Man kann die Geschichte folgendermaßen erzählen: 2025 war das Jahr Donald Trumps. Zum zweiten Mal wird er als US-Präsident vereidigt, vor atemberaubender Kulisse, unter der Kuppel des Kapitols, kündigt er mit feurigen Worten ein neues „goldenes Zeitalter“ für Amerika an. Mit einer Flut von Präsidialdekreten stellt er gleich in den ersten Amtstagen die Weichen für seine künftige Regierungspolitik. An Freund und Gegner sendet er damit das Signal: Ob es euch gefällt oder nicht, jetzt ist ein Macher am Ruder, nach vier Jahren unter der zweifelhaften Führung des schläfrigen Joe Biden. Mit seinen Zöllen stellt er die über Jahrzehnte etablierte internationale Handelspolitik auf den Kopf. Größen der Wirtschaft und der Techbranche streiten um seine Gunst, Staats- und Regierungschefs aus allen Ecken des Globus hofieren ihn, um die Vereinigten Staaten nicht als Partner zu verlieren.
Dass es 2026 so weitergehen wird, ist jedoch kein Selbstläufer. Denn man kann auch die Perspektive einnehmen, dass sich schon im vergangenen Jahr die Baustellen, Hürden und Bruchlinien andeuteten, die Trump in den kommenden zwölf Monaten – und womöglich bis zum Ende seiner Amtszeit – wie einen Mühlstein um den Hals mit sich herumschleppen wird. Da wären zum einen die zahlreichen Kriege und Konfliktherde weltweit: Ein Frieden in der Ukraine ist noch immer in weiter Ferne, das Schweigen der Waffen in Nahost brüchig, hinzu kommen neue Fronten, die der Republikaner selbst eröffnet hat, darunter die Bomben auf den Iran oder die tödlichen Schläge gegen angebliche Drogenschmuggler vor der Küste Venezuelas.
In der Epstein-Affäre agierte Trump ungeschickt
Die Reden vom neuen amerikanischen Isolationismus strafen derlei militärische Interventionen Lügen – und auch das eigene Lager steht nicht geschlossen hinter dem Vorgehen. Die Kritik aus Trumps Anhängerschaft ist besonders lautstark, wenn nicht unmittelbar der Nutzen für die Belange Amerikas erkennbar ist. Für sie war und ist die oberste Maxime: „America first“. Gelingt es Trump, in den nächsten Monaten die Basis mitzunehmen? Das wird eine der Fragen sein, die über den weiteren Verlauf seiner Präsidentschaft entscheiden.
Auch innenpolitisch ist Trump, der im Juni seinen 80. Geburtstag feiern wird, keinesfalls unantastbar. Bestes Beispiel: Er wird die Epstein-Affäre einfach nicht los. Bislang ist es Trump nicht nur misslungen, das Geraune um sein Verhältnis zu dem 2019 tot in seiner Gefängniszelle aufgefundenen Milliardär und eine mögliche Mitwisserschaft um dessen Sexualdelikte zum Verstummen zu bringen. Der US-Präsident agierte für seine Verhältnisse rund um die – auch aus dem eigenen Lager – vorgebrachte Forderung, die Ermittlungsakten zu veröffentlichen, taktisch ziemlich ungeschickt.
Dass ihn die Affäre weiter hartnäckig verfolgt, zeigt: Hier geht es um Trumps Glaubwürdigkeit vor seinen glühendsten Verehrern. Kein Treueschwur muss ewig halten: Dies gilt für Trumps Wähler wie für politische Mitstreiter. Den Beweis lieferte der Bruch mit der Abgeordneten Marjorie Taylor Greene im Zuge der Causa Epstein. Ohne selbst ins verschwörungstheoretische Horn zu stoßen kann man behaupten, dass das Thema auch 2026 noch für einige überraschende Enthüllungen sorgen könnte.
Die Wähler stimmen mit dem Geldbeutel ab
Wer die heftig brodelnde Gerüchteküche nicht betreten will, sondern sich lieber an harten politischen Fakten orientiert, findet auch mit Blick auf die wirtschaftliche Lage des Landes Anlass zu Skepsis, dass in absehbarer Zeit ein von Trump geprägtes goldenes Zeitalter vor der Tür steht. Mögen unsere Zeiten noch so sehr von gesellschafts- und identitätspolitischen Grabenkämpfen dominiert sein, alle Umfragen belegen: Am Ende ist es immer noch der eigene Geldbeutel, der für das Gros der US-Wählerschaft an der Wahlurne entscheidend ist.
Trump kann noch so häufig betonen, dass die Vereinigten Staaten unter seiner Ägide so gut dastünden wie selten zuvor: Die Daten und die Realität im Alltag sprechen eine andere Sprache. Die Wirtschaft läuft nicht so, wie Trump es gerne hätte. Und das Problem trägt einen Namen: die hohe Inflation. An der Supermarktkasse, bei der Wohnungssuche oder jüngst bei den Weihnachtseinkäufen merken die Bürger, dass ihr Geld immer weniger wert ist. Dies war zwar schon unter dem Demokraten Biden der Fall, doch nun sitzt eben Trump auf dem Sessel der Macht und muss für die missliche Lage geradestehen. Ob es ihm in den nächsten Monaten gelingt, für spürbare Erleichterungen zu sorgen, wird für den Ausgang der Zwischenwahlen im November entscheidend sein.
Aber noch einmal zurück zu den Bruchlinien innerhalb der MAGA-Koalition: Sie haben sich schon im alten Jahr gezeigt und werden auch 2026 nicht verschwinden. Die Rede ist hier nicht vom absehbaren Zerwürfnis zwischen Trump und Elon Musk oder dem eher überraschenden Ende der politischen Liebesbeziehung des Präsidenten zu Marjorie Taylor Greene. Es geht vielmehr um subtile Veränderungen im Hintergrund, neudeutsch um einen „vibe shift“ unter den Trump-Koalitionären. Am äußersten rechten Rand des MAGA-Lagers werden zunehmend Positionen salonfähig, die so ziemlich allem widersprechen, wofür die Republikanische Partei die vergangenen Jahrzehnte stand: Antisemitismus, Frauenhass und zumindest ein Liebäugeln mit rechtsradikalem Gedankengut.
Nick Fuentes wird zunehmend salonfähig
Das beste Beispiel dafür liefert der Aktivist Nick Fuentes, der, beginnend mit einem Auftritt in der Show des ehemaligen Fox-News-Moderators Tucker Carlson, inzwischen auch auf weniger abseitigen Kanälen zu Interviews eingeladen wird und dort mit freundlichem Bubigrinsen seine Weltsicht verbreiten darf. Dabei zeichnet sich klar ein Generationenkonflikt ab: Denn es ist vor allem die jüngere, nachwachsende Generation von Republikanern und Trump-Anhängern, bei der Podcaster, Aktivisten und Influencer wie Fuentes auf fruchtbaren Boden stoßen. Für viele Trump-Republikaner der älteren Garde sind deren Positionen nicht tolerierbar. Aber ihr Einfluss innerhalb der MAGA-Bewegung schwindet zusehends, und jüngere, radikalere Stimmen verschaffen sich mehr und mehr Gehör.
Bislang gelingt es Trump noch, diese Risse zu kitten. Und zwar ganz einfach, indem er von ihnen ablenkt und die Gräben mit seinen eigenen Themen zuschüttet. Dabei setzt er stark auf Emotionalisierung, das hat unter seiner Anhängerschaft schon immer funktioniert. Als Paradebeispiel lassen sich die Einwanderungspolitik und das Vorgehen der Abschiebebehörde ICE anführen. Schon im Wahlkampf waren millionenfache Abschiebungen Trumps wichtigstes Versprechen, und auch in Zukunft wird er sich weiter maßgeblich über sein hartes Durchgreifen gegen mutmaßliche illegale Einwanderer definieren. Zweifellos: Die Liste der Versäumnisse in der US-Einwanderungspolitik der vergangenen Jahre ist lang, die Probleme an der Grenze und in Städten mit hohem Migrantenanteil real. Gleichzeitig wird sich Trump auch weiterhin Kritik gefallen lassen müssen, etwa auch von der katholischen US-Bischofskonferenz, wenn die in der Härte oft fragwürdig agierenden Behörden nicht zwischen Kriminellen, Einwanderern ohne Papiere und rechtmäßig im Land lebenden Migranten unterscheiden.
Dass Trump alles in allem weiterhin fest im Sattel sitzt und durchaus noch darauf hoffen darf, bei den kommenden Zwischenwahlen nicht völlig abgestraft zu werden und die Kontrolle über die Legislative nicht ganz zu verlieren, hat aber noch einen anderen Grund: Oft kann er auf die Fehler und Missgeschicke der Gegenseite bauen und diese genüsslich ausschlachten. Etwa in Minnesota: Über Jahre betrieben somalische Einwanderer in dem Bundesstaat in großem Stil Scheinfirmen zur Ernährung, Betreuung und Pflege von Kindern, um staatliche Fördergelder einzustreichen. Der Betrug ist seit 2022 bekannt, beläuft sich auf Milliardenhöhe, 59 Personen wurden bislang verurteilt. Minnesotas Gouverneur Tim Walz, der 2024 an der Seite von Kamala Harris um die US-Präsidentschaft kandidierte, muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass die Behörden zu lax in der Prüfung von Förderanträgen gewesen seien und aus Angst, die somalische Community in Verruf zu bringen, lange nichts gegen den Betrug unternommen hätten.
Der Betrug in Minnesota ist ein gefundenes Fressen für Trump
Seitdem Ende Dezember ein Video eines dem Trump-Lager nahestehenden Youtubers und Aktivisten viral ging, in dem dieser den Eindruck erweckt, den Betrug am Steuerzahler gerade erst aufzudecken, schlachtet Trump die Sache für sich aus. Für ihn ein gefundenes Fressen: Einerseits kann er so sein hartes Vorgehen gegen Einwanderer rechtfertigen, andererseits liefert ihm der Fall Munition im Kampf gegen die Demokraten.
Trump wäre nicht Trump, wenn er nicht ein Talent hätte, sich auch aus schwierigen politischen Situationen zu befreien und immer wieder zurückzukehren. Trotz all der Hindernisse, die seinen Weg 2026 pflastern werden, ist es also gut vorstellbar, dass ihm die Wähler bei den Midterms noch einmal die nötigen Mehrheiten bescheren, um sein Programm fortzusetzen. Beruhigen könnte ihn auch die Tatsache, dass er dafür vielleicht gar nicht so viel tun muss. Denn die Demokraten haben sich seit ihrer Niederlage 2024 als kaum ernstzunehmender Gegner erwiesen.
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