Spärlich fällt das Licht in die winzige Kapelle. Vier Stühle passen hinein, nicht mehr. Es ist ein Ort der Andacht und Erinnerung. Ein schmaler Zugang vor der Abteikirche hat hierhergeführt. An der Bruchsteinwand hängt ein Holzkreuz. Darunter steht ein kleiner Tisch mit einem hölzernen Kopfbildnis des Columban von Iona. Daneben haben Gläubige Kerzen hinterlassen, Muschelschalen, Geldstücke, Vogelfedern, getrocknete Blüten, einen Apfel. Hier, so besagt ein Hinweis, befand sich der Grabplatz des Heiligen. Doch die Zeit hat die Zeugnisse und Spuren verwischt. Schließlich sind seither über 1400 Jahre vergangen.
Rückblende ins Jahr 563. Auf Iona trifft der Mönch Columban (521–597) ein, begleitet von zwölf Glaubensgefährten. Die Zahl erinnert nicht zufällig an die Jünger Christi. Hinter ihnen liegt eine raue Bootsüberfahrt aus Irland. Ob Columban und die Seinen ihre Heimat aus freien Stücken oder wegen eines Konflikts verlassen hatten, lässt sich nicht mehr gesichert ergründen. Das karge, raue Iona scheint ihnen wie geschaffen für ihre Kontemplation. Unbewohnt ist die Insel allerdings nicht; archäologische Funde dokumentieren die Besiedlung bis in die Stein- und Bronzezeit.
Die Ankömmlinge errichten ein Kloster, das als Ausgangspunkt der Missionierung unter den keltischen Ureinwohnern dient und als Wiege des Christentums in Schottland gilt. Eine Infotafel vor Ort verbürgt: „Das Kloster blühte. Voller Kreativität und Innovationsgeist begannen die Mönche, mit neuen Ausdrucksformen des christlichen Glaubens zu experimentieren, einschließlich der revolutionären Idee, Gräber und Grenzen mit dem Zeichen des Kreuzes zu kennzeichnen.“
Die jungen Schotten sind hart im Nehmen
Der Ruf der heiligen Insel Iona zog weite Kreise, obgleich es durch mehrere Überfälle von Wikingern zu schweren Einschnitten kam. Später sollen 48 schottische Könige, darunter der durch William Shakespeares Tragödie berühmte Macbeth, ihre letzte Ruhe auf dem Friedhof Reilig Odhrain gefunden haben. Diese Angabe verlangt nach Skepsis. Denn Überbleibsel davon gibt es ebenso wenig wie von der ursprünglichen Klosteranlage Columbans.
Die älteste intakte Baustruktur auf Iona ist die am Friedhof gelegene Kapelle St. Oran, die auf die Zeit nach 1100 zurückgeht. Ein Jahrhundert später traten Benediktiner in die Fußstapfen Columbans und erbauten eine neue Abtei. Ihnen wurden reiche Schenkungen zuteil.
Iona ist knapp zehn Quadratkilometer groß, maximal 101 Meter hoch, liegt vor der Westküste Schottlands in den Inneren Hebriden und weist mit der geschützten Ostseite zum Inselnachbarn Mull. Ebendort nehmen Besucher heute die Fähre, die durch den Meeresarm hin- und herpendelt. Während der Wartezeit im Hafen von Fionnphort fallen drei Krabbenfängerjungs in kurzen Hosen auf. Das Thermometer zeigt zwölf Grad Celsius. Schon die jungen Schotten sind hart im Nehmen.
In der Mitte liegt der Garten
Die Überfahrt dauert kaum eine Viertelstunde. Iona buckelt sich mit sanften Hügeln auf. Der Nachfolgebau der Abtei hebt sich vor dem Grün und den Felsenkulissen ab. Ein Stück weiter liegt der sogenannte „Weiße Strand des Mönchs“. Das Wasser glitzert grünblau, fast karibisch. Ein Segler schiebt sich ins Bild. Der Landeplatz des Heiligen soll sich an der Columba’s Bay befunden haben, einer kleinen Bucht im Süden der Insel.
Iona empfängt mit einem bescheidenen Dorf. Die ständige Einwohnerzahl bewegt sich um 150. Etwas außerhalb liegt die Grundschule. Die Blütenmeere aus Flieder und Fuchsien stürzen in einen Farbrausch. Dem Schild des Postamts droht die Überwucherung von Efeu.
Erster Stopp auf dem Weg zur Abtei, die etwas nördlich hinter dem Küstenstreifen liegt, ist das Ruinenareal des Klosters der Augustinerinnen. Restauratoren haben gute Arbeit geleistet. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts begonnen, endete die Existenz der Gemeinschaft nach 350 Jahren. Viele Ordensschwestern stammten aus Adelsfamilien. Ebenso war das Kloster ein Auffangort für Mädchen aus unehelichen Beziehungen, Witwen und Frauen aus gescheiterten Ehen. In der Mitte der Anlage liegt der Garten. Blumen setzen schöne Farbtupfer. Federnd weich geht man über ein Wiesenstück, auf Grashalmen hängen glasige Tropfen vom letzten Guss. Der „Warming room“ war der einzige Raum, in dem die ganze Zeit das Feuer Zeit brannte; er entfacht die Vorstellung von einem entbehrungsreichen Leben in einem gnadenlosen Klima.
Der Zustrom übers Meer hält bis heute an
Bis zum Eintritt in den Abteibezirk – der Preis: elf satte Pfund – passiert man ein Wegekreuz aus dem Spätmittelalter, MacLean’s Cross, und das historische Friedhofsareal. Aus dem Gelände vor der Abtei ragen Hochkreuze und ein kleiner Felsen-Gras-Hügel, auf dem Columban sich wohl in seine Schreibhütte zurückzog. Höhepunkt der Anlage ist die wiederaufgebaute Abteikirche, deren Erhalt nach reichlich Geldern verlangt. Ein Dauerproblem ist die Feuchte: überall wucherndes Unkraut und Moosbeläge, bis hin zu den Säulen im Kircheninnern. Ein Plakat skizziert die Präsenz der hiesigen „Iona Community“, einer ökumenischen Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden, die Ende der 1930er Jahre von dem schottischen Geistlichen George MacLeod gegründet wurde. So setzt sich die Geschichte als spiritueller Zufluchtsort bis in die Gegenwart fort. In der Kirche ist die Spende per Kreditkarte standardmäßig auf acht Pfund eingestellt.
In einer Seitenkapelle trägt Columban auf dem modernen Buntglasfenster feine, fast feminine Gesichtszüge; zu lesen ist sein altirischer Name Colum Cille. In der linken Hand trägt er einen Kreuzstab, in der Rechten ein Buch. Er soll, so heißt es, ein Mönch mit vielen Talenten gewesen sei. Er komponierte Hymnen, verfasste Gedichte, schrieb heilige Bücher. Zahlreiche Wunder sagte man ihm nach. Er heilte Kranke, trieb Dämonen aus, konnte das Meer besänftigen und wilde Bestien zähmen. Sogar das Seeungeheuer von Loch Ness soll sich seiner Weisung nach zurückgezogen haben.
Columban brach zu missionarischen Reisen auf, traf wichtige Persönlichkeiten und blieb Iona bis zu seinem Tod 597 treu. Kurz davor erklomm er einen nahen Hügel, breitete die Arme aus, segnete das Kloster ein letztes Mal und prophezeite, dass ein schwerer Sturm und Regen aufziehen würde. Nach Columbans Ende seines irdischen Daseins war Iona kurzzeitig isoliert von der übrigen Welt, damit seine Gefährten in Ruhe drei Tage und drei Nächte von ihm Abschied nehmen konnten. Danach wurde die Insel zum Ziel unzähliger Pilger und Besucher. Der Zustrom übers Meer ab Mull hält bis heute an.
Zum Abschied des Inselbesuchs dringt die Sonne noch einmal kurz durch, in Schottland oft eine Ausnahmeerscheinung. Und die Portion lokaler Miesmuscheln auf der Restaurantterrasse nahe dem Fähranleger ist einfach göttlich.
Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt seit vielen Jahren in Spanien und ist auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.
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