Er steht in der kleinen Sakristei und schaut den Pilger mit prüfendem, aber auch gütigem Blick an. Giancarlo Bovo ist der Hüter des Wallfahrtsortes oberhalb des Städtchens Monselice südlich von Padua. Früher als Angestellter der Region Venetien, seit seiner Pensionierung im Jahr 2008 als Freiwilliger der Pfarrei. Auf den Dreiundachtzigjährigen ist Verlass, obwohl er an Altersgebrechen leidet. Aber solange er nur irgendwie kann, wird er jeden Tag hier hinaufkommen und den Wallfahrtsort bewachen. Daran lässt er keinen Zweifel.
„Schon mein Großvater arbeitete hier als Gärtner, damals für die Adelsfamilie Balbi Valier. Mein Vater war dann Maurer im Dienst der Familie. Ich selbst arbeitete als Maurer für die Firma meines Vaters, der sich selbständig gemacht hatte. Als die Firma in Schwierigkeiten geriet, hörte ich von der offenen Stelle als Gärtner und bewarb mich.“ Darin spiegelt sich eine Verbundenheit mit dem Ort und den Menschen, die in der Region nicht so außerordentlich ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Das hat nicht zuletzt mit der Rolle des venezianischen Adels zu tun, der sich in seinen prächtigen Villen nicht nur der Muße hingab, sondern sich auch um das Land kümmerte. Tatsächlich waren die Villen oft auch Zentren hochproduktiver landwirtschaftlicher Güter. Damit ergab sich eine enge Beziehung zur Landschaft und zu den Menschen, die mentalitätsbildend wurde.
Zwei Wallfahrtsorte in einem
Giancarlo Bovo wacht streng genommen über zwei heilige Stätten: die dem heiligen Georg geweihte Kirche und den Wallfahrtsort der Sieben Kirchen. Doch der Reihe nach: Im Jahre 1605 erhielt der venezianische Botschafter beim Heiligen Stuhl Pietro Duodo die Erlaubnis vom Papst, auf dem Familiensitz in Monselice sechs Kapellen zu errichten. Mit einem Breve konzedierte Paul V das einzigartige Privileg des vollständigen Ablasses für alle Pilger. Im religiösen Enthusiasmus der Gegenreformation hatte der heilige Philipp Neri (1515–1595) den kollektiven Besuch der römischen Hauptkirchen als eigene Glaubenspraxis eingeführt. Das mit der Kirche verbundene, hochadelige Geschlecht Duodo wollte diese Form der Frömmigkeit auch in seinen Stammlanden etablieren.
Der Auftrag zur Errichtung der sechs Kapellen ging an den Architekten Vincenzo Scamozzi (1548–1616), den Meisterschüler des berühmten Andrea Palladio. Scamozzi hatte für die Familie schon die Villa und die St.-Georgs-Kirche errichtet. Mit den in einer aufsteigenden Linie erbauten sechs Kapellen, benannt nach sechs römischen Basiliken, ergibt sich ein religiöses Ensemble von außerordentlicher Schönheit, eigentlich zwei Wallfahrtsorte in einem. Denn die St.-Georgs-Kirche, ursprünglich Privatkirche und Grablege der Familie, wurde erst später allgemein zugänglich gemacht. Die Duodo sammelten nach und nach fünfundzwanzig Reliquien von Heiligen, die in St. Georg gezeigt werden.
Meditation statt Masse
Vor Jahren präsentierte sich der Ort in einem desolaten Zustand. Die Glasfenster der Kirche waren beschädigt, Giancarlo Bovo hatte diese behelfsmäßig verklebt. Elektrokabel hingen frei von der Decke herab. Seitdem hat sich einiges zum Besseren gewandelt. „Der jetzige Pfarrer Monsignore Paolo Marzellan setzt sich mit ganzer Kraft ein“, sagt Bovo. „Er hat ein Unternehmen in Verona ausfindig gemacht, das spezialisiert ist auf die Restaurierung alter Glasfenster. Die Firma hat die Arbeit ausgeführt und wartet auf die Bezahlung, bis die Pfarrei das Geld zusammen hat.“ Auch das ist Italien.
In der Pfarrei engagiert sich eine Gruppe von Freiwilligen, die von Sandra Zerbetto koordiniert wird. Die weltgewandte Frau, die fünf Sprachen spricht, empfängt den Journalisten in der anmutigen Kirche der heiligen Justina auf halbem Weg zwischen der Stadtmitte und den Sieben Kirchen. Auf die Bemerkung, die heilige Stätte würde mehr Besucher verdienen, antwortet sie: „Wir müssen entscheiden, was wir wollen: große Menschenströme wie Sankt Antonius in Padua oder einen Ort der stillen Meditation. Letztes Jahr zum Jubiläum haben wir immerhin zwanzigtausend Pilger gezählt. Und das sind nur die, welche in einer angemeldeten Gruppe hergekommen sind.“ Tatsächlich bewahrt das Heiligtum der Sieben Kirchen seinen ganz eigenen Reiz. „Die Schönheit ist ein Abglanz des Göttlichen, das hat schon Papst Johannes Paul II. betont“, sagt Frau Zerbetto, die früher als Museumspädagogin arbeitete.
Freilwillige bewahren das Erbe
In der Museumspädagogik ist es heute eine der höchsten Prioritäten, die jungen Generationen an die Kultur heranzuführen. Diese Ausrichtung hat die Pfarrei übernommen. „Die Jungen bereisen die Welt und merken dann, was sie zu Hause haben.“ Aber diese Vermittlung läuft nicht mehr automatisch, sie muss geleistet werden. Deswegen unternimmt die Pfarrei große Anstrengungen, um mit den Vereinen, den Unternehmen, der Kommune und vor allem den Schulen im Gespräch zu bleiben.
Die etwa 20 Freiwilligen empfangen die Schulklassen und erklären ihnen, was sie sehen. Auch während des Gesprächs betreten immer wieder Besucher die Kirche, werden begrüßt und bekommen auf Wunsch ein Faltblatt. „Die Prospekte auf Deutsch sind bereits in Druck“, bemerkt sie. Und was ist, wenn Herr Bovo seinen Dienst nicht mehr erfüllen kann? „Dann haben wir ein Problem“, antwortet sie rundheraus. Um den Wallfahrtsort durchgehend offen zu halten, wird es eine ganze Schar an Freiwilligen brauchen. Man spürt das Engagement der Frau und auch die Genugtuung, an einem einzigartigen Ort tätig zu sein.
Wo etwas Unentbehrliches erfahren werden kann
Der Besuch der heiligen Messe hat auch in Italien stark abgenommen. Die Kirchen leeren sich, doch die Gästehäuser der Klöster sind voll. Es sind also gegenläufige Tendenzen, die beachtet werden müssen. Eine heilige Stätte wie diese zieht Gläubige wie auch Nichtgläubige an und bleibt ein Ort, wo etwas Unentbehrliches erfahren werden kann – wie auch immer man diese Erfahrung in Worte fassen will. In der Unrast des modernen Lebens werden diese Oasen der Stille und der Gottesbegegnung eher noch wichtiger.
Giancarlo Bovo jedenfalls wird dort oben auch weiterhin Wache halten, solange Gott es will. Die Freiwilligen der Pfarrei wurden beim Bischof von Padua vorstellig, um den Hüter des Heiligtums zu ehren, und tatsächlich hat ihn der Bischof 2025 in das Register der „treuen Diener der Kirche“ aufgenommen. Die Urkunde hat der vor wenigen Jahren verwitwete Mann eingerahmt und in der Sakristei aufgehängt. Seine drei Töchter und seine fünf Enkel sind stolz auf ihn.
Der Autor hat Theologie studiert und arbeitet als freier Journalist in der Schweiz.
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