Zur neuen Unsicherheit gehört auch eine alte, oft verdrängte Gefahr: Atomwaffen. Über viele Jahrzehnte schien diese Bedrohung unter Kontrolle. Zu den fünf traditionellen Atommächten – USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China – kamen im Laufe der Jahre zwar mit Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea vier weitere hinzu. Doch am grundlegenden nuklearen Gleichgewicht änderte das erstaunlich wenig.
Die Erklärung dafür war ein mächtiges Tabu. Seit dem erstmaligen Einsatz von Atomwaffen in Hiroshima und Nagasaki galten Atomwaffen nicht einfach nur als stärkere Bomben, sondern als Waffen einer völlig anderen Kategorie. Ihre Verwendung war kaum vorstellbar, weil jede nukleare Eskalation zur Zerstörung ganzer Länder – wenn nicht des ganzen Planeten – zu führen drohte. Daraus entstand die paradoxe Logik der nuklearen Abschreckung: Atomwaffen waren militärisch gerade deshalb wirksam, weil sie nicht eingesetzt wurden. Wer einen Atomkrieg begann, musste mit der eigenen Vernichtung rechnen.
Chinas nukleare Aufrüstung
Doch diese Ordnung beginnt zu bröckeln. Einer der Gründe dafür ist Chinas nukleare Aufrüstung. 2010 verfügte das Land noch über weniger als 250 Sprengköpfe, gegen Ende dieses Jahrzehnts werden es wahrscheinlich mehr als 1.000 sein. Dadurch gerät das über Jahrzehnte sorgfältig austarierte Gleichgewicht zwischen den USA und Russland ins Wanken: Künftig wird es nicht mehr nur zwei, sondern drei große Atommächte geben.
Hinzu kommt die Situation im Nahen Osten. Die Möglichkeit einer iranischen Atombombe beschäftigt die Welt seit Jahrzehnten; weder Verhandlungen noch militärische Gewalt haben das Problem dauerhaft gelöst. Je radikaler das Regime in Teheran auftritt, desto größer wird die Gefahr eines regionalen Wettrüstens: Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten könnten in Zukunft eigene Atomwaffen anstreben, um sich gegen einen nuklear bewaffneten Iran abzusichern.
Für Deutschland am gefährlichsten ist jedoch die Entwicklung seit Beginn des Ukrainekriegs. Russland hat dem Westen mehrfach mit einer nuklearen Eskalation gedroht. Ende 2022 diskutierten hochrangige russische Militärs offenbar darüber, wie und unter welchen Umständen taktische Atomwaffen in der Ukraine eingesetzt werden könnten. Erst nach massiven Warnungen der USA und öffentlichem Druck Chinas ging die nukleare Drohkulisse wieder zurück.
Grundlegender Wandel in der russischen Nukleardoktrin
Experten sehen darin einen grundlegenden Wandel in der russischen Nukleardoktrin. Während große strategische Waffen weiterhin vor allem der Abschreckung dienen, könnten aus russischer Sicht kleinere, sogenannte taktische Atomwaffen tatsächlich einsetzbar sein, ohne gleich einen umfassenden Atomkrieg auszulösen. Damit weicht Moskau das nukleare Tabu auf, das jahrzehntelang als unumstößlich galt.
Aus deutscher Perspektive ist das besonders brisant, weil zur gleichen Zeit die Zweifel am amerikanischen Schutzschirm wachsen. Deutschland besitzt keine eigenen Atomwaffen und vertraut seit jeher auf die sogenannte „erweiterte Abschreckung“ der USA: Jeder Angreifer soll davon ausgehen, dass ein nuklearer Angriff auf Deutschland im äußersten Fall mit amerikanischen Atomwaffen beantwortet würde. Doch seit Donald Trumps Amtsantritt hat dieses Versprechen an Glaubwürdigkeit verloren. Würde Trump tatsächlich New York oder Washington dem Risiko eines russischen Gegenschlags aussetzen, um Berlin oder München zu verteidigen? Viele Beobachter halten das für unwahrscheinlich.
Aus dieser Konstellation entsteht, was Fachleute als „Abschreckungslücke“ bezeichnen: Während Russland häufiger – und entschiedener – mit dem Einsatz von Atomwaffen droht, verliert der amerikanische Schutzschirm an Glaubwürdigkeit. Ein Atomkrieg steht deshalb nicht unmittelbar bevor. Doch Deutschland wird erpressbarer, weil es einer russischen Eskalation im Ernstfall wenig entgegenzusetzen hätte.
Die naheliegendste Lösung für Deutschland: eigene Atomwaffen
Was kann Deutschland tun, um diese Lücke zu schließen? Die naheliegendste Lösung wären eigene Atomwaffen. Technisch ist das möglich, aber es wäre auch teuer und aufwendig. Deutschland bräuchte neben Sprengköpfen Trägersysteme, Frühwarnung, gesicherte Standorte, Kommandostrukturen und eine eigene Nukleardoktrin. Der Aufbau würde zig Milliarden kosten und Jahre dauern. Auch politisch wäre der Preis hoch: Im eigenen Land gäbe es massiven Widerstand und bei den Nachbarstaaten erhebliches Misstrauen. Nicht zuletzt würde Deutschland gegen den nuklearen Nichtverbreitungsvertrag verstoßen – und damit eine internationale Norm schwächen, für die es seit Jahrzehnten eintritt.
Eine zweite Option wäre ein gemeinsames Atomwaffenprogramm mit Polen sowie den baltischen und nordischen Staaten, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Das würde Kosten senken und Misstrauen gegenüber einem deutschen Alleingang verringern. Doch neben dem Bruch des Nichtverbreitungsvertrags gäbe es ein weiteres Problem: Wer würde über den Einsatz entscheiden? Nukleare Abschreckung verlangt im Ernstfall Entscheidungen innerhalb weniger Minuten – und damit letztlich einer einzelnen Person. Würde Deutschland einem polnischen Ministerpräsidenten den „roten Knopf“ anvertrauen – oder Polen einem deutschen Kanzler?
Naheliegender wäre deshalb ein Ausbau der sogenannten nuklearen Teilhabe mit den USA. Seit Ende der 1950er-Jahre beteiligt sich Deutschland an diesem über die NATO organisierten System. Dabei kontrollieren die USA die Atomwaffen, während Deutschland Flugzeuge und Piloten bereitstellt.
Obwohl die Entscheidung über einen Einsatz beim amerikanischen Präsidenten verbleibt, erhält Deutschland Mitsprache und wird eng in amerikanische Planungsprozesse eingebunden. Die Hoffnung: Je enger Deutschland integriert ist, desto schwerer wird es für Washington, den Nuklearschirm über Europa aufzugeben.
Niemand weiß, ob das amerikanische Sicherheitsversprechen noch gilt
Weil jedoch niemand weiß, ob das amerikanische Sicherheitsversprechen noch gilt, wird inzwischen auch über eine stärkere Integration Deutschlands in die nukleare Abschreckung der zwei europäischen Atommächte – Frankreich und Großbritannien – diskutiert. Hier hat sich einiges getan. Frankreich und Deutschland haben 2026 erstmals eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur nuklearen Abschreckung eingerichtet. Deutsche Streitkräfte sollen an französischen Nuklearübungen teilnehmen, und Paris erwägt sogar, nuklearfähige Flugzeuge bei europäischen Partnern zu stationieren. Auch mit Großbritannien wäre eine engere Zusammenarbeit denkbar, bei der London die Atomwaffen stellt und Deutschland sich an der Entwicklung und Finanzierung geeigneter Trägersysteme beteiligt.
All diese Überlegungen werden dadurch erleichtert, dass auch Frankreich und Großbritannien ihre Zusammenarbeit vertieft haben. Mitte 2025 erklärten die Regierungschefs beider Länder erstmals, dass eine existenzielle Bedrohung Europas eine gemeinsame Reaktion auslösen könnte. Daraus ist noch keine europäische nukleare Teilhabe – oder gar ein europäischer nuklearer Verbund – entstanden. Doch Frankreich und Großbritannien könnten den amerikanischen Schutz langfristig ergänzen.
Auf die Frage, wie sich Deutschlands Abschreckungslücke schließen lässt, gibt es also keine schnelle – oder einfache – Antwort. Gerade weil mehr Staaten über Atomwaffen verfügen und die Welt unsicherer geworden ist, könnte vielleicht auch Rüstungskontrolle wieder eine größere Rolle spielen. Abschreckung und Diplomatie müssen deshalb zusammengedacht werden. Deutschland wird in Zukunft wahrscheinlich beides brauchen.
Der Autor ist Professor für Security Studies am King’s College London und zählt zu den führen deutschen Sicherheitsexperten. Seine Analysen zur „Zukunft Sicherheit“ erscheinen exklusiv in dieser Zeitung.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









