Politik

Bundestag will über Gentests diskutieren

Debatte im Frühjahr 2019 geplant – Demo vor LifeCodexx-Zentrale in Konstanz.
Demo vor dem Sitz von Lifecodexx
Foto: CDL | Diesmal nahmen auch Schüler mit Down-Syndrom an der Demo vor dem Sitz der Firma Lifecodexx teil.

Mehr als 100 Bundestagsabgeordnete fordern eine intensive parlamentarische Debatte über die ethischen und gesetzgeberischen Fragen, die durch nichtinvasive Gentests aufgeworfen werden. Mit den Tests wird im Blut von Schwangeren nach chromosomalen Besonderheiten ihrer Kinder wie etwa dem Down-Syndrom (Trisomie 21) gefahndet.

Die Tests sind umstritten, weil es für die genetischen Besonderheiten, auf die sie testen, keinerlei Therapien gibt und ein positives Testergebnis meist zu einer Abtreibung führt. Gestartet worden war die interfraktionelle Initiative von zehn Abgeordneten um den CDU-Bundestagsabgeordneten Rudolf Henke, die ehemalige Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD), die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer, und die gesundheitspolitische Sprecherin der Linken, Kathrin Vogler.

Zum Hintergrund: Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) prüft derzeit, ob solche Gentests als Regelleistung in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aufgenommen werden können.

Pressekonferenz mit Sebastian Urbanski

Auf der Pressekonferenz, bei der die Abgeordneten über den Stand der interfraktionellen Initiative am Freitag in Berlin berichteten, sprach sich der Schauspieler und Synchronsprecher Sebastian Urbanski als vom Down-Syndrom Betroffener gegen eine Aufnahme des Tests in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen aus: Er sei gegen den Test, „weil er Menschen wie mich schon der Geburt aussortiert.“ „Menschen mit Down-Syndrom gehören zur Vielfalt des Lebens“, so Urbanski. Niemand sei perfekt und daher besitze auch niemand „ein Recht auf ein perfektes Kind“.

Henke, der auch Präsident der Ärztekammer Nordrhein ist, warnte vor einer Entwicklung, „bei der wir Kinder in Produkte verwandeln, die auf Qualitätsmängel geprüft und gegebenenfalls verworfen werden“. Die frühere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sagte, würden die Tests in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen, „wäre das ein Signal, dass das Down-Syndrom vermieden werden sollte“. Ihre Träger müssten sich zu Recht abgewertet fühlen.

Demo vor dem Lifecodexx-Firmensitz in Konstanz

Eine Sorge, die auch die Firma Lifecodexx zu spüren bekommt. Erst vergangenen Montag demonstrierten wieder mehr als 100 Menschen in Konstanz vor dem Firmensitz des Unternehmens, das als Marktführer bei vorgeburtlichen Gentests gilt, gegen die Selektion von Menschen mit genetischen Besonderheiten. Anlass dieser von der Aktion Lebensrecht für Alle (ALfA) e.V. und den Christdemokraten für das Leben (CDL) gemeinsam organisierten Kundgebung war die aktuelle Debatte um eine Aufnahme der Bluttests auf Trisomie 21 und andere Normabweichungen in die – von den Krankenkassen finanzierte – Regelversorgung.

Nach einem Plädoyer von Josef Dichgans, Landesvorsitzender der CDL Baden-Württemberg, gefährliche Entwicklungen nicht Teil staatlicher Ordnung werden zu lassen, ergriff Hubert Hüppe, ehemaliger Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, das Wort. Die von einem prominenten Befürworter der Kassenzulassung gegebene Begründung, ein behindertes Kind sei doch deutlich teurer als ein Bluttest an Schwangeren, entlarve die Denkmuster der neuen Eugenik. Hüppe rief dazu auf, gemäß der Verfassung unseres Landes für die Würde jedes Menschen einzutreten. „Deshalb bin ich hier“, erklärte er.

Aus demselben Grund war Professor Dr. Holm Schneider, Kinderarzt am Uniklinikum Erlangen und langjähriger Begleiter von Kindern mit Trisomie 21, schon zum siebten Mal beim Protest vor den Toren von LifeCodexx dabei. Er kritisierte, dass die Aufklärung zu den vorgeburtlichen Gentests kaum Informationen darüber enthalte, „wie ein Leben mit Down-Syndrom tatsächlich aussieht“, und stellte fest: „Solche Tests bringen Frauen in die Bedrängnis, in der Frühschwangerschaft eine Entscheidung zu fällen, für die viele keine ausreichende Grundlage haben.“

Auch für Menschen mit Down-Syndrom gilt: Das Leben ist schön

„Das Leben ist schön – und das gilt nicht nur für mich, sondern auch für andere Menschen mit Down-Syndrom. Warum dürfen die meisten von ihnen nicht zur Welt kommen? Warum gibt es einen Test, mit dem sie vor der Geburt aussortiert werden?“, fragte Michaela Schatz, eine junge Frau mit Down-Syndrom, die zuvor aus ihrem Arbeits- und Lebensalltag erzählt hatte.

Weitere bewegende Zeugnisse junger Leute mit Down-Syndrom, die ohne Scheu nach dem Mikrofon griffen, sowie ihrer Eltern und Lehrer brachten das Anliegen der Kundgebung auf den Punkt: Eine gezielte Suche nach mutmaßlich Behinderten in der Frühschwangerschaft verstoße auf eklatante Weise gegen das Verbot, Menschen mit Behinderung zu diskriminieren. Bemühungen um ihre Inklusion würden zum Hohn, wenn man sie anhand eines Gentests schon vor der Geburt gezielt aussondere.

DT/reh

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