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Der Wirtschaftsstandort Deutschland büßt an Attraktivität ein

Im neuen „Länderindex Familienunternehmen“ belegt Deutschland nur noch Platz 18 von 21 bewerteten Wirtschaftsstandorten – vier Plätze schlechter als 2020.
Deutschland-Flagge
Foto: IMAGO/Klaus W. Schmidt (www.imago-images.de) | Um Deutschland als Wirtschaftsstandort für Familienunternehmen sieht es nicht gut aus.

Deutschland wird als Wirtschaftsstandort für Familienunternehmen offenbar immer unattraktiver: In der der neuen Ausgabe des „Länderindex Familienunternehmen“ belegt die Bundesrepublik nur noch Platz 18 von 21 bewerteten Wirtschaftsstandorten – und schneidet damit vier Plätze schlechter ab als 2020. 

Im Abwärtsstrudel

Seit 2006 vergleicht das Leibniz-Zentrum für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der in München ansässigen „Stiftung Familienunternehmen“ 21 Industriestandorte. Insgesamt sechs Faktoren werden im Ranking gewichtet: Steuern, Arbeit, Regulierung, Finanzierung, Infrastruktur und Investitionen sowie Energie. In der ersten Studie schaffte es Deutschland noch auf Platz 12, geriet dann jedoch in einen Abwärtsstrudel. Schlechter als in Deutschland sieht es laut der Studie nur in Ungarn, Spanien und Italien aus. Die USA bieten dagegen das beste Umfeld für Familienunternehmen. Auf Rang zwei steht Kanada, dahinter Schweden. Die Schweiz erreichte Platz vier, Österreich Platz 13.

„Der Industriestandort Deutschland hat dramatisch an Qualität verloren“, meint Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen. Gerade die hohen Energiepreise, an denen man wenig ändern könne, müssten eigentlich Anreiz bieten, die übrigen Rahmenbedingungen für Investitionen zu verbessern. „Im internationalen Vergleich auf den hintersten Plätzen – das ist nicht das Feld, in das wir gehören“, resümiert Kirchdörfer.

Die Gründe sind vielfältig

Die Gründe, warum Deutschland in der Studie so durchgereicht wird, sind vielfältig. Neben zu viel Bürokratie, hoher Steuerbelastung und langsamer Innovationsbereitschaft verschlechterten nun zusätzlich hohe Energiekosten und Arbeitskräftemangel die Standortqualität hierzulande, heißt es. Nachteilig werden vor allem die Entwicklungen in den Bereichen Steuern, Regulierung und Infrastruktur empfunden. Auch das Verhältnis von Arbeitskosten zu Produktivität zeigt einen Trend nach unten im Vergleich zu den übrigen Wettbewerbern.

Den Spitzenrang nimmt Deutschland laut der Studie lediglich in Fragen der Geldbeschaffung ein. Hier wird hervorgehoben, dass Deutschland eine vergleichsweise niedrige Staatsverschuldung habe. Auch die Verschuldung privater Haushalte sei im Vergleich gering. Beim Themengebiet „Infrastruktur und Institutionen“ reicht es immerhin noch für Platz sechs. Bei keinem der übrigen Faktoren kommt Deutschland über Platz 18 hinaus.

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Beim Themengebiet Steuern reicht es für Deutschland gerade einmal für den vorletzten Platz. Das sei vor allem auf die „über die Jahre anhaltende Passivität der deutschen Steuerpolitik“ zurückzuführen, schreibt Studienleiter Friedrich Heinemann. Der Absturz sei laut ZEW mit der Erbschaftsteuerreform im Jahr 2016 gekommen. Seitdem wäre keine Erholung mehr eingetreten.

Krise bietet Chance für Umkehr

Studienleiter Heinemann sieht den größten Handlungsbedarf in Deutschland bei der Steuerlast und der Bürokratie. Auch eine „echte Wende in der Bildungspolitik“ sei mit „Blick auf den Fachkräftemangel“ notwendig, besonders, was die Schlüsselfächer Deutsch und Mathematik angehe. Zwar hätten mehrere europäische Länder seit Beginn des Ukraine-Krieges mit schwierigeren Bedingungen in der Energieversorgung zu kämpfen – Deutschland aber könne die Belastungen nicht durch etwaige Vorteile bei anderen Standortfaktoren ausgleichen. „Die gegenwärtige Krise sollte als Chance zur Umkehr begriffen werden, vor allem zum Abbau lähmender Regulierungslasten“, rät Heinemann der Politik. Auch Reformen im Bereich Rente und Gesundheit müssten bewerkstelligt werden.

Der Befund zur Position Deutschlands biete „erheblichen Anlass zur Sorge“. Der Energiepreisschock seit Beginn des Ukrainekriegs bedeutet laut der Studie einen Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit mehrerer europäischer Länder. Doch kann Deutschland dies nach Einschätzung der Ökonomen nicht durch Vorteile in anderer Hinsicht ausgleichen. Die Studie geht nicht davon aus, dass sich in naher Zukunft im Standortranking etwas ändern wird. 

 

 

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Stefan Rochow

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