Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Reisebericht

Das alte Ich unter sich sehen

Kein gewöhnlicher Ausflug: Eine Besteigung der Watzmann-Ostwand ist ein existenzielles Ereignis.
Watzmann-Ostwand
Foto: Wikimedia Commons/Günter Seggebäing | Die legendäre Watzmann-Ostwand: Wer sie besteigen will, muss geübt sein.

Mit einer Durchstiegshöhe von 1 800 Metern ist diese Wand alles andere als gewöhnlich. Und bereits der Zugang ist ein Ereignis: Er erfolgt mit einem Boot, das von der Anlegestelle in Schönau am Königssee nach St. Bartholomä, in direkter Falllinie der Wand liegend, übersetzt. Die Rede ist von der legendären Watzmann-Ostwand.

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Um die Besteigung noch vor Anbruch des lichten Tages beginnen zu können, dürfen die Bergsteiger in der „Ostwandunterkunft St. Bartholomä“ übernachten. Erneut genießt man ein Privileg: St. Bartholomä ist eine Oase der Ruhe, nachdem die Tagesausflügler, bis zu sechstausend an schönen Tagen, mit dem letzten Boot zurückgebracht worden sind. Neben den Bergsteigern nächtigen hier nur einige Bedienstete des Gasthauses und der Fischer vom Königssee. Die Abenddämmerung lädt zu einem Spaziergang ein, auf dem man die einzigartige Atmosphäre dieses durch Berge und Wasser abgeschirmten kulturalisierten Naturortes erfahren kann. „Still ruht der See“ – wenn dieses Wort zutrifft, dann wohl zuerst für den Königssee. Man meint ihm seine Tiefe, bis zu 200 Meter, anzusehen.

Kaum ein Laut ist zu hören. Auch ein Besuch der um das Jahr 1200 von Augustinern erbauten, danach barockisierten Kapelle ist möglich. Ihre Tür ist nicht verschlossen. Warum auch verschließen? Diebstahl, Vandalismus, Verschmutzung – das gibt es nur, wo die Anonymität der Masse herrscht. Doch hier ist, wenn der Tag geht, alles übersichtlich und einfach. Die Tiefe des Sees und die Erhabenheit der mächtigen Wand, der Mensch und der Bau, der auf das Heilige und Unergründliche verweist: Da ist keine Stelle, die nicht die Spur einer frohen Botschaft trägt. Eigentlich ist hier die Nacht zum Schlafen zu schade.

Sollten Phrasen nicht ein Stachel sein?

Aber die Strapazen des nächsten Tages gewärtigend, sollte der Schlaf nicht vernachlässigt werden, auch wenn man vielleicht lange nicht einschlafen kann. Denn auch Stille kann erregend sein. Aus ihr kommt die Kraft. Eine Phrase, wie alle wissen. Aber sollten Phrasen nicht ein Stachel sein – eine Herausforderung, ihnen durch eigene Erfahrung ihr Leben wiederzugeben? Um drei Viertel vier ist Zeit, aufzustehen und zu frühstücken. Beim Aufbruch stellt sich wohl bei manchem die Empfindung ein, ein Heim hinter sich zu lassen.

„Wenn Du Frieden im Herzen hast, wird Dir die Hütte zum Palast“, kann man auf einem Schönauer Haus lesen. Die Sentenz wurde beglaubigt. Was zählt im Leben? Was zählt wirklich? Mit einem Blick zum See, der sich freilich im Nebel entzogen hat, geht man im Lichte der Stirnlampe nach Westen, dem Eisbach entlang ins Eisbachtal, bis der Weg nach einer Stunde zur „Eiskapelle“, einem durch Lawinen erzeugten Firnfeld, führt. Nach einer Stunde, da die Nacht in den Tag übergeht, befindet man sich auf 830 Meter Seehöhe, hat also gerade erst 200 Höhenmeter gewonnen. Das wird sich nun schnell ändern. Man umgeht das Firnfeld zum eigentlichen Einstieg in die Route „Berchtesgadener Weg“ auf 970 Meter. Bleiben also als Wandhöhe – die Watzmann-Südspitze beträgt 2 712 Meter – noch 1 742 Meter.

Das ist gewaltig und erfordert eine entsprechende Kondition, weil man dann auch wieder mehr als 2 000 Höhenmeter absteigen muss. Schon jetzt ist zu bemerken, dass die Orientierungsprobleme enorm sind. Es bieten sich fast immer mehrere Möglichkeiten an – aber nur eine führt zum Ziel. Man sucht nach Spuren, aber es gibt derer viele. Hat man sich erst einmal verstiegen, wird der Rückzug schwer. Viele der bisherigen Abstürze rühren von solchen „Verhauern“ her. Auch jetzt noch gibt es Grashänge und begrünte Rinnen; und es gibt – weniger erfreulich – feuchte Platten. Plötzlich befindet man sich auf einem Grashang links des sogenannten Schuttkars.

Der Höhenmesser zeigt 1 340 Meter. Leicht abwärts gehend, muss man dann in das Kar hinein, um in diesem aufwärtslaufen zu können. Nach der Querung eines Bachbettes erreicht man bei 1 410 Metern die eigentlichen Kletterfelsen. Bislang war die Tour eine Art erschwerte Wanderung unter gelegentlicher Zuhilfenahme der Hände. Ist man zu zweit unterwegs, was unbedingt ratsam ist, so packt man das Seil aus und legt das Kletterzeug an. Durch kleinere Kamine und Rinnen gelangt man auf einen Gratabsatz, den „ersten Sporn“, und auf steinschlaggefährdeten Platten und Schrofen zum „zweiten Sporn“ auf 1 630 Meter. Nun hält man auf die dunkle „Wasserfallwand“ zu und muss dabei über eine der Schlüsselstellen, die „Berchtesgadener Platte“, klettern. 80 Meter sind hier im Schwierigkeitsgrad III zu überwinden.

St. Bartholomä Watzmann
Foto: Wikimedia Commons/Daniel FR | St. Bartholomä ist der Ausgangspunkt für Bergsteiger, die sich an der Watzmann-Ostwand versuchen wollen.

Für einen versierten Kletterer nicht sehr schwierig, aber man befindet sich eben nicht im Klettergarten. Alpines Bergsteigen ist kein separierter technischer Akt des Turnens, der Eroberung und Bezwingung, sondern ein bescheidenes, ja demütiges Nachahmen eines das Ich weit übersteigenden Zusammenhangs: ein Eingehen auf die Umstände, ein Sich-Anschmiegen an den Fels. Hierfür muss man einen Blick bekommen, eine spezifische Sensibilität entwickeln. Nun ist wieder Orientierungssinn gefragt. Also nicht immer senkrecht nach oben klettern, selbst wo es möglich wäre, sondern oft auch querend, bisweilen sogar absteigend. Risse, senkrechte Wandstellen, Schrofengelände, glatte Platten müssen jetzt überwunden werden – bis man auf 1 990 Meter in die sogenannte Gipfelschlucht gelangt, aber noch lange nicht am Gipfel ist. Viele Geschichten erzählt man sich von der Ostwandbegehung. Wie jene vom Kellner in St. Bartholomä.

Eine recht heikle Angelegenheit

Er ließ sich, wie es damals noch üblich war, am Ende der Saison in bar auszahlen und wollte nun, bevor er sich in die Heimat aufmachte, die Wand besteigen, auf die er während seines Dienstes immer so sehnsüchtig geblickt hatte. Da oben musste man die Luft einer anderen Welt spüren, musste das Gefühl, die Arbeit und damit das alte Ich tief unten zu wissen, überwältigend sein. Das viele Geld nahm er mit sich. Noch Monate nach seinem tödlichen Absturz konnte man den einen oder anderen Hundertmarkschein in der Ostwand finden. Die Gipfelschlucht ist zunächst nach oben zu gehen und dann in nördlicher Richtung zu queren – eine recht heikle Angelegenheit, denn die Schlucht ist stein- und eisschlaggefährdet.

Also kein Plätzchen zum Brotzeitmachen. Nach Durchsteigung einer Rinne erreicht man bei 2 130 Metern die Stelle, an der der „Kederbacher Weg“, eine andere Ostwand-Route, einmündet. Durch eine Geröllrinne und über Schrofen erreicht man auf 2 380 Metern die „Biwakschachtel“: eine Notunterkunft bei schlechtem Wetter, die bis zu vier Bergsteigern Platz bietet. Bei Unwetter ist man hier aber auch gefangen – und kann nur auf Wetterbesserung hoffen. Hier kann man sich auch ins Wandbuch eintragen. Ab der Biwakschachtel kann es auch im Sommer Schnee geben, was den Aufstieg beträchtlich erschwert und noch gefährlicher macht. Bloß nicht ins Rutschen kommen! Die Hände leisten jetzt mehr als die Füße, werden durch die Berührung des eiskalten Felses aber recht unbeweglich. Durch eine Rinne gelangt man schließlich in die „Ausstiegskamine“, die erneut Schlüsselstellen im III. Grad aufweisen.

Und wenn man nicht schon außer Atem wäre, so könnte man sagen: Diese Stelle gibt, neben vielen anderen, einen atemberaubenden Blick auf das 2 000 Meter tiefer gelegene St. Bartholomä frei. Ja, zum meditativ-ästhetischen Sehen geboren, zum zweckhaften Ausschauen glücklicherweise aber nicht bestellt. Nimm das Bild mit ins Tal, so hört wohl mancher einen inneren Imperativ, nimm es mit, wenn auch dein Atem für die Rühmung nicht reicht! Jetzt wird die Südspitze erreicht. Geschafft? – Nicht in jeder Hinsicht und Bedeutung.

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Seit dem Aufbruch sind sieben Stunden vergangen. Ein ebenfalls kräftezehrender fünfstündiger Abstieg ins „Wimbachgries“ und nach Ramsau, der Nachbargemeinde von Schönau, steht noch bevor. Der Begeher der Ostwand sollte wissen, worauf er sich einlässt. Und nach der erfolgreichen Begehung weiß er es auch. Da kann man ganz sicher sein.


Der Autor ist emeritierter Professor für Philosophie. Zuletzt erschien von ihm „Bergsteigen – Eine Philosophie des Lebens“ (Tyrolia, 2025).

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