wann töten. Schadenberg zeigte sich beeindruckt vom Euthanasiedenkmal in Berlin, besonders von der Ehrlichkeit. Geschockt zeigte er sich ob der Debatte in Deutschland angesichts der deutschen Geschichte. Es gehe allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz nicht um Freiheit, es gehe nur um den Rahmen, in dem getötet werden dürfe, schloss Alex Schadenberg seinen Vortrag. 

An alle Vorträge schlossen sich Diskussionen mit dem Publikum an. Die gesamte Veranstaltung kann im hier eingebundenen Video angeschaut werden. Leider gab es zu Beginn des Vortrages von Alex Schadberg eine technische Störung im Livestream, die auch in der Aufzeichnung auf YouTube verblieben ist. Der Fachtagung folgt morgen der Marsch für das Leben in Berlin und Köln. DT/pwi

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Meldung Lebensschutz Marsch für das Leben Mechthild Löhr

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