Mehr als drei Stunden hat die öffentliche Anhörung der Enquete-Kommission „Aufarbeitung der Corona-Pandemie und Lehren für zukünftige pandemische Ereignisse“ gedauert. In der live vom Bundestagsfernsehen übertragenen Sitzung (Beginn: 14.00 Uhr) standen diesmal die Themen „Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems, Impfstrategie und Forschung“ auf dem Programm. Wie die CDU-Bundestagsabgeordnete Franziska Hoppermann, Vorsitzende der üblicherweise nicht öffentlich tagenden Enquete-Kommission, zu Beginn der Sitzung erklärte, könne die Aufzeichnung später in der Mediathek des Bundestags abgerufen werden. Auch ein Wortprotokoll werde es geben, das dann von der Internetseite der Enquete-Kommission heruntergeladen werden könne.
Beides ist zu begrüßen, denn so können sich Interessierte ihr ureigenes Bild von der über weite Strecken skurril anmutenden Veranstaltung machen. Doch dazu gleich mehr. Spannung verhieß die Sitzung vor allem, weil einige der Sachverständigen, die von den Fraktionen geladen worden waren, zu den Hauptakteuren während der SARS-CoV-2-Pandemie gehörten. Das galt sowohl für den auf Vorschlag der SPD geladenen ehemaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach als auch für die beiden von der Union geladenen Sachverständigen: den ehemaligen Präsidenten des Robert Koch-Instituts Lothar Wieler und den Intensivmediziner Christian Karagiannidis, der ab 2020 als Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) fungierte. Beide standen bei der Bekämpfung der Pandemie an vorderster Front.
Während die AfD den Toxikologen Helmut Sterz ins Rennen schickte, warteten Bündnis 90/Die Grünen mit der Infektiologin Maria Vehreschild auf. Für die Linksfraktion stieg Marcus Wächter-Raquet, Fachreferent der Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin, in den Ring. Fraktionsübergreifend war mit dem Kinder- und Jugendmediziner Reinhard Berner zudem der amtierende Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) geladen worden.
Dass die Sitzung über weite Strecken tatsächlich einem Ringkampf glich, lag zum einen an der Geschäftsordnung. Die sieht vor, dass den Abgeordneten und sachverständigen Mitgliedern der Enquete-Kommission für die Formulierung ihrer Fragen maximal fünf Minuten zur Verfügung stehen. Was nicht selten dazu führt, dass die Mitglieder der Enquete-Kommission einen Großteil ihrer Redezeit nutzen, um mit Einschätzungen und Kommentaren zu brillieren und ihre Fragen eher als unvermeidbares Anhängsel zu betrachten scheinen denn als Möglichkeit, Licht in das Dunkel zu bringen. Zum anderen aber lag es auch an den Vertretern der AfD, die aus der Anhörung der geladenen Sachverständigen eine Art Tribunal zu machen suchten. Was wiederum Abgeordnete der anderen Fraktionen dazu verleitete, sich eher devot zu verhalten, statt echte kritische Fragen zu stellen. Obwohl der Verlauf der Sitzung eher dazu angetan war, die Sinnhaftigkeit der ganzen Unternehmung infrage zu stellen, lieferte sie am Ende immerhin einige Ergebnisse.
50 Prozent der Beatmeten verstorben
So lobte beispielsweise der damalige DIVI-Präsident Karagiannidis das „Abwassermonitoring“, das eine Einschätzung über die Ausbreitung des Virus ermöglicht habe, als „unbedingt erhaltenswert“. Ein wenig erhellendes Licht brachte der Intensivmediziner auch in die heiß diskutierte Überlastung der Krankenhäuser. Während diese in der Pandemie häufig behauptet worden war, weiß man längst, dass es eine solche – gemessen an der Zahl der Intensivbetten – zu keinem Zeitpunkt gegeben hatte. Karagiannidis wies jedoch darauf hin, dass die Zahl der freien Betten gar nicht die entscheidende Größe sei, sondern das Personal, das die Patienten betreuen müsse. Der Intensivmediziner überraschte mit der Aussage, dass im Verlauf der Pandemie rund 25 Prozent des medizinischen und pflegerischen Personals den Intensivstationen den Rücken gekehrt hätten. Sie hätten das „Handtuch geschmissen“, weil sie mit der ständigen hohen Belastung einfach nicht fertig geworden seien und kämen „auch nicht mehr zurück“. Rund 50 Prozent der auf den Intensivstationen Beatmeten seien verstorben. „Da macht etwas mit einem.“ Nötig gewesen wäre eine psychologische Unterstützung statt ein bloßes „Debriefing“.
Weitgehende Einigkeit bestand unter den Sachverständigen darüber, dass die Datenerhebung und -auswertung während der Pandemie mit überaus großen Mängeln behaftet war. Am deutlichsten hob dies die Infektiologin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt ins Wort. Neben der fragmentierten und überdies viel zu geringen öffentlichen Finanzierung von Studien sowie der unzureichenden Digitalisierung seien es vor allem „Wissenssilos“ gewesen, die eine bessere Bewältigung der Krise verhindert hätten. Für die Zukunft brauche es daher eine „kohärente nationale Strategie“.
Ein erbitterter Streit entzündete sich an der heiklen Frage, wie wirksam und sicher die zum Einsatz gekommenen Impfstoffe waren. Während Sterz, ehemals Chef-Toxikologe des Pharmaunternehmens Pfizer, und die AfD-Abgeordnete Christina Baum von „Menschenversuchen“ sprachen, verteidigte Lauterbach die Impfstoffe als wirksam und sicher. „Die Sicherheit der Impfung“ sei „gut untersucht worden“, habe die Sterblichkeit bei Geimpften gesenkt und „nicht zu Übersterblichkeit“ geführt. Zwar habe es in „sehr seltenen Fällen“ Nebenwirkungen wie „Myokarditis“ (Herzmuskelentzündungen) oder „Thrombosen“ (Blutgerinnsel) gegeben, doch seien diese Komplikationen auch bei einer Infektion mit dem Coronavirus aufgetreten, und dies deutlich „häufiger“. Lauterbach bestritt, dass der sogenannte „Turbo-Krebs“ oder „Fehlgeburten“ mit der Impfung in Zusammenhang stünden. Dafür gebe es keine Evidenz.
Im Grunde waren die AfD-Vertreter viel zu schlecht vorbereitet, um den ehemaligen Gesundheitsminister hier in echte Schwierigkeiten bringen zu können. Möglich wäre dies durchaus. Es gibt inzwischen weit mehr als 2.000 Studien, die sich mit Schädigungen befassen, die mit den Impfstoffen in Zusammenhang gebracht werden. Auch die Kommunikation von Regierungsstellen, die gezielt Ängste geschürt hatten, um eine höhere Impfquote zu erreichen, hätte ebenso thematisiert gehört wie manch anderes auch.
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