Am Bahnhof von Altötting sucht man vergeblich nach einem McDonald’s, Yormas oder Asia Hung für den schnellen Hunger. Stattdessen begrüßt den potenziellen Gast direkt an Gleis 1 das Café Bahnplatz, in dem man sogar bedient wird, was angesichts der Servicebrache Deutschlands keine Selbstverständlichkeit ist. Umso folgerichtiger war die Wahl zum Bahnhof des Jahres 2020 – einen Preis, den der beschiente Ankunftsort in Kassel-Wilhelmshöhe wohl nicht mehr erreichen wird.
Wer nicht nur gerne Zug fährt, sondern auch genauso gerne umsteigt, der kommt bei dieser Fahrt voll auf seine Kosten. Mit der Eisenbahn geht es von Kitzingen über Nürnberg mit Schienenersatzverkehr nach Regensburg. Der aufmerksame Leser dieser Reiseberichte bemerkt: Gleichen Busersatz auf dieser Strecke gab es auch schon im Januar, als dieser Autor nach Pilsen und Prag fuhr. Doch im Gegensatz zu dem vergleichsweise komfortablen Reiseabschnitt von Franken in die Oberpfalz im Winter erinnerte diese Fahrt eher an eine Fahrt im indischen Bus: Bis auf den letzten Platz besetzt, durfte man anderthalb Stunden miterleben, wie die reichlichen Gepäckstücke in dem Linienbus je nach Bremsung durch den Gang schossen.
Erreicht man schadenfrei Regensburg, darf man in sechs Minuten wieder in die Eisenbahn Richtung Landshut hetzen, was angesichts einer defekten Rolltreppe zum sportlichen Ereignis mutiert. Ist diese Hürde überwunden, kann man sich bis Landshut in einer Diesellok entspannen, vorausgesetzt, Sie haben nichts gegen Treibstoffgeruch. Und wenn Sie dann heil in der zweitgrößten Stadt Niederbayerns angekommen sind, kann beim letzten Umstieg in Mühldorf am Inn die Ankunft in Altötting eigentlich nur eine gefundene Fliegerbombe auf dem Schienenabschnitt Ihre Reise verzögern, was natürlich dann auch geschah.
So gesehen bekommt der Begriff Pilgerfahrt mit der Deutschen Bahn eine völlig neue Bedeutung. Doch irgendwann erreicht man dann doch die Stadt, in der der Kabarettist Gerhard Polt aufgewachsen ist. Dieser meinte einst halb spöttisch, halb liebevoll: „In Altötting ist man nicht katholisch, man wird katholisch gemacht.“ Wollen wir mal sehen!
Im Gegensatz zu meinem Vorurteil wirkt Altötting gar nicht reaktionär, verstaubt oder überaltert, eher das Gegenteil ist der Fall. Vor der Gnadenkapelle kommt mir ein neun- oder elfjähriger Bub entgegen und fragt in herrlich breitem Bayerisch, ob er die Info-Broschüre mitnehmen dürfe. Offensichtlich hat Gerhard Polt doch recht, doch dass es so schnell geht, katholisch gemacht zu werden, hätte ich nicht geahnt.
Auf typisch bayerische Weise bunt
Die Gnadenkapelle, die man im Englischen „Shrine of Our Lady of Altötting“ nennen kann, ist der eigentliche Grund für die Tatsache, dass die Stadt ein Wallfahrtsort ist. Der kleine Bau am Kapellplatz beherbergt die berühmte Schwarze Madonna, eine vermutlich um 1330 entstandene Marienfigur aus Lindenholz, die mit ihrer charakteristischen dunklen Färbung bis heute zu den bekanntesten religiösen Symbolen Bayerns zählt. Der Aufstieg Altöttings begann 1489, nachdem sich der Überlieferung nach zwei Kinder nach Gebeten vor der Madonna wundersam erholt haben sollen; die Berichte darüber verbreiteten sich dank des frühen Buchdrucks im gesamten Heiligen Römischen Reich und machten Altötting bis heute zu einem der bedeutendsten Marienwallfahrtsorte Europas.
Auch Papst Benedikt XVI., der im Nachbarort Marktl geboren ist und dessen Name in Altötting einen zentralen Platz trägt, zeigte seine besondere Verbundenheit mit dem Wallfahrtsort und schenkte der Schwarzen Madonna bei seinem Besuch 2006 seinen früheren Bischofsring. Was die Gnadenkapelle aber vor allem ist: ein Ort des Innehaltens und des Besinnens auf das wirklich Wichtige im Leben. Die Stille gibt auch ungeduldigen Menschen die Möglichkeit, im Zeitalter der epidemischen Hektik für einen Moment zur Ruhe zu kommen.
Überhaupt wirkt Altötting in seiner Ursprünglichkeit zeitlos und aktuell zugleich. Zeitlos aufgrund der vergleichsweise vielen Kirchen, die in ihrer Kontinuität eine Sicherheit ausstrahlen, die viele deutsche Metropolen seit Jahren nicht mehr ausstrahlen können. Und aktuell eben genau aus demselben Grund, da ein geklärtes Stadtbild ohne überbordenden Migrantenanteil, ohne steril autochthon zu sein, die Realitäten in Teilen Frankfurts, Duisburgs oder Berlins um Längen schlägt. Altötting ist kein ausschließlich bayerischer Ort, das funktioniert allein deswegen nicht, weil Pilger aus der ganzen Welt die Stadt besuchen. Aber Altötting ist nun mal ein bayerischer Ort, in dem neben Dönerbuden und Pizzerien vor allem bayerische Wirtshäuser das Stadtbild prägen. Damit ist Altötting um Längen bunter und diverser als Neukölln.
Kleine Bastion westlicher Werte
Apropos Essen: Der Glockerlwirt kredenzt einen formidablen Schweinsbraten mit Semmelknödel und, was für den gelernten Franken eher eine ungewohnte, aber dennoch schmackhafte Angelegenheit ist, mit Kraut. Die Soße ist typisch bayerisch eher dünn und erinnert an die Soßen der leckeren Braten meines Vaters, der in Ingolstadt geboren wurde. Nichts geschieht aus Zufall, und bevor mich das Essen noch träger als ohnehin schon macht, geht es weiter zum „Jerusalem Panorama Museum“ – ein absolutes Highlight. 1902 bis 1903 schuf der Künstler Gebhard Fugel ein außergewöhnliches Kunstwerk, das die Kreuzigung Christi in Architektur, Malerei und Bühnenbild nachstellt. Eine tiefe Stimme begrüßt den Besucher, der Schritt für Schritt durch die Stationen des Kreuzwegs geführt wird. Hier wird man nicht zwanghaft katholisch gemacht, doch spätestens hier spürt jeder Nichtkatholik die spirituelle und sinnstiftende Kraft des Katholizismus.

So lebhaft der Katholizismus in Altötting ist, desto unsichtbarer wirkt das Judentum. Die Stadt besitzt heute keine große sichtbare jüdische Gemeinde mehr, war aber unmittelbar nach 1945 ein überraschend bedeutender Ort jüdischen Lebens in Bayern. Im ehemaligen Gasthaus „Bayerischer Hof“ in der Neuöttinger Straße 5 entstand zwischen 1946 und 1951 eine jüdische Gemeinde aus Überlebenden der Konzentrationslager, mit Verwaltung, sozialem Zentrum und provisorischem Betsaal nur wenige Schritte vom katholischen Kapellplatz entfernt. Zeitweise lebten dort fast 300 sogenannte jüdische Displaced Persons, viele von ihnen warteten auf die Emigration nach Israel oder in die USA.
Wer lebendes Judentum erleben will und sich nicht mit einem Friedhof zufriedengibt, der kann dies zum Beispiel in Landshut nachholen. Dort besteht bis heute eine aktive jüdische Gemeinde mit eigenem Gemeindezentrum und Synagogenraum, die vor allem seit den 1990er-Jahren durch Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion wieder gewachsen ist. Anders als in Altötting ist jüdisches Leben hier nicht nur historische Erinnerung, sondern weiterhin sichtbarer Teil des städtischen Alltags. Dennoch hinterlässt dies bei aller Schönheit der Stadt einen beklemmenden Beigeschmack.
Und dennoch ist das, was bleibt: Altötting ist ein toller, emotional ergreifender Ort. Wenn es eine Stadt gibt, in der ein herzliches „Grüß Gott“ seine Berechtigung hat, dann in diesem Wallfahrtsort. Doch man täuscht sich, diesen Platz des katholischen Friedens als altbacken oder gar rückwärtsgewandt abzustempeln. Wenn Rom der stadtgewordene Körper des Katholizismus ist, dann ist Altötting die Herzkammer. Und dennoch ist der Ort kein exklusiv katholischer oder gar exklusiv deutsch-autochthoner Ort.
Doch funktionierende Vielfalt beginnt im Bewusstmachen und selbstbewussten Leben der eigenen Identität. Legt man Letztere ab, so öffnet man Tür und Tor für die Feinde der eigenen Kultur. Viele deutsche Metropolen haben sich in diesem Punkt leider aufgegeben. Auch daher wirkt Altötting wie eine kleine, friedliche und lebendige Bastion der westlichen Welt.
Der Autor lebt in Franken. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören insbesondere jüdisches Leben und Reiseberichte.
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