Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung „Die soziale Revolution des Poverello“

Geschwister, nicht Nachbarn!

Warum das Erbe des heiligen Franziskus ein Wegweiser für die Realpolitik heute ist – Teil 8.
„Die soziale Revolution des Poverello“, Teil 8
Foto: Imago/Pascal Deloche/Godong | Ob die jungen Absolventen der Vorschule der Dominikanerinnen in Bien Hoa in Vietnam ahnen, dass Bildung ein Privileg ist?

Wie lässt sich eine gerechte, zukunftsfähige Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung gestalten? Vor sechs Jahren veröffentlichte Papst Franziskus seine wegweisende Enzyklika „Fratelli tutti“. Das Rundschreiben über die Geschwisterlichkeit und die soziale Freundschaft widmet sich im Kern „der spezifischen Sorge um Menschen, die sich aufgrund struktureller Einschränkungen nicht entfalten können“ (FT 137). Die sozialethische Sprengkraft der „Geschwisterlichkeit“ bildet hier den roten Faden. Doch was bedeutet das konkret in einer von vielen Krisen geschüttelten Welt?

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Auf der Suche nach Antworten greift der Papst erneut auf die tiefe Weisheit des heiligen Franz von Assisi zurück. Es war kein Zufall, dass der Pontifex das Dokument am 3. Oktober 2020 – dem Todestag des „Poverello“ – direkt an dessen Grab unterzeichnete. Für Franz von Assisi war Geschwisterlichkeit jedoch kein exklusives Privileg für Menschen, sondern er dehnte den Begriff mutig auf die gesamte Schöpfung aus: Er sprach von Bruder Sonne und Schwester Tod.

Traum von einem Streben nach Geschwisterlichkeit

Papst Franziskus machte sich diesen Blick zu eigen und übertrug ihn auf die Gegenwart: In einer Welt, die durch die Globalisierung zwar geografisch und digital zusammengerückt ist, erzeugt bloße räumliche Nähe noch lange keine echte Mitmenschlichkeit. Aus bloßen Nachbarn, so die bittere Diagnose des Papstes, werden nicht automatisch Geschwister:

„Ich habe den großen Wunsch, dass wir in dieser Zeit, die uns zum Leben gegeben ist, die Würde jedes Menschen anerkennen und bei allen ein weltweites Streben nach Geschwisterlichkeit zum Leben erwecken. Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten von gleichem, menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeden mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeden mit seiner eigenen Stimme, alles Brüder und Schwestern“ (FT 8).

Barmherziger Samariter als Modell für Solidarität

Um diese tiefe, geschwisterliche Verbundenheit zu illustrieren, griff der Papst auf das biblische Gleichnis des barmherzigen Samariters zurück. Gelesen durch die franziskanische Brille, wird diese Parabel zum überzeugenden Modell für ein solidarisches Zusammenleben. Das Gleichnis zielt darauf ab, beim Hörer einen Identifizierungsmechanismus auszulösen, damit dieser sich selbst in die Rolle des Hilfsbedürftigen begibt.

Der radikale Überraschungseffekt der Erzählung stellt die gewohnte Perspektive komplett auf den Kopf: Jesus ruft eben nicht dazu auf, theoretisch zu fragen, wer mein Nächster ist. Stattdessen fordert er dazu auf, aktiv für jeden leidenden Anderen zum Nächsten zu werden. Solidarität wird so als absolute Reziprozität – als wechselseitige Verantwortung – verstanden, die sogar Fremde und Feinde einbezieht.

Das Gleichnis ist ein leidenschaftlicher Appell an die menschliche Vernunft und das universelle Gewissen, der auch Nichtgläubige in die Pflicht nimmt. Bezogen auf unsere heutige Weltgesellschaft beweist die Erzählung, dass die Idee der Geschwisterlichkeit sämtliche kulturellen, geografischen und religiösen Barrieren überwinden kann.

Gegengift gegen eine globale Kultur der Gleichgültigkeit

Die theologische Sprengkraft dieser universellen, gottgewollten Fraternität liegt auf der Hand: Wenn jeder Mensch bedingungslos mein Bruder oder meine Schwester ist, dann besitzt jeder Einzelne exakt dieselbe, unantastbare Würde. Aus dieser Prämisse erwächst bei Papst Franziskus eine messerscharfe, systemische Kritik an den Menschenrechtsverletzungen unserer Tage, die beispielsweise durch systemische Armut, modernen Menschenhandel oder die strukturelle Verweigerung von Chancengleichheit verursacht sein können. Die franziskanische DNA erweist sich somit einmal mehr als das wirksamste Gegengift gegen eine globale Kultur der Gleichgültigkeit.

Papst Franziskus belässt es in „Fratelli tutti“ jedoch nicht bei einem bloß moralischen Appell auf der Ebene der Tugendethik. Seine Vision von Geschwisterlichkeit hat auch eine sozial- und institutionenethische Seite: Sie wird zum konkreten Prüfstein für gesellschaftliche Strukturen, politische Systeme und globale Institutionen.

Hingabe statt Egozentrik

Hier bricht ein zentraler, historischer Streitpunkt der franziskanischen Tradition in den modernen Diskurs ein: die fundamentale Kritik an einer rein kalkulierenden, kaufmännischen Vernunft. Unsere heutige, in hohem Maße individualisierte Gesellschaft ist besessen von Effizienz, Kosten-Nutzen-Analysen und Messbarkeit. Dem stellt das franziskanische Denken den Primat eines dankbaren und hingebungsvollen Willens entgegen.

Das Universum ist in dieser Logik kein mechanistischer Zufall und keine ökonomische Notwendigkeit. Es existiert als reines, unverdientes Geschenk, das Gott uns in seiner Liebe und absoluten Freiheit macht. Daraus leitet die Enzyklika einen revolutionären Maßstab ab:

Der Wert und die Würde eines Menschen bemessen sich niemals nach dem, was er besitzt (Haben) oder welchen Status er einnimmt (Sein), sondern nach seiner Fähigkeit zur Hingabe. Unsere Zivilisation braucht den Mut zu dieser franziskanischen Logik: Weg vom egoistischen Kalkül, hin zum Teilen. Denn eine Welt, die nur noch rechnet, verfügt am Ende weder über tiefes Denken noch hat sie eine Seele.

Pros und Cons des Marktes

In „Fratelli tutti“ macht der Papst sehr differenzierte Äußerungen zur Bedeutung des Marktes; dennoch fällt seine Kritik scharf aus: „Der Markt allein löst nicht alle Probleme, auch wenn man uns zuweilen dieses Dogma des neoliberalen Credos glaubhaft machen will. Der Neoliberalismus regeneriert sich immer wieder neu auf identische Weise, indem er auf die magische Vorstellung des Spillover oder auf die Trickle-down-Theorie als einzige Wege zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme zurückgreift“ (FT 168).

Der Markt besitze zwar einen funktionalen Koordinationsmechanismus, dürfe aber niemals sich selbst überlassen bleiben, da er blind sei für soziale Gerechtigkeit. Zugleich würdigt Franziskus die positive Kraft der Wirtschaft. Das Unternehmertum wird explizit als eine „edle Berufung“ bezeichnet, sofern es darauf ausgerichtet ist, Wohlstand zu mehren und die Welt für alle zu verbessern. Dafür fordert die Enzyklika eine aktive, gestaltende Wirtschaftspolitik, die Produktionsvielfalt und unternehmerische Kreativität fördern sollte, statt sie durch Monopole oder Finanzspekulationen zu ersticken.

Armutsbekämpfung im Fokus

Das unbestrittene Gravitationszentrum der päpstlichen Wirtschaftsethik bleibt die Bekämpfung der Armut. Hier lässt sich eine faszinierende Verbindung zum modernen „Capability Approach“ (Befähigungsansatzes) des Nobelpreisträgers Amartya Sen ziehen. Sen definiert Armut nicht bloß als Mangel an Einkommen, sondern viel umfassender als „Mangel an Verwirklichungschancen“.

Er fordert Institutionen, die die Rahmenbedingungen so gestalten, dass jeder Mensch die Freiheit hat, sein Leben selbstbestimmt zu entwickeln – insbesondere durch Bildung und Beteiligungsgerechtigkeit. Genau in diesem Sinne argumentiert Papst Franziskus: Um die Armut wirksam zu überwinden, müssten die Armen zur aktiven Teilhabe befähigt werden.

Das verlange auf globaler Ebene, dass Entwicklungsländer fair in die Globalisierungsprozesse integriert werden. Es erfordere den Aufbau rechtsstaatlicher und demokratischer Institutionen vor Ort, die Übernahme global-ethischer Verpflichtungen durch die reichen Nationen und die Organisation von Hilfsmaßnahmen nach dem Subsidiaritätsprinzip.

Um die globalen Krisen zu bewältigen, plädiert der Papst für eine verbindliche, internationale Regulierung. Er fordert starke, reformierte weltpolitische Institutionen und Abkommen, die im Bedarfsfall auch mit echten Sanktionsmöglichkeiten ausgestattet sind. Die Politik dürfe sich nicht länger den Märkten unterwerfen; sie müsse ihre Vorrangstellung zurückgewinnen.

Forderung nach einer am Gemeinwohl orientierten Politik

In direkter Kontinuität zu Benedikts XVI. Enzyklika „Caritas in veritate“ entwirft „Fratelli tutti“ so den „sozialen und politischen Weg der Nächstenliebe“. Eine Schlüsselrolle kommt dabei den Organisationen der Zivilgesellschaft zu: Sie sieht der Papst als die unersetzlichen Wächter, die der internationalen Gemeinschaft als Anwalt für die Schwächsten ins Gewissen reden.

Das päpstliche Schreiben „Fratelli tutti“ enthält einen aufrüttelnden, an die gesamte Weltgemeinschaft gerichteten Appell, der unmissverständlich ist: Es gilt, die Armut konsequent an ihren strukturellen Wurzeln zu bekämpfen und mutig eine bessere, konsequent am Gemeinwohl orientierte Politik für Europa und die Welt zu realisieren.

Überlebenswichtige Realpolitik für das 21. Jahrhundert

Am Ende des Schreibens steht eine Diagnose des Papstes, die angesichts der aktuellen geopolitischen Krisen wie ein unüberhörbarer, prophetischer Weckruf nachhallt: „Doch die Geschichte liefert Indizien für einen Rückschritt. Unzeitgemäße Konflikte brechen aus, die man überwunden glaubte. Verbohrte, übertriebene, wütende und aggressive Nationalismen leben wieder auf. In verschiedenen Ländern geht eine von gewissen Ideologien durchdrungene Idee des Volkes und der Nation mit neuen Formen des Egoismus und des Verlustes des Sozialempfindens einher, die hinter einer vermeintlichen Verteidigung der nationalen Interessen versteckt werden“ (FT 11).

Diese Botschaft von Papst Franziskus ist eine Warnung, die uns darauf aufmerksam macht, dass eine Wirtschaft ohne Seele und eine Politik ohne Geschwisterlichkeit unweigerlich in die Selbstzerstörung führen. Das Erbe des „Poverello“ von Assisi bleibt somit kein verstaubtes Ideal des Mittelalters, sondern erweist sich als eine vielleicht überlebenswichtige Realpolitik für das 21. Jahrhundert.


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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