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Die Kursk-Offensive entlarvt Putins Schwäche

Die ukrainische Gegenoffensive ist völkerrechtlich, ethisch und militärisch legitim.
Wladimir Putin in Videokonferenz mit Alexei Smirnow zur Lage in der Region Kursk
Foto: IMAGO/Gavriil Grigorov (www.imago-images.de) | Russlands Präsident Wladimir Putin in einer Videokonferenz mit Alexei Smirnow zur Lage in der Region Kursk.

Gegenoffensive ist ein großes Wort, denn selbstverständlich sind die ukrainischen Truppen nicht auf dem Weg nach Moskau. Sie haben weder die Absicht noch die Kapazitäten, Teile Russlands zu erobern und längerfristig zu besetzen. Egal, ob man den ukrainischen oder den russischen Angaben über Geländegewinne und eroberte Ortschaften Glauben schenken will: Ihre aktuellen Stellungen jenseits der russisch-ukrainischen Grenze werden die ukrainischen Truppen wohl nur kurzfristig halten können. Und doch ist es der Ukraine gelungen, den Krieg erstmals auf das Territorium des Aggressors zu tragen. Zweieinhalb Jahre lang wurde der massenmörderische Zerstörungskrieg Russlands gegen sein Nachbarland militärisch alleine auf ukrainischem Territorium ausgetragen. Jetzt weitet sich die Kampfzone aus, weil das Opfer zurückschlägt.

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Die Vertreibung von Millionen Zivilisten, das Sterben hunderttausender russischer wie ukrainischer Soldaten, die Vernichtung von Infrastruktur, die Terrorisierung der Bevölkerung mit Drohnen und Raketen sowie die Okkupation von Territorien: all das geschah bislang ausschließlich auf ukrainischem Staatsgebiet. Seit zehn Tagen operiert die ukrainische Armee nun auch auf russischem Gebiet, erobert Ortschaften und kontrolliert Teile der Regionen Kursk und Belgorod. Die dortigen Gouverneure mussten den Notstand ausrufen und Hunderttausende evakuieren.

Nicht daran interessiert, Territorium in der Region Kursk zu erobern

Völkerrechtlich, ethisch und militärisch ist diese Gegenoffensive legitim: Völkerrechtlich, weil sie durch das "naturgegebene Recht zur individuellen und kollektiven Selbstverteidigung" gedeckt ist, das in Artikel 51 der UN-Charta festgeschrieben ist; ethisch, weil die Offensive die Chancen und die Verhandlungsposition des Opfers gegenüber dem Aggressor stärkt; militärisch, weil aus dem Gebiet, das die ukrainische Armee erobert hat, zuvor täglich Angriffe auf ukrainische Städte und Dörfer erfolgten, insbesondere auf die Region Sumy und die grenznahe Millionenstadt Charkiw. Die Ukraine wolle "ihre Interessen verteidigen und ihre Unabhängigkeit schützen", sagte Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videobotschaft am Dienstagabend. Zuvor hatte er betont, dass es ihm um einen Austausch von Kriegsgefangenen, um baldige Friedensverhandlungen und letztlich um einen gerechten Frieden gehe.

Worum es bei der Militäroperation nicht geht, stellte ein Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Heorhij Tychyj, klar: "Die Ukraine ist nicht daran interessiert, Territorium in der Region Kursk zu erobern." Überhaupt wolle man sich kein fremdes Gebiet aneignen, sondern das Leben der eigenen Bürger schützen. Tatsächlich zwingt der ukrainische Vorstoß die russische Armee samt der irregulären Einheiten zu Truppenverlagerungen, wodurch die Kampfgebiete in der Ostukraine entlastet werden. Wladimir Putin definierte nun selbst die neuen Prioritäten: "Die Hauptaufgabe des Verteidigungsministeriums besteht nun darin, den Feind aus unseren Gebieten zu vertreiben und eine zuverlässige Grenzsicherung zu gewährleisten." Von Verhandlungen wollte der russische Präsident in dieser Woche aber nichts wissen. Er warf Kiew sogar vor, mit dem Vorstoß ihre künftige Verhandlungsposition stärken zu wollen. Damit beweist er neuerlich, dass alles russische Gerede über Friedensverhandlungen stets nur die Kapitulation der Ukraine zum Ziel hatte.

Die ukrainische Gegenoffensive hat neben dem militärischen und diplomatischen auch einen psychologischen Sinn: Sie belegt, ebenso wie der Aufstand von "Wagner"-Führer Prigoschin im Juni des Vorjahres, wie desorganisiert und chaotisch die russische Armee und wie schwach ihre Führung ist. Putins Muskelspiele werden als Angeberei eines Halbstarken entlarvt. Damit gerät die Sieges-Propaganda des Kreml im eigenen Land wie international ins Zwielicht: Der Mythos, alles laufe präzise nach Putins Plan, weil Russland ja unbesiegbar sei, ist nicht länger zu halten. Die Ukraine hat mit ihrer Gegenoffensive gezeigt, dass der Kremlchef seinen eigenen Staat nicht schützen kann.

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Stephan Baier Ethik und Moral Wladimir Wladimirowitsch Putin

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