Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Europa muss die Lücken in seiner Verteidigung schließen

Die Einrichtung einer Expertengruppe zur europäischen Verteidigungspolitik ist gescheitert. Doch das Anliegen darf nicht Machtspielen und Kompetenzgerangel zum Opfer fallen. Denn Moskau schaut zu.
Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas
Foto: IMAGO / Anadolu Agency | Dass das Vorhaben gescheitert ist, eine Expertengruppe zur europäischen Verteidigungspolitik ins Leben zu rufen, kann auch als persönliche Niederlage der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas gedeutet werden.

Vor einer Woche machte die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas ihre Pläne öffentlich, eine Expertengruppe zur europäischen Verteidigungspolitik einzusetzen. Hochrangige politische und militärische Persönlichkeiten aus mehreren EU-Ländern sowie aus dem Vereinigten Königreich und der Ukraine sollten unter dem Vorsitz des ehemaligen NATO-Generalsekretärs Anders Fogh Rasmussen Empfehlungen erarbeiten, wie sich die Lücken bei Europas militärischen Fähigkeiten schneller schließen lassen.

Lesen Sie auch:

Heute hätte die neue Expertengruppe in Brüssel vorgestellt werden sollen. Doch daraus wird nichts. Vor allem die deutsche und die italienische Regierung sollen sich gegen das Vorhaben ausgesprochen haben. Ein EU-Beamter wird mit den Worten zitiert: „Einige Mitgliedstaaten waren der Auffassung, dass dies zum jetzigen Zeitpunkt nicht der richtige Weg wäre.“

Streitigkeiten hinter den Kulissen

Verschiedene Medien hatten über Streitigkeiten hinter den Kulissen berichtet. Kallas wehre sich gegen Pläne von Deutschen und Franzosen, den Europäischen Auswärtigen Dienst umzubauen und stärker der Kontrolle der Kommission und der Mitgliedstaaten zu unterwerfen, hieß es. Die EU-Kommission konkurriere mit dem Auswärtigen Dienst um Einfluss auf die Außenpolitik. Kallas, die für eine harte Linie gegenüber Russland steht, drohe ins Abseits gedrängt zu werden. Die Einrichtung der Expertengruppe wurde als Versuch der Außenbeauftragten gewertet, relevant zu bleiben. 

Nun ist das Vorhaben gescheitert. An der Dringlichkeit des Themas ändert das nichts. Russlands hybride Angriffe auf Europa nehmen zu. Das zeigt nicht nur der Vorfall am Leipziger Flughafen, für den die Bundesregierung Moskau verantwortlich macht. In Estland stiegen in der vergangenen Woche NATO-Kampfflugzeuge auf, nachdem Drohnen in den Luftraum des Landes eingedrungen waren. Ebenfalls vor einer Woche geriet in Polen eine Drohnenfabrik in Brand. Die dortigen Behörden untersuchen den Vorfall als möglichen Terror- und Sabotageakt.

All das zeigt: Das Anliegen ist zu wichtig, um es in Machtspielen und Kompetenzgerangel untergehen zu lassen. Europa muss schnell eine Antwort auf die Bedrohung finden, muss die Lücken in seiner Verteidigung schließen und entschlossen auf hybride Angriffe reagieren. Ob Europa seine Zuständigkeiten klärt und handlungsfähig wird, oder ob es zerstritten und entscheidungsschwach bleibt, wird man in Moskau sehr genau beobachten.

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Benjamin Leven Europäische Kommission

Weitere Artikel

Unterstützung für Washington und goldene Brücken für Moskau: ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Mariano Barbato über die vatikanische Diplomatie in der Ukrainefrage. 
04.09.2026, 13 Uhr
Benjamin Leven
Bald wird sie die am längsten ununterbrochen regierende Regierungschefin Italiens sein: Das politische Rezeptbuch der italienischen Regierungschefin lädt zum Nachkochen ein.
28.08.2026, 11 Uhr
Henry C. Brinker

Kirche

Überraschend praktisch weist Jesus seine Jünger an, wie Konflikte in vier Schritten zu lösen sind.
05.09.2026, 21 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Rupniks Mosaike in Lourdes werden nicht mehr enthüllt. Warum der Bischof des französischen Marienheiligtums einen anderen Weg geht als seine Mitbrüder in Fátima und Aparecida.
05.09.2026, 19 Uhr
Regina Einig
Joseph Zen trat als entschiedener Unterstützer der von China niedergeschlagenen Demokratiebewegung in Hongkong auf. Gegen eine Verurteilung will er vor das Oberste Gericht ziehen.
04.09.2026, 16 Uhr
Meldung
Die heilige Teresa von Kalkutta und die reale Gegenwart Jesu in den Armen.
05.09.2026, 07 Uhr
Pater Brian Kolodiejchuk