Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Die soziale Revolution des Poverello

Die Theologie des Begehrens sucht das menschliche Antlitz

Hat der Mensch im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz noch Konjunktur? Leo XIV. verbindet in seiner Antwort die augustinische Unruhe des Herzens mit dem franziskanischen Menschenbild – Teil 9.
Die soziale Revolution des Poverello, Teil 9
Foto: IMAGO/Jose Perez | Lohnt sich der Kampf um den Studienplatz? Die Bewerber, die im Sportpalast von Mexiko-Stadt die Aufnahmeprüfung für die staatliche Universität UNAM ablegen, werden bald vor der Frage stehen, welchen Erkenntnisgewinn ...

Die programmatische Namenswahl Leos XIV. lässt sich an einem Datum veranschaulichen: Am 15. Mai, dem 135. Jahrestag der Veröffentlichung der bahnbrechenden Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ von Papst Leo XIII., setzte sich der amtierende Pontifex mit seinem ersten Rundschreiben „Magnifica Humanitas“ in einen deutlichen Bezug zu Leo XIII. und dessen Sozialverkündigung aus dem Jahre 1891. So wie in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution die soziale Frage aufgaeworfen hatte, sind es heute die Künstliche Intelligenz (KI) und transhumanistische Trends, die Menschen vor neue Probleme stellen. Geprägt durch seine Biografie – nordamerikanische Wurzeln, augustinische Ausbildung in Rom und pastorale Erfahrungen in Lateinamerika –, blickt dieser vielschichtige Papst aus verschiedenen Perspektiven auf die globalen Phänomene unserer Zeit.

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Der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ zufolge steht die Menschheit an einem historischen Wendepunkt: Entweder errichtet sie einen neuen Turmbau zu Babel, der auf anmaßender Selbstgenügsamkeit und reiner Effizienz basiert und zu Lasten der Menschenwürde geht, oder sie baut eine neue „Stadt“, getragen von Verantwortung, Solidarität und der Sorge um das Gemeinwohl. Bei seinen Überlegungen verfällt Papst Leo XIV. keineswegs in pauschale Kritik. Er betont, dass KI großes Potenzial habe – man denke etwa an die Medizin, die Datenanalyse, die Bilderkennung oder an die Übersetzung in andere Sprachen. Entscheidend sei jedoch der verantwortungsvolle Umgang mit diesem Instrument. Nur so könne verhindert werden, dass es neue Ungleichheiten und Machtstrukturen befördere, Manipulationen ermögliche und verzerrte Informationen erzeuge oder gar den Menschen zum bloßen Rädchen in einem technischen System degradiere.

Begriff „Künstliche Intelligenz“ ist irreführend

Der Begriff „Künstliche Intelligenz“ selbst sei faszinierend, aber irreführend: Diese anthropomorphe Sprache schreibe Maschinen fälschlicherweise menschliche Eigenschaften wie „Denken“, „Gedächtnis“ oder „Emotionen“ zu. Doch KI sei ein Produkt der menschlichen Intelligenz – ein Werkzeug, das Operationen ausführe und Ziele verfolge, für die es programmiert wurde. KI besitze weder Bewusstsein noch sei sie ein moralisches Subjekt.

Für Leo XIV. gilt: Während die menschliche Intelligenz aus der leiblichen, gelebten und relationalen Erfahrung erwachse, bleibe die Maschine völlig frei von moralischem Bewusstsein. Im Text heißt es dazu unmissverständlich: „Sogenannte Künstliche Intelligenzen machen keine Erfahrungen, besitzen keinen Leib, empfinden weder Freude noch Schmerz, reifen nicht in Beziehungen, wissen nicht von ihrem Inneren her, was Liebe, Arbeit, Freundschaft und Verantwortung bedeuten“ (MH 99). Der Papst warnt eindringlich vor dem Versuch, Intelligenz auf bloßes Kalkül zu reduzieren. Menschliches Denken sei existenzielle Erfahrung, Beziehung und die Fähigkeit, das Gute zu erkennen.

Leo XIV. bietet keine fertigen Rezepte; er formuliert jedoch einen deutlichen Appell an die praktische Klugheit der Menschen und fordert sie auf, zu einer tiefen persönlichen und institutionellen Unterscheidung zurückzufinden, um die Technologie zu kontrollieren, dem eigenen Handeln klare Grenzen zu setzen und die Zukunft wieder in die Hände der mit Würde ausgestatteten Menschheit zu legen: „Auch wenn die Maschinen in ihrer Effizienz überragend sind, bleibt das Zentrum der Geschichte ein menschliches Antlitz, das danach verlangt, angesehen zu werden“ (MH 233).

Berührungspunkte zwischen Franziskus und Augustinus

Während der Einfluss des heiligen Augustinus und der seiner Geschichtstheologie auf die Enzyklika unübersehbar sind, tauchen im Text auch Aspekte auf, die genuin auf die franziskanische Tradition zurückzuführen sind. Es zeigen sich deutliche Berührungspunkte zu beiden Denkschulen, was prägnant an jenem anthropologischen Manifest gezeigt werden kann, welches der Heilige Vater im Mai dieses Jahres vor Studierenden der römischen Universität „La Sapienza“ formulierte: „Wir sind ein Begehren, kein Algorithmus!“

Die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ stützt sich explizit auf die programmatischen Texte „Laudato si’“, „Fratelli tutti“ und „Laudate Deum“ des Pontifikats von Papst Franziskus. Wie Oreste Bazzichi in seinen Kommentaren zu der Enzyklika hervorhebt, verbindet sich in diesem konzeptionellen Zentrum der päpstlichen Überlegungen die augustinische Unruhe des Herzens mit dem franziskanischen Menschenbild: der Mensch als affektive Dynamik, als unstillbare Sehnsucht nach dem Unendlichen, fähig, die Geschichte und ihre letzten Ziele zu bedenken.

Dem Versuch des algorithmischen Kalküls, das Menschliche auf vorhersehbare, leistungsorientierte Antworten zu reduzieren, stellt „Magnifica Humanitas“ eine Theologie des Begehrens entgegen, die die kreative Freiheit des Menschen einfordert. Auf diesem Gebiet konvergieren Augustins Spekulation über das göttliche Begehren und der existenzielle franziskanische Ansatz, um den Primat des Geistes über die Effizienz der Maschine zu verteidigen.

Wie sich das wahre Menschliche entfalten kann

Der transhumanistischen Verheißung einer künstlichen Optimierung stellt die Enzyklika die Idee der Verklärung entgegen, die ebenfalls in der augustinisch-franziskanischen Tradition präsent ist. Das wahre Menschliche werde nicht durch technologische Erweiterungen der Natur erreicht, sondern dadurch, dass sich der Mensch in Freiheit dem Wirken der göttlichen Gnade öffne. Papst Leo fordert den Wandel von einer Kultur der Macht hin zu einer Kultur der Sorge und des Dialogs beziehungsweise zu einer „Zivilisation der Liebe“ – ein Aufruf, der direkt an Franz von Assisis Übergang von der Logik der Gewalt zur Logik des Friedens anknüpft. Für den Aufbau der Zivilisation der Liebe skizziert der Papst konkrete Wege gesellschaftlicher Verantwortung, indem er dazu auffordert, Worte zu entwaffnen, Frieden in Gerechtigkeit aufzubauen, die Perspektive der Opfer anzunehmen, einen gesunden Realismus zu pflegen (MH 213).

Bereits in der ersten Ansprache nach seiner Wahl zum Papst am 8. Mai 2025 betonte Leo XIV. die Notwendigkeit eines „unbewaffneten und entwaffnenden Friedens“. Diese programmatischen Worte wirken wie die Resonanz eines Aufrufs von Papst Franziskus im März 2025 in einer italienischen Zeitung: „Wir müssen die Worte entwaffnen, um die Köpfe und die Erde zu entwaffnen“. In der doppelten Perspektive beider Päpste wird der Friede zu einer ethischen und institutionellen Aufgabe: Es gelte nun, auch die Technik und die KI von der Logik des Ausschlusses und der Herrschaft zu befreien, um sie durch Beziehungsarbeit und Vertrauen in den Dienst der Person zu stellen. Am Ende steht der entscheidende Appell, sogar angesichts der neuen Dinge menschlich zu bleiben!

Die tiefsten und wichtigsten Dinge kosten Zeit und Mühe

In einer von digitaler Beschleunigung, der Kultur der Unmittelbarkeit und der Gegenwartsfixierung geprägten Welt wirft der Papst die fundamentale Frage zur Zukunft der Bildung auf. Dabei greift er auf ein Kernstück der antiken Philosophie zurück: den siebten Brief des griechischen Philosophen Platon. Dieser betonte bereits vor über zweitausend Jahren, dass sich die tiefsten und wichtigsten Dinge nur nach langer Zeit und mit großer Mühe erlernen lassen.

Wahre Erkenntnis, so Platon, entstehe durch das gegenseitige „Aneinanderreiben“ von Gedanken und Erfahrungen. Sie entzünde sich wie ein Licht im Inneren der Seele – entsprungen aus einem Funken nach einem langen Weg des gemeinsamen Studiums und des gelebten Miteinanders. Das ist ein wunderbares Bild vom Wissen: Man soll eben nicht auf Schnelligkeit und Effizienz setzen, sondern auf Anstrengung, Fehler, Zweifel, geduldiges Warten und sogar auf Momente des Verwirrtseins, des Stolperns und des Neuanfangs. Bildung ist demnach vor allem die Pflege der Innerlichkeit und eine Wandlung der Seele.

Papst mahnt zu kritischem Umgang mit KI und sozialen Medien

Im Rückgriff auf diese Lehre mahnt der Papst die dringende Notwendigkeit an, junge Menschen zu einem kritischen Umgang mit der KI und der Technik zu erziehen, denn jede technologische Entdeckung verändere unweigerlich unsere Beziehung zu Zeit, Gedächtnis und den menschlichen Beziehungen. Der Papst warnt auch vor den Risiken, die im Umgang mit den sozialen Medien liegen, wenn man an die Dynamik von Isolation und Mobbing denkt sowie an mangelnde emotionale Regulierung, und er sieht auch die Gefahr, dass die sozialen Medien „den Wunsch, Fragen zu stellen“ ersticken: „Wenn wir nicht aufpassen, kann ein Bildungssystem entstehen, dem die Liebe zur Wahrheit fehlt und der unaufhörliche Informationsfluss Forschung, Reflexion und Unterscheidung ersetzt. Es bedarf der Förderung einer echten Hygiene der Aufmerksamkeit, die Rhythmen, Stille, vertieftes Studium, Lesen und besonnene Kommunikation beinhalten“ (MH 146).

Schule und Universität bleiben die entscheidenden Orte, wo dieses kritische Denken geübt wird. Sie sind heute mehr denn je dazu aufgerufen, zur zweifelnden Überprüfung von Quellen zu erziehen, historische Zeugnisse zu interpretieren, Beweise zu überprüfen und ihren Wert zu vermitteln. Das alles gehört zur historischen Methode. Dieses „Erziehen zum Denken“ erinnert an das Vermächtnis des jüngst verstorbenen Historikers Carlo Ginzburg: Wir müssen die philologische Methode auf die digitale Welt anwenden. Es gilt, die „Kunst des langsamen Lesens“ wiederzuentdecken, zwischen den Zeilen eines jeden Textes zu lesen und die Falschheit von Fake News zu entlarven. Dafür jedoch ist die Vermittlung durch Menschen, durch Lehrer und Erzieher, absolut unersetzlich. Wie Ginzburg treffend bemerkte: „Die Schnelligkeit des Computers ist mit dem langsamen Lesen kompatibel – aber das langsame Lesen ist etwas, das der Computer nicht lehren kann“!


Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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