Katalonien

Katalanisches Vic: Geschichtsträchtige Kulturstadt

Cafés, Kathedrale, Bischofspalast: Auf einem Streifzug durch die Gassen des katalanischen Städtchens Vic gibt es viel zu entdecken. Einer der Söhne der Stadt stand auch bei Päpsten hoch im Kurs.
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Foto: fotolia.de | Die Plaza Mayor beeindruckt durch ihre großen Ausmaße, das Stadthaus im gotischen Stil, palastartig anmutende Häuser, Balkone und Säulengänge.

Wer sich bereits in der Region Katalonien aufhält, dem bietet sich mit Vic ein ideales Ziel für einen Aufenthalt von einigen Tagen. 70 Kilometer von Barcelona und der Grenze zu Frankreich entfernt, liegt die Stadt auf einer Höhe von fast 500 Metern.

Wir befinden uns im Nordosten von Spanien, im Herzen des Landkreises Osona, nicht weit von den Pyrenäen. Die Ursprünge von Vic gehen auf das 4. Jahrhundert vor Christus zurück (damals Ausa genannt). Seit dem Jahr 516 – und bis zur Invasion der Araber – war es bereits Sitz einer großen Diözese. Im Jahr 879 gelang Vifredo el Velloso die Wiedereroberung, und unter dem neuen Namen Vicus wurde sie zum Zentrum einer Grafschaft der Spanischen Mark.

Auf einem Streifzug durch die Gassen und Plätze der Altstadt gibt es viel zu entdecken. So zum Beispiel das heiter stimmende Denkmal eines unbekannten Studenten, der – ein großes Buch unter den Arm geklemmt – einen weiten Übermantel und Zylinder trägt und versonnen-freundlich vor sich hinblickt. Die Geschichte dieses Ortes ist reich, und immer wieder überrascht die kunstvolle und stilistisch vielfältige Architektur ihrer Gebäude. Allein 30 von ihnen sind als „bedeutend“ ausgewiesen.

Rundgang durch Vic

Unternehmen wir nun einen kleinen Rundgang durch Vic, zu dessen Vorzügen auch die überschaubare Größe gehört. Die Plaza Mayor beeindruckt durch ihre großen Ausmaße, das Stadthaus im gotischen Stil, palastartig anmutende Häuser, Balkone und Säulengänge. Bei diesem Anblick fühlt man sich zuweilen an Gebäude in Florenz erinnert. Cafés laden, auch im Freien, zu einer Rast ein. Dreimal in der Woche ist die Plaza Schauplatz für ein überaus geschäftiges und buntes Markttreiben. Dennoch liegt ein angenehmes mediterranes Flair über diesem Ort, wenn nicht gerade Nebel aufzieht, der die engen Gassen vorübergehend in einen grauen Schleier hüllt.

Bedeutendstes Bauwerk ist die Kathedrale San Pedro (St. Peter) mit ihrem anmutig wirkenden, 46 Meter hohen Glockenturm. Von der ehemals romanischen Kirche, deren Einweihung fast 1 000 Jahre zurückliegt, sind außer dem Glockenturm noch die Krypta und Reste des Kreuzganges erhalten. Auf diesem baut der gotische Kreuzgang aus dem 15. Jahrhundert auf, in dem ein Monument die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Es stellt einen der großen Söhne der Stadt dar: Jaime Balmes (1810–1848), Philosoph, Publizist, Geschichtsforscher und, nicht zuletzt, katholischer Priester. Seine Bedeutung zeigt sich auch darin, dass verschiedene Schulen nach ihm benannt sind. Auch Papst Pius XII. schätzte ihn und brachte dies durch die Bezeichnung „Prinz moderner Apologetik“ zum Ausdruck.

Gaudís Schaffenskrise

Antonio Gaudí (Architekt der Basilika Sagrada Familia in Barcelona) hielt sich zur Zeit der 100-Jahr-Feier der Geburt von Balmes in Vic auf. Aus Anlass der Feierlichkeiten schuf er zwei, auf 1810 und 1910 hinweisende, von einem Kreuz überragte Straßenlaternen, von denen leider nur noch Fotografien existieren. Gaudí durchlebte damals – da sein ebenso genialer wie ungewöhnlicher Baustil noch nicht den gewünschten Anklang fand – eine persönliche Krise.

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Für Vic spricht, dass auch ihm, zu Erholungszwecken, eine Reise hierher empfohlen wurde. Aus der gotischen Epoche stammt das große Alabaster-Altarbild des katalanischen Künstlers Pere Oller, aus der Barockzeit die dem aus Vic stammenden Heiligen Bernardo Calbó geweihte Kapelle. Von 1782 bis 1803 wurde die Kathedrale schließlich im neoklassischen Stil erweitert.

Geschichtsträchtige Kathedrale

Im Inneren sind höchst eindrucksvolle Wandgemälde des aus Barcelona stammenden Joseph Maria Sert (1874–1945) zu entdecken, an denen der Künstler Jahrzehnte arbeitete. Sie allein machen einen Aufenthalt in Vic schon sehr empfehlenswert. Der Anblick dieser grandiosen Kunstwerke überrascht, sie faszinieren mit ihrer kraftvollen Dynamik und Dramatik (zum Beispiel in der Vertreibung der Händler aus dem Tempel, der Darstellung des Kreuzwegs und des Martyriums von Aposteln) und wirkt emotional ergreifend. Wo hat man jemals – so fragt man sich – vergleichbare Malereien gesehen? Thematisch beziehen sich fast alle auf das Neue Testament. Licht dringt durch Fenster in der Höhe und fällt auf mächtige dorische Säulen. Von diesen wird es reflektiert und bewirkt im Verbund mit Goldtönen der sehr großflächig angelegten Malereien eine einzigartige Gesamtwirkung.

In dieser geschichts- und kunstträchtigen Kathedrale predigte einst der Gründer des Claretinerordens, Bischof Antonio Maria Claret, der spätere Erzbischof von Santiago de Cuba und Seelenführer der spanischen Königin Isabella II.

Gleich neben der Kathedrale befindet sich der Bischofspalast, der die bischöfliche Bibliothek und ein großes Archiv beherbergt. In der Bibliothek kreuzten sich einst die Wege von Claret und Balmes. Während ihrer Zeit im Priesterseminar haben darin beide, still lesend, ihren geistigen Horizont erweitert. Wie verwundert wären sie wohl gewesen, hätte ihnen damals jemand vorausgesagt, dass man in Vic einst zwei Museen über ihr Wirken einrichten würde.

Zeugnisse vergangener Epochen

Eine Besichtigung wert ist auch das 1891 eröffnete „Bischöfliche Museum“ (Museo Episcopal), in dem eine großartige Sammlung mittelalterlicher – romanischer und gotischer – katalanischer Malerei und Bildhauerkunst ausgestellt ist. Auch kunstvolle Keramiken, Glas- und Goldschmiedekunst sowie liturgische Textilien erfreuen die Betrachter. Bei fast 30 000 Exponaten dürfte jeder Kunstliebhaber auf seine Kosten kommen.

Sehr weit in die Geschichte zurück führt der „Römische Tempel“ (Templo Romano) aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Sein Innenraum wird für Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen genutzt. Der Tempel war jahrhundertelang Teil des mittelalterlichen Schlosses der Familie Montcada, seine Seitenwände formten den Innenhof des Schlosses. Ab 1882 begann man mit dem Abriss des alten Gebäudes, und der zuvor der Öffentlichkeit unbekannte Tempel kam wieder zum Vorschein. Auch eine romanische Brücke (Pont de Queralt genannt) aus dem 11. Jahrhundert ist noch erhalten. Sie führt über den Fluss Meder und war einer der Zugangswege zur Stadt. Von dort aus erblickt man die Kuppel der Kathedrale und verlassene Gebäude, die in vergangenen Zeiten mit der Lederindustrie in Verbindung standen. Von ihrer Bedeutung zeugt das interessante „Museo del Arte de la Piel“, in dem Erzeugnisse aus verschiedensten Epochen zu sehen und eine Vielfalt von Arbeitstechniken zu bestaunen sind.

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