Gleich zweimal war ich in letzter Zeit eingeladen bei Konferenzen zum Thema der Künstlichen Intelligenz (KI): einmal bei Ärzten in Würzburg zum Einsatz der KI in der Medizin, wenig später beim Bundesverband deutscher Arbeitgeber in Berlin zum Einfluss der KI auf den Arbeitsmarkt und die Veränderung der Arbeitsplätze. Landauf, landab wird das diskutiert: Welche Arbeitsplätze wollen wir unbedingt in Menschenhand behalten und welche Arbeitstätigkeiten könnten wir getrost in zuverlässige Maschinenarme auslagern?
Die Mediziner berichten von beeindruckenden Leistungen der KI in der Radiologie: Kein noch so erfahrener Radiologe mit langjährigster Berufserfahrung kann sich messen mit der Diagnose der KI im Blick auf Röntgenaufnahmen. Gleichwohl: Was folgt der besten und präzisesten Diagnose? Richtig, die beste Therapie. Hier freilich versagt die punktgenaue künstliche Intelligenz im Vergleich zur mitfühlenden Intelligenz eines Menschen. Denn sie sagt nur, was technisch möglich, nicht aber, was menschlich sinnvoll sei. Die alten Griechen nannten genau das den Unterschied zwischen Quantität und Qualität, im Blick auf das Leben eines Menschen präzis: Wer wollte schon ewig leben ohne Freunde, wenn er noch eine Stunde mit Freunden leben könnte? Beides zusammen geht nicht; wer hier schwankend wird, muss zurück auf „Los“ und noch einmal überlegen. Qualität im Leben ersehnt ein jeder, nicht bloße Quantität des Überlebens. All das geht ja jedem durch den Kopf, der für sich oder Angehörige entscheiden muss zwischen langwieriger Chemotherapie oder verkürzter, qualitativ wertvoller Lebenszeit.
Ist der Samariter ersetzbar?
Mir ging jedenfalls sowohl in Würzburg wie auch in Berlin durch den Kopf unser Gleichnis des barmherzigen Samariters und die Frage: Welche Tätigkeit im Gleichnis könnte durch die KI wohlfeil ersetzt werden? Auf jeden Fall der Esel (durch automatisierten Transport), auch der Wirt (durch perfekte Pflegeroboter), sogar die radiologisch präzise Identifikation des hilfsbedürftigen Menschen, nicht aber der entscheidende Unterschied zwischen Priester und Levit einerseits und Samariter andererseits. Hatten diese denn kein Mitleid und gingen deswegen weiter, während jener nur von Mitleid getrieben war? Davon wird im Gleichnis nichts gesagt; die Entscheidung zugunsten des Kranken im Straßengraben wird einfach vorausgesetzt. Dabei liegt genau in dieser Entscheidung die alles entscheidende Unterscheidung von Maschine und Mensch.
„Sibi et aliis providens“, sagt Thomas von Aquin, ist eine entscheidende Fähigkeit des Menschen als Abbild Gottes: sich und anderen vorausschauend gehen auf dem Weg des je Besseren, auf dem Weg der Liebe und Barmherzigkeit. Aber: Nur Gott kann alles Gute zur gleichen Zeit vollbringen, der Mensch als sein Abbild muss sich ständig entscheiden. Und darin liegt Lust und Last unseres Lebens als Abbild Gottes: mühsam den Weg zu bahnen durch das oft struppige Dickicht mühseliger Abwägungen. Was ist besser? Keine KI der Welt beantwortet diese Frage, nur der natürliche Mensch, der sich vor Augen hält, was Gott ihn dereinst fragen wird. Und solange eine KI diesen Anspruch Gottes nicht denken kann, ist sie nicht intelligent, sondern bestenfalls technisch perfekt. Was nützlich ist, aber nicht letztlich beglückend.
Der Autor ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn.
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