Was amerikanische Touristen anzieht, gilt in der Reihe europäischer Sehenswürdigkeiten eher selten als Geheimtipp. Etwas anders liegt der Fall vielleicht bei NASA-Astronauten. 1970, ein Jahr nach der ersten Mondlandung von Neil Armstrong und Buzz Aldrin, besuchte eine Gruppe von US-Raumfahrern das Nördlinger Ries an der bayerisch-württembergischen Grenze, um sich in Europas größter Kraterlandschaft auf weitere Missionen einzustimmen. Der hohe Besuch hat bis heute seine Spuren im „Daniel“, dem markanten Kirchturm der alten Reichsstadt Nördlingen, hinterlassen, in dessen begehbarem Treppenhaus Fotos der ungewöhnlichen Mission und ein Stück Mondgestein ausgestellt sind.
Aber auch abseits der Nördlinger Stadtmauern und schmucken Altbaufassaden, die schon vor Jahrzehnten neben dem vor 15 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag entstandenen Rieskrater ein touristisches Highlight mit großer Anziehungskraft auf Besucher aus Übersee darstellten, weist das Ries in erstaunlicher Dichte gut erhaltene Spuren aus verschiedenen Epochen der Geschichte auf. Das ist vor allem der abseitigen Lage geschuldet, weit über 80 Kilometer nördlich von Augsburg und je über 100 Kilometer von Stuttgart und Nürnberg entfernt. Als reine Landwirtschaftsregion blieb das Nördlinger Ries von den zwiespältigen Segnungen der Industriellen Revolution weitgehend ausgeschlossen. Kaum eine andere Region in Süd- oder Westdeutschland dürfte, wie es hier der Fall ist, heute noch genauso viele Einwohner in ihren Dörfern und Landstädten aufweisen wie einst im Jahr der ersten bayerischen Volkszählung 1818.
Verkehrstechnisch ist die Region dennoch gut angebunden. Wer sich vom bayerischen Eisenbahnknotenpunkt Donauwörth aus nach Nordwesten wendet, stößt bereits an den südlichen Rändern des Kraters auf die typisch agrarische Landschaftsstruktur. In verspielt anmutenden Bändern durchziehen die Straßen das Flachland des Kraters, immer noch eindeutig stärker auf die Fortbewegungsweise von Fuhrwerken als von Automobilen ausgelegt. Immer wieder jedoch fallen dem Durchreisenden Bauwerke von unerwarteter Pracht und Größe ins Auge. Etwa die auf den Fund eines Marienbilds in einem Gebüsch im Jahr 1471 zurückgehende Wallfahrtskirche im kleinen Weiler Buggenhofen. Bereits siebzehn Jahre später erhielten Pilger dort einen päpstlichen Ablass ihrer zeitlichen Sündenstrafen. Damit zählt die Kirche zu den ältesten Wallfahrtsorten in Bayern. Näher an der Bahnstrecke in Richtung Nördlingen erhebt sich die Harburg über dem gleichnamigen Städtchen am Lauf der Wörnitz. In ihren Gewölben aus dem 18. Jahrhundert befindet sich eines der umfangreichsten Adelsarchive Deutschlands. Der Besucher, der im Winter, wo das Schloss nicht wie sonst üblich dem Touristenverkehr geöffnet ist, hier Handschriften und Diplome aus dem Staub früherer Jahrhunderte befreit, fühlt sich beim Blick aus den Butzenscheiben des mühsam geheizten Archivzimmerturms dem alten Heiligen Römischen Reich mit seiner Kleinstaatlichkeit und zerstückelten Territorialstruktur so intensiv verbunden wie vielleicht nirgends sonst.
Überhaupt: Oettinger!
Die Buggenhofener Kirche und die Harburg führen sich, wie so viele andere Schlösser und Klosterkirchen der Region, auf die Fürsten von Oettingen zurück. Sie waren bis ins Jahr 1806 die größten Landesherren des Rieses. Durch die Auflösung des Alten Reiches enteignet, gestattete der bayerische König ihnen die Fortführung des eigenständigen Archivrechts, und so finden Forscher zum Mittelalter und zur frühen Neuzeit hier einen der umfangreichsten Bestände von Urkunden zu ihrer Verfügung, die einen Einblick in die Regierungsführung und landesherrschaftliche Organisation der Zeit geben.
Überhaupt: Oettinger! Kaum etwas aus dem Ries dürfte deutschlandweit größere Bekanntheit und Verbreitung genießen als das in Oettingen, dem zweiten Hauptort des Kratergebiets, gebraute Bier. Den mit Frakturschrift bedruckten blauen „Tragerln“ begegnet man im Ries selbst indes viel seltener als den mit einem goldenen Schragen belegten roten des fürstlichen Brauhauses aus Wallerstein, dem Stammsitz der größeren der beiden heute noch bestehenden Linien des Hauses. Während diese sich im Zuge der Gegenreformation zu eifrigen Förderern des geistlichen Lebens im Ries entwickelten, wandte sich die ältere dynastische Linie zusammen mit sieben Zwölfteln des Landesgebiets im 16. Jahrhundert der protestantischen Konfession zu. In dem Gebiet, das sich in südlicher und nördlicher Ausdehnung zwischen Donau und Fränkischer Alb kreisrund um seinen geographischen Mittelpunkt in Nördlingen legt, schlägt sich diese konfessionelle Spaltung, die nicht selten einzelne Dörfer spaltete, bis heute in einem regen und selbstbewussten Leben der jeweiligen Kirchengemeinden nieder. Da die Oettinger Fürsten auch in ihrer Begünstigung des religiösen Lebens untereinander konkurrierten, blieben kuriose Situationen nicht aus. Das besonders große Kloster in Mönchsdeggingen, das heute leider dem Verfall preisgegeben ist, fand sich etwa auf einmal inmitten einer nunmehr protestantischen Dorfbevölkerung wieder, die alles daransetzte, die neue eigene Kirche gleich hoch wie jene der verhassten Benediktiner errichten zu dürfen.
Wie in einer Miniatur
Auf katholischer Seite profitierten die Klöster von der persönlichen Verbindung zum Fürstenhaus in Wallerstein, das auch weiterhin hohe Töchter in den geistlichen Stand entsandte – vor allem in das angesehene Zisterzienserkloster im heute baden-württembergischen Kirchheim, in dessen Kammern sich die sandsteinbunten Grabsteine adeliger wie einfacher Äbtissinnen in schlichter Monumentalität aneinanderreihen und in dem der junge Mozart auf der Durchreise nach Salzburg zu Speise und Musik einkehrte.
Die modernen Landesgrenzen, die das Ries in seinen westlichen Ausläufern harsch durchschneiden, können die Zuneigung der Rieser zur gemeinsamen Geschichte und Kultur ihrer Heimat nicht dämpfen. Das verdeutlichen die seit 1975 zweijährlich ausgetragenen Rieser Kulturtage, die auf eine Anregung der Landeskinder Anton Jaumann, Wirtschaftsminister in Bayern, und Bischof Josef Stimpfle zurückgehen. Die über das ganze Ries hinweg verteilten Vorträge und Veranstaltungen können auf so illustre Namen wie Golo Mann verweisen, der als Autor einer berühmten Wallenstein-Biographie über die Schlacht von Nördlingen im Jahr 1634 referierte. Stimpfle, der als Augsburger Bischof von 1963 bis 1992 seine weitausgreifende und eher ländlich geprägte Diözese durch eine entscheidende Phase des Strukturwandels führte, entstammt der kleinen Gemeinde Maihingen, ein wenig südlich des Hesselbergs gelegen, der von Franz Josef Strauß einst als „heiliger Berg“ der protestantischen Franken Bayerns bezeichnet wurde und das Ries nach Norden hin abschließt. Hier finden sich noch einmal alle auszeichnenden Merkmale der Rieser Siedlungsgeschichte wie in einer Miniatur zusammen. Die Gestalt des auf flachem Land erbauten beschaulichen Dorfs wird von der Kirche und den Wirtschaftsgebäuden des ehemaligen Klosters beherrscht, darunter einer erhaltenen Klostermühle und dem im Laufe der Geschichte von verschiedenen Ordensgemeinschaften bewirtschafteten Brauhaus. In diesem ist seit 2015 das Museum „KulturLand Ries“ eingerichtet, das Besuchern einen Einblick in die Alltagskultur der Region aus den letzten drei Jahrhunderten bietet.
Was das Ries mit Raetien zu tun hat
Wie das Gros der Rieser Klöster geht auch das 1437 gegründete Stift Maria Mai in Maihingen auf das Gelöbnis eines mittelalterlichen Oettinger Grafen zurück. Die Aufzeichnungen der Priorin des hier angesiedelten Birgittenordens aus dem turbulenten Bauernkriegsjahr 1525 zählen zu den wertvollsten Quellen dieses Ereignisses aus dem süddeutschen Raum. Von Beginn an förderten die Oettinger Landesherren hier den Aufbau einer Bibliothek wertvoller Handschriften, die auch unter der Leitung der Franziskaner-Minoriten ab 1607 fortgeführt wurde. Später, angereichert um alle Bestände der ehemaligen Oettinger Klostergründungen und den persönlichen Besitz der Familie, bestand hier bis 1946 eine Sammlung von mehreren hunderttausend Drucken und Handschriften, die schließlich 1980 für 40 Millionen Mark von der jungen Universität Augsburg erworben wurde.
Die Rieser, deren Dialekt schwäbische Wortformen in eine bayerisch-gutturale Phonetik kleidet, haben sich seit Jahrhunderten mit großer Freude an der Bildung von Necknamen für die vielen kleinen und kleinsten Orte ihrer Region versucht und so mit mal mehr, mal weniger Charme die Maihinger als „Krautskufen“ oder deren Nachbarn aus dem Dörfchen Minderoffingen nach dem Patrozinium der dortigen Kirche, der ältesten im ganzen Ries, als „Laurentiusdiebe“ betitelt. Da passt es hervorragend zum geschichtsträchtigen Charakter der Region, dass die Bezeichnung des Rieses selbst wohl ebenfalls aus einer Verschleifung des alten römischen Provinznamens „Raetien“ und somit einer spielerischen Umwandlung der Tradition herrührt.
Der Autor, geboren 1995 in Starnberg, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Geschichte an der FU Berlin.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









