Als der junge Italiener Pier Giorgio Frassati in den Bergen einen großen Felsen be-stieg, ließ er diesen Moment auf einem Foto festhalten. Später schenkte er das Bild einem Freund und schrieb darauf – auf Italienisch – „verso l’alto“; auf Deutsch: „in die Höhen“. Was meinte er wohl damit? Wollte er hoch hinaus, Karriere machen, reich werden? Womöglich ein berühmter Bergsteiger? Bedeutend wie sein Vater? Oder meinte er etwas anderes?
Pier Giorgio wurde 1901 in Turin in Norditalien in ein wohlhabendes Elternhaus geboren. Sein Vater Alfredo war Direktor einer großen Tageszeitung und Senator im Parlament, seine Mutter Adelaide eine bekannte Malerin. Weder die Eltern noch seine jüngere Schwester kümmerten sich um den Glauben oder die Kirche. Pier Giorgio genoss die Vorteile einer guten Ausbildung und hätte in der Welt Karriere machen können.
Doch er war irgendwie anders. Schon als Junge wollte er täglich die Heilige Messe besuchen. Beim Familienurlaub in den Bergen brachte er täglich der Gottesmutter Maria Blumen in einen Wallfahrtsort, selbst im kalten Winter. Er bekam die Erlaubnis, jeden Tag die heilige Kommunion zu empfangen (was damals noch nicht üblich war).
Das Besondere an ihm war seine Liebe zu den Armen und Kranken. Schon im Kindergarten setzte er sich gern zu Kindern, die einsam oder traurig aussahen. Als einmal ein Armer am Haus der Frassatis klingelte, schenkte Pier Giorgio ihm gleich seine Schuhe und Socken. Oft verschenkte er sein Busticket und musste dann schnell nach Hause rennen, damit er pünktlich zum Abendessen kam.
Die Stadt Turin, in der er aufwuchs, war damals voller großer Fabriken. Menschen zogen vom Land dorthin, um ihr Glück zu suchen.
Mit ihren niedrigen Löhnen konnte ein Arbeiter kaum seine Familie ernähren. Es gab keine Krankenkasse, keine Arbeitslosen- oder Unfallversicherung. Wer krank oder arbeitslos wurde, konnte sich bald nicht mehr genug Essen, Kleidung oder Medikamente leisten. Familien lebten in winzig kleinen, schmutzigen Wohnungen in bitterer Armut. Pier Giorgio versuchte, ihre Not durch Medikamente oder Geschenke, die er organisierte, zu lindern. Oft opferte er seine Abende für Besuche auf und gab sein Taschengeld restlos für die Bedürftigen aus.
„Denk immer daran, dass es Jesus ist, zu dem du gehst“
Einmal fragte ein Freund, wie er es aushalte, zu den Armen in die schmutzigen, schlecht riechenden Häuser zu gehen. Pier Giorgio antwortete: „Denk immer daran, dass es Jesus ist, zu dem du gehst: Ich sehe ein besonderes Licht, das wir nicht haben, das die Kranken, die Armen, die Unglücklichen umgibt.“ Selbst als sein Vater als Botschafter nach Deutschland geschickt wurde, blieb Pier Giorgio den Armen treu. In Berlin lernte er den bekannten Studenten- und Armenpfarrer Carl Sonnenschein kennen, mit dem er oft unterwegs war. Pier Giorgio hatte Mitleid mit den Deutschen, die nach dem Ersten Weltkrieg Not litten, und wollte nach seinem Studium als Bergbauingenieur in Deutschland arbeiten, um armen Bergleuten zu helfen und sie mit Jesus bekannt zu machen.
Herzliche Freundschaften
Pier Giorgio pflegte herzliche Freundschaften, war politisch und in Hilfsvereinen aktiv. Seine Freunde nannten ihn scherzhaft „Mann der tausend Mitgliedskarten“. Er liebte Musik, Theater und besonders das Bergsteigen. Mit Freunden wanderte er, diskutierte mit ihnen am Lagerfeuer und betete den Rosenkranz. Immer versuchte er, seine Freunde mit Jesus bekannt zu machen. Oft begannen seine Touren am frühen Morgen mit der Heiligen Messe, in der er immer am lautesten sang, wenn auch nicht unbedingt am schönsten. Er schlug Freunden vor, in der Bibel zu lesen, und ermunterte sie zu einem guten Leben mit Gott.
Oft sagte er, man solle „richtig leben“, nicht nur ziellos dahinvegetieren. Pier Giorgio hatte viel vor. Sein Leben war nicht immer einfach. Er kannte Mühe beim Studieren, bekam manchmal Ärger, wenn er zu Hause die Erwartungen seiner Familie nicht erfüllte, verliebte sich, kämpfte mit der Frage, ob er Priester werden oder Gott in der Welt dienen wolle, und war in Sorge um seine Eltern, die sich nicht gut verstanden.

Kurz vor seinem Examen jedoch kam alles anders. Der junge Frassati wurde schwer krank. Zu Hause lag seine geliebte Großmutter im Sterben und Pier Giorgio wollte nicht, dass seine Familie sich zusätzlich um ihn sorgte. Darum verschwieg er, wie schlecht es ihm ging. Als sein Zustand sich verschlimmerte, wurde ein Arzt gerufen. Der junge Patient hatte sich wahrscheinlich bei einem seiner Armenbesuche mit der Krankheit der Kinderlähmung angesteckt. Er konnte sich kaum bewegen und wurde immer schwächer. Seine letzte Sorge galt Menschen, denen er Hilfe versprochen hatte: Mit letzter Kraft schrieb er einem Freund eine Notiz, dass er einer kranken Familie ein Medikament bringen solle. Kurz darauf, am 4. Juli 1925, nahm Gott Pier Giorgio zu sich.
Für seine Familie war dies ein Schock. Nun mussten sie nicht nur die Großmutter, sondern auch den 24-jährigen Sohn zu Grabe tragen. Am Tag seiner Beerdigung trauten sie ihren Augen kaum; eine riesige Menschenmenge begleitete den Sarg: Mitstudenten, Lehrer, Freunde, aber vor allem Tausende Arme. Die Eltern hatten keine Ahnung vom geheimen Leben ihres Sohnes gehabt, von seiner unermüdlichen Liebe zu den Armen. Die Trauerfeier wurde ein Fest der Dankbarkeit für Pier Giorgio, der die Herzen der Menschen durch Gottes Liebe berührt hatte. Bald stand der junge Mann aus Turin im Ruf der Heiligkeit und seine Geschichte ging um die ganze Welt.
Das also meinte Pier Giorgio mit einem „richtigen Leben“: ein Leben für Gott im Dienst der Armen. Sein Motto „in die Höhen“ kann man auch so übersetzen: „in den Himmel“. Wir können vertrauen, dass Pier Giorgio auch im Himmel ein Herz für Arme hat und für Menschen, die Jesus nicht kennen. Er kann uns helfen, in unserem Leben Gott zu den Menschen zu bringen. Wie das geht? Kennst du vielleicht jemanden, der auf deine Hilfe wartet? Ein Klassenkamerad, der Trost braucht? Deine Oma, die sich über einen Brief freuen würde? Die Bettlerin, der du dein Lächeln schenken kannst? Sicherlich fällt dir jemand ein. Am 4. Juli feiern wir den Gedenktag des Heiligen und dürfen ihn anrufen: Heiliger Pier Giorgio, bitte für uns!
Die Autorin hat die Katechisten-Ausbildung an der Hochschule Heiligenkreuz absolviert und ist in der Gemeindekatechese tätig.
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