Wisst ihr, dass in der Bibel auch Briefe stehen? Vielleicht habt ihr in der Heiligen Messe gehört, dass ein Lektor aus einem solchen Brief vorgelesen hat. Das klingt dann beispielsweise so: „Lesung aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth.“ Ja, es gibt echte Briefe in der Bibel. Einige Briefe im Neuen Testament zählen sogar zu den ältesten Schriften, die wir heute haben, in denen jemand etwas von Jesus Christus berichtet. Diese Briefe stammen vom heiligen Paulus.
Aber warum hat er Briefe geschrieben? Wir machen eine kleine Zeitreise in die Stadt Tarsus im Jahr 15 nach Christus. Heute liegt Tarsus in der Türkei, aber damals gehörte Tarsus zum Römischen Reich. Es ist die Hauptstadt der römischen Provinz Kilikien, man spricht dort Griechisch. Überall in der Stadt sind Händler mit ihren Waren zu sehen. Dort lädt einer die Menge ins Theater ein – ein Redner tritt auf. An einer anderen Ecke stehen zwei Philosophen im Gespräch beisammen. Das Leben in Tarsus ist rege und im jüdischen Viertel sieht man den zehnjährigen Paulus mit seinen Freunden auf der Straße spielen. Seine Eltern sind Juden und so ist auch er ein Jude. Paulus ist ein sehr frommes Kind und bemüht sich, seinen jüdischen Glauben gut zu leben. Also muss er die Gesetze der Torah genau befolgen.
Paulus' besondere Mission
Später, als Erwachsener, schreibt Paulus über sich: „Im Judentum machte ich größere Fortschritte als die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.“ Als junger Mann war er so eifrig und sein Einsatz für die Überlieferungen ging so weit, dass er die zu verfolgen begann, die die Gesetze nicht so einhielten wie er: Das waren die Christen. Doch eines Tages, als Paulus auf dem Weg in die Stadt Damaskus war, hatte er ein Erlebnis: Jesus Christus erschien ihm als Auferstandener. Schlagartig ändert sich alles für Paulus. Paulus hört auf, die Christen zu verfolgen, und lässt sich selbst taufen. Die Begegnung mit Jesus erschüttert ihn so sehr, dass er jetzt seinen großen Eifer dafür einsetzt, überall die Frohe Botschaft von Jesus Christus zu verkünden. Dabei hat Paulus eine besondere Mission: Gott sendet ihn speziell zu den Heiden.
Was heißt denn das? Gehen wir ein paar Jahre zurück: Die Freunde und Jünger Jesu, die ihm nachgefolgt waren und erlebt hatten, wie er predigte und heilte, waren – wie Jesus auch – Juden aus dem Volk Israel. Und so war es für die Apostel erst einmal ganz klar: Jesus ist der Messias für das jüdische Volk. Er hat das Volk der Israeliten mit Gott versöhnt und so gerettet. Nach dem Ereignis von Pfingsten – als der Heilige Geist auf die Jünger herabkam – begannen sie, diesen Glauben weiterzugeben. Anfangs trugen sie den Glauben zu anderen Menschen aus dem jüdischen Volk.
Auch Heiden wollten getauft werden
Doch bald interessierten sich auch Heiden, also Menschen, die nicht zum jüdischen Volk gehörten, für Jesus Christus. Auch sie wollten getauft werden. Wenn sie nun durch ihre Taufe Christen wurden, dann übernahmen sie nicht die jüdischen Gesetze, ihre Regeln und Reinheitsvorschriften. Das führte zu Problemen in der jungen Kirche – es gab viel Streit zwischen den Christen, die vorher Juden waren (Judenchristen), und zwischen den Christen, die vorher Heiden waren (Heidenchristen). Paulus aber hatte durch seine Begegnung mit Jesus auf dem Weg nach Damaskus etwas verstanden: Wenn Jesus auferstanden ist, dann ist das Reich Gottes ja wirklich schon angebrochen. Und dann sind alle Völker eingeladen, zu Gott zu kommen – das sagten ja schon die alten Propheten des jüdischen Volkes. Paulus trat von nun an dafür ein, dass alle Christen, egal ob sie vorher Juden oder Heiden waren, gerettet sind – weil sie an Jesus glauben, nicht weil sie das Gesetz halten.
Paulus nahm große Mühen und Härten in Kauf, um das Evangelium zu möglichst vielen Menschen zu bringen. Er reiste unglaublich viel und weit – möglicherweise sogar bis Spanien. „Dreimal wurde ich ausgepeitscht“, erzählt Paulus, „einmal gesteinigt, dreimal erlitt ich Schiffbruch, eine Nacht und einen Tag trieb ich auf hoher See. Ich war oft auf Reisen, gefährdet durch Flüsse, gefährdet durch Räuber, gefährdet durch das eigene Volk, gefährdet durch Heiden, gefährdet in der Stadt, gefährdet in der Wüste, gefährdet auf dem Meer, gefährdet durch falsche Brüder. Ich erduldete Mühsal und Plage, viele durchwachte Nächte, Hunger und Durst, häufiges Fasten, Kälte und Nacktheit.“ Auf seinen Reisen lernt Paulus viele Menschen kennen und gründet einige Gemeinden. Doch auch wenn er immer wieder an neuen Orten lebt und wirkt, hält er Kontakt mit seinen Gemeinden. Manchmal sind es mündliche Botschaften, die er anderen Reisenden mitgibt oder von ihnen erhält. Und manchmal, wenn er es für nötig hält, schreibt er einen Brief – häufig dann, wenn es Streitigkeiten oder Missverständnisse gibt, die er gerne klären möchte.
Sein Weg führte doch noch nach Rom
Wenn Paulus einen Brief schrieb, dann hatte er seine ganz spezielle Art, ihn zu beginnen. Er begann nicht mit der Anrede: „Lieber Soundso“ oder „Sehr geehrter Soundso“. Hört mal, wie der erste Brief von Paulus an die Gemeinde in Korinth beginnt: „Paulus, durch Gottes Willen berufener Apostel Christi Jesu, und der Bruder Sosthenes an die Kirche Gottes, die in Korinth ist … mit allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus überall anrufen, bei ihnen und bei uns. Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“
Lange wünscht sich Paulus, auch mal nach Rom zu gelangen, der Hauptstadt des Römischen Reiches. Er schreibt einen Brief an die Christen in Rom, in dem er ihnen erzählt, dass er sich schon oft vorgenommen hatte, zu ihnen zu kommen, aber immer wieder daran gehindert wurde. Nach allem, was wir wissen, kam Paulus am Ende seines Lebens dann doch noch nach Rom – allerdings (mal wieder) als Gefangener. Der Überlieferung nach starb er in Rom als Märtyrer unter Kaiser Nero, der die Christen verfolgte. Über seinem Grab soll Kaiser Konstantin dann später die Basilika „St. Paul vor den Mauern“ gebaut haben. Und tatsächlich haben Archäologen in dieser Kirche im Jahr 2006 ein Grab mit fast 2.000 Jahre alten Knochen gefunden.
Wenn wir in der Heiligen Messe aus einem Brief von Paulus vorgelesen bekommen, dann könnt ihr euch nun vorstellen, wer hinter diesem Brief steht. Spitzt die Ohren – denn häufig hat der heilige Paulus uns etwas Wichtiges zu sagen, was auch unseren Gemeinden heute und dir selbst im Glauben weiterhelfen kann!

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