Die Sonne brennt gnadenlos, aber das macht Citlalli Bono und ihren Freunden nichts aus. Heute feiern sie im Heiligtumsbezirk von Guadalupe ihr persönliches Fest des Glaubens. In der dünnen Höhenluft von über 2 200 Metern tanzen und singen sie einen ganzen Samstag lang, fast ohne Pause. Im Mittelpunkt zu stehen, entspricht jedoch nicht ihrer bescheidenen Art.
Deswegen hat das etwa zwanzigköpfige Grüppchen die obere Esplanade gewählt, etwas abseits der Sakralbauten und des Andrangs der Pilgerscharen. „Wir sind gekommen, um unserer Mutter Maria zu danken“, so die 50-jährige Citlalli, die aus dem Innern heraus strahlt, ganz ergriffen und noch etwas außer Atem ist. Ähnlich ergeht es Iztlacihuatl Coorcí (33), auf deren leuchtweißem Kleid das typische Motiv der Jungfrau von Guadalupe prangt. „Möge uns Maria unter ihren Schutzmantel nehmen“, wünscht sich Iztlacihuatl.
Juan Diego war ein einfacher Indigener, der heute als Heiliger verehrt wird. Auf ihn gehen die Berichte über die Erscheinungen Mariens auf dem Hügel Tepeyac im Jahr 1531 zurück. Daraus erwuchs an selber Stelle im Nordteil von Mexiko-Stadt das Nationalheiligtum Guadalupe, eines der größten Marienwallfahrtsziele der Welt. Der Weg dorthin führt durch den Alltag des Millionenmolochs.
Der Verkehr dröhnt. Um Straßenstände wehen Abgasschwaden. Ein Geschäft wirbt mit der Bekämpfung von Rattenplagen. Scheibenputzer nutzen die Rotphasen der Ampeln, um zu wischen und zu wienern, und spekulieren auf ein paar Pesos von Autofahrern. Es ist ein täglicher Kampf ums Überleben – und das Nationalheiligtum von Guadalupe für viele Menschen ein Ort der Hoffnung.
Marias Abbild im Umhang
Hinter den Torgittern öffnet sich ein riesiger Platz mit der alten und neuen Basilika und der Pfarrkirche Santa María de Guadalupe Capuchinas. Ein Denkmal ehrt Johannes Paul II., der das Heiligtum während seines Pontifikats siebenmal besuchte und 2002 Juan Diego als ersten Ureinwohner Amerikas heiligsprach.
Juan Diego – so sein Taufname – hieß ursprünglich Cuauhtlatoatzin. Er wurde um 1474 geboren und stammte aus dem Volk der Chichimeken.
Die Überlieferung besagt, dass ihm die Gottesmutter im Dezember 1531 auf dem Hügel Tepeyac mehrmals erschien. Maria trug Juan Diego auf, zum zuständigen Bischof zu gehen und ihm mitzuteilen, man möge ihr zu Ehren ein Heiligtum errichten, wo sie den Menschen „meine ganze Liebe, meinen erbarmenden Blick, meine Hilfe, meinen Trost, meine Rettung“ geben könne.

Bischof Juan de Zumárraga schenkte ihm keinen Glauben. Traurig kehrte Juan Diego zum Hügel zurück, wo ihn Maria erwartete und ihm Mut zusprach. Kurz darauf wurde er wieder im Bischofspalast vorstellig. Erneut reagierte Zumárraga ablehnend und verlangte, die Vorkommnisse „durch andere Zeichen“ als die der Worte zu belegen. So kam es zum Rosenwunder. Maria trug Juan Diego auf, an einer bestimmten Stelle des Gipfels Rosen zu pflücken, die wegen der frostigen Jahreszeit dort eigentlich nicht blühen konnten. Er sammelte sie in seinem traditionellen aztekischen Umhang, der Tilma.
Unter den Rosen verbarg sich jedoch etwas anderes. In der aus Kaktusfasern gefertigten Tilma hatte Maria ihr Abbild von fotografischer Genauigkeit hinterlassen. Der deutsche Sachbuchautor Paul Badde skizzierte die finale Begegnung von Juan Diego und dem Bischof in seinem Buch „Maria von Guadalupe. Wie das Erscheinen der Jungfrau Weltgeschichte schrieb“ wie folgt: „Und er breitete seinen weißen Umhang aus, in den er die Blumen eingeschlagen hatte. Als die herrlichen Blumen jedoch zu Boden fielen, verwandelte sich der Umhang augenblicklich in ein Zeichen. Plötzlich erschien das geliebte Bild der immerwährenden Jungfrau und heiligen Maria auf dem Tuch.“ Es brauchte keine weitere Überzeugungsarbeit, um den Bau des Heiligtums in die Wege zu leiten.
Elektrische Rollbänder
Ob sich tatsächlich alles so abgespielt hat? Fest steht, dass die erste Marienerscheinung in Lateinamerika ein wegweisender Schritt bei der Missionierung war und die „größte Massenbekehrung der Geschichte“ auslöste, so Autor Badde. Der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz (1914–1998) schrieb in seinem Essay „Das Labyrinth der Einsamkeit“: „Nachdem die Bande zu ihrer eigentlichen Kultur abgerissen, ihre Götter tot und ihre Städte zerstört waren, fanden die verwaisten Indios durch den katholischen Glauben einen neuen Platz in der Welt.“
Das wundersame Gnadenbild im Umhang ist bis heute der Kern der Verehrung von Guadalupe. Der Zugang führt hinter der modernen Basilika in einen Innenbereich, wo die Tilma mit ihrem Bildnis weit über Kopfhöhe und hinter Glas an einer golden glänzenden Wand hängt. Darunter fahren die Gläubigen auf elektrischen Rollbändern im Schneckentempo vorbei, schauen andächtig auf, filmen und fotografieren mit ihren Smartphones. Blitzaufnahmen sind untersagt. Maria ist in einen himmelblauen Umhang mit Sternen gehüllt, hat die Hände zum Gebet gefaltet und hält den Kopf leicht abwärts nach rechts geneigt. Still transportiert sie die göttliche Botschaft des Glaubens.
Die Rollbänder regulieren den Andrang. Bis zu vier Spuren sind in Betrieb, jede nur in Einbahnrichtung, geschätzte fünfzehn Meter lang. Wem eine Fahrt zu wenig ist, kehrt zu Fuß nach einer Schleife zum Ausgangspunkt zurück.
Ein Lied für den Gast
Der Andrang der Pilger ist gewaltig, insbesondere am Hauptfesttag, dem 12. Dezember. Auch sonst folgt im nüchternen Rundbau der neuen XXL-Basilika eine Messe auf die nächste – vor vollbesetzten Reihen, wie man sie in Europa kaum mehr kennt. Dass alles andere als himmlische Ruhe und keine andächtige Aura herrscht, scheint niemanden zu stören.
Ein Kuriosum draußen ist die Segnungskapelle. Ständig finden sich Ankömmlinge zu einem Zeremoniell ein, das sich binnen weniger Minuten wiederholt. Ein Priester spricht seine Segensformel und schöpft buchstäblich aus dem Vollen, indem er das Weihwasser schwungvoll mit einer Art Großbürste über der Menge verteilt. Es spritzt reichlich und meterweit. Einige Gläubige halten Babys hoch. Oder kleine Skulpturen, so wie Francisco, der hier in Mexiko-Stadt lebt. Am Christus, den er eben gekauft hat, hängen die Tropfen. „Ihn stellen wir zuhause auf und Kerzen davor.
Dieser Christus bleibt für immer bei uns“, stößt Francisco begeistert hervor.
Juan Diego starb 1548, sein Vermächtnis lebt weiter. Die schönsten Darstellungen des Heiligen in Guadalupe sind Bronzereliefs nahe der Rollbänder, ein Buntglasfenster in der alten Basilika und ebendort eine übermannsgroße Bronzeskulptur hinter dem Eingang. Seine Augen richten sich himmelwärts.
Um seinen Körper liegt die Tilma, auf der das Bildnis Mariens fein reliefiert ist.
„Wir ehren hier Maria, aber auch den heiligen Juan Diego“, bekräftigt Iztlacihuatl aus der fröhlichen Tänzer- und Sangesgruppe. Dann kommt ihnen eine Idee. Sie möchten für mich, den Gast aus der Ferne, ein Lied in Nahuatl anstimmen, der alten Sprache der Azteken. Ein bewegender Abschied.
Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt in Spanien und ist auf Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.
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