Würzburg

Das Kind wird zum Lifestyleprodukt

Mit Frankreich hat das – nach Deutschland – einwohnerstärkste Land in Europa die Laborzeugung von Kindern nun auch Lesben und Alleinstehenden zugänglich gemacht. Warum das für einige gut klingt, in Wirklichkeit aber gar keine gute Idee.

In Frankreich werden Kinder jetzt zu Lifestyleprodukten.
In Frankreich werden Kinder jetzt zu Lifestyleprodukten. Foto: Adobe Stock

Kinder für alle. Derart verdichtet lässt sich auf den Punkt bringen, was das Oberhaus des französischen Parlaments am Dienstag vergangener Woche beschloss. Mit 153 gegen 143 Stimmen ließen Frankreichs Senatoren eine Gesetzesvorlage passieren, die künftig allen Frauen, die jünger als 43 Jahre alt sind, Zugang zu künstlichen Befruchtungen gewährt. Bis dato stand in Frankreich die Zeugung von Kindern im Labor nur heterosexuellen Paaren offen. Mehr noch: Wenigstens einer der Partner musste nachweisen, dass er – medizinisch betrachtet – unfruchtbar ist.

Zentrales Wahlkampfversprechen

Das ist allerdings längst viel leichter, als viele meinen. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt nämlich inzwischen jeder als unfruchtbar, der trotz „regelmäßigen, ungeschützten Geschlechtsverkehrs“ binnen eines Jahres keine Schwangerschaft vermelden kann.

Mit dem beschlossenen Gesetz, das die Laborzeugung nun auch für Lesben und Alleinstehende öffnet, löst Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron ein zentrales Wahlkampfversprechen ein. Die Gesetzgebung, so Macrons Mantra, müsse auf die zunehmende Pluralität von Familienmodellen reagieren und sich ihr anpassen. Was in säkularen Ohren gut klingen mag, hat jedoch einen hohen Preis. Und den bezahlen – wie so oft – vor allem die Kinder.

Die Mehrzahl von ihnen sogar mit ihrem Leben. Offiziellen Zahlen zufolge wurden in dem 67 Millionen Einwohner zählenden Frankreich allein 2017 rund 310 000 menschliche Embryonen im Labor erzeugt. Aus ihnen resultierten jedoch nur 18 650 geborene Kinder. Das entspricht einer „baby-take-home-Rate“ von kaum mehr als sechs Prozent. Mehr als die Hälfte der erzeugten Embryonen (52 Prozent) wurde selektiert, 22 Prozent bei –196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff schockgefroren. Und nur rund ein Viertel wurde überhaupt implantiert.

Hohen Fehlbildungsraten

Von diesen 77 500 Menschen im Frühstadium der Entwicklung erblickten am Ende nur leicht mehr als 24 Prozent auch das Licht der Welt. Ergo haben die Reproduktionsmediziner für jedes geborene Kind 16 weitere erzeugt und auf eine Reise ohne Widerkehr geschickt.

Damit nicht genug. Seriösen Studien zufolge weisen Kinder, die mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) und Intracytoplasmatischer Spermieninjektion (ICSI) erzeugt wurden, mehr als doppelt so hohe Fehlbildungsraten auf wie Kinder, die auf herkömmliche Weise gezeugt werden. Beobachtet wurden dabei unter anderem schwere Herzfehler, schwere Fehlbildungen des Urogenitalsystems, Chromosomenanomalien sowie Schädigungen von Knochen und Muskeln.

Dabei ist es letztlich unerheblich, ob die hohen Fehlbildungsraten auf die mit Mängeln behafteten Verfahren künstlicher Befruchtung oder aber – wie Reproduktionsmediziner gern behaupten – auf das „schlechtere Ausgangsmaterial“, Eizellen und Spermien von Menschen, deren Fruchtbarkeit längst abgenommen hat, zurückgeführt werden müssen. Entscheidend ist, dass die Mediziner um solche „Produktionsbedingungen“ wissen und sich daher nicht aus der Verantwortung stehlen können.

Unausgereifte Verfahren

Eine Frage, die manche bewegt, lautet: Kann man im Zusammenhang mit der Laborzeugung überhaupt von „Produktion“ sprechen? Die Antwort ist einfach. Man kann nicht nur, man muss es auch. Nicht von ungefähr steckt in dem Kompositum „Reproduktionsmedizin“ das Wort „Produktion“.

Betrachtet man die Laborzeugung von Kindern sodann ausschließlich technisch, so grenzt es an ein Wunder, dass Staaten diese überhaupt erlauben. Denn kein Industrieland der Welt würde dulden, dass mit derart unausgereiften und ineffizienten Verfahren, wie sie in der Reproduktionsmedizin zum Einsatz kommen, Häuser gebaut oder Autos produziert werden. Architekten oder Ingenieure, die es dennoch wagten, würden als Bedrohung betrachtet und aus dem Verkehr gezogen.

Dass die Regierungen derselben Länder beim „Menschenbau“ bislang beide Augen zudrücken, ist leicht zu verstehen. Zu groß erscheint vielen das Leid derer, die sich Kinder wünschen, aber auf natürlichem Wege keine zeugen können.

Konnte die Reproduktionsmedizin in der Vergangenheit bei oberflächlicher Betrachtung noch damit gerechtfertigt werden, dass sie unfruchtbaren Paaren zu Nachwuchs verhelfe, so ist dies nun anders. Denn die Öffnung der künstlichen Befruchtung für Menschen, die auf natürlichem Wege gar keine Kinder bekommen können, ändert – wenn auch nicht alles – so doch Vieles. Sie macht aus einer „Gabe“ nicht mehr nur eine „Habe“ (Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz), die sich jene aneignen, denen die Natur die Gabe schuldlos verwehrte. Sie macht das Kind nun letztlich zu einem Lifestyle-Produkt, das sich nun auch jene zulegen können, die sich einem Lebensstil verschrieben haben, der sie für diese Gaben der Natur eigentlich unempfänglich macht.

USA: Vermittlungsagenturen für Kinderwünsche

Selbstverständlich werden nun auch homosexuelle Paare und alleinstehende Männer – schon aus Gründen der Gleichberechtigung – nicht ruhen, bis der Gesetzgeber auch ihnen gestattet, die Zeugung von Kindern im Labor – ebenso wie Lesben und Alleinstehende – in Auftrag zu geben. Technisch ist auch das möglich, wenn auch über den Umweg von Verfahren wie der Eizellspende und der Leihmutterschaft, die mit zusätzlichen Risiken behaftet sind.

In den USA gibt es längst Fruchtbarkeitskliniken, die sich auf diese Klientel spezialisiert haben. Und zwar so viele, dass es sich eine Website (http://menhavingbabies.com) zur Aufgabe gemacht hat, über die Angebote der zahlreichen Leistungsanbieter zu informieren und diese zu bewerben. Neben Fruchtbarkeitskliniken und Kinderwunschzentren sind das auch Vermittlungsagenturen und Versicherungsunternehmen. Manche tragen so illustre Namen wie „Familiy Formers“, „Rainbow Families“ oder „Same Love Surrogacy“.

Befürworter der künstlichen Befruchtung mögen einwenden, es sei gar nicht zwingend, dass Paare – heterosexuelle wie gleichgeschlechtliche – sowie Alleinerziehende beiderlei Geschlechts, die sich für eine Laborzeugung entscheiden, das dabei erzeugte Kind auch tatsächlich als „Produkt“ betrachteten. Zwar lege sein Entstehungsprozess, der wesentliche Merkmale einer Herstellung besitze und Eltern die Rolle von Rohstofflieferanten zuweise, ein solches Denken nahe, doch zwinge der Gebrauch der Technologie Eltern nicht, sich eine solche Betrachtungsweise auch zu eigen zu machen. Auch ein im Labor erzeugtes Kind könne um seiner selbst willen gewollt werden.

Die Versuchung der Reproduktionsmedizin

Der Einwand scheint zunächst tatsächlich berechtigt. Nicht zuletzt auch deshalb, weil angesichts des flächendeckenden Einsatzes von Kontrazeptiva sehr viel dafür spricht, dass heute auch natürliche Zeugungen in der Mehrzahl der Fälle das Ergebnis absichtsvoller Akte sind, die gleichfalls darauf zielen, Kinder „zu machen“ und sich daher schwerlich als Argument gegen die Laborzeugung ins Feld führen lassen.

Nur ist dies gar nicht notwendig. Denn aus der Zurückweisung einer Handlung folgt ja keineswegs, dass andere Handlungen, mit denen sich dasselbe Ziel auf alternative Weise erreichen lässt, begrüßt werden müssten. Hinzu kommt: Auch wenn die Technisierung der Fortpflanzung den Akt der Zeugung womöglich weit weniger kontaminiert als die Unerbittlichkeit des Willens, mit der dieser geplant und – sei es in vitro oder in vivo – zur Tat wird, so lässt sich doch nicht leugnen, dass die Reproduktionsmedizin der alten Versuchung, den Menschen nach dem eigenen Bild zu formen, Tür und Tor öffnet.

Und weil damit zugleich ein Machtgefälle begründet wird, das in egalitären Gemeinwesen, die von der gleichen Würde aller Menschen ausgehen, keinen Platz hat, ist das auch in säkularen Gesellschaften keine rein private, sondern vielmehr eine öffentliche, gesamtgesellschaftliche und deshalb politische Frage.

Kinder sind Gaben

So wenig wie der Mensch laut dem verstorbenen Philosophen Robert Spaemann das Recht besitzt, zu seinesgleichen zu sagen, „Du sollst nicht mehr sein“, so wenig steht es ihm zu, ihn mittels einer bloß instrumentellen Vernunft ins Dasein zu zwingen. Denn auf diese Weise entsteht ein Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen Wesen, die mit der gleichen Würde begabt sind, inakzeptabel ist. Oder um es mit dem US-amerikanischen Moralphilosophen Michael J. Sandel von der Universität Harvard zu sagen: Kinder sind „Gaben“. Wo sie zu „Objekten unseres Entwerfens“, zu „Produkten unseres Willens“ oder zu „Instrumenten unserer Ambitionen“ herabgewürdigt werden, da versagen wir nicht bloß punktuell, sondern ganz und gar, – da versagen wir als Menschen.

In der Vergangenheit hatten Eltern die ehrenvolle Aufgabe, das Wohl ihrer Kinder zu garantieren. „Kinder sind Gäste, die nach dem Weg fragen“, lautete denn auch der Titel eines von Jirina Prokop und Christel Schweizer verfassten Buches, das viele unter die Klassiker auf dem unüberschaubar gewordenen Markt der Erziehungsratgeber rechnen. Eine Gesetzgebung, die wie die französische allen Zugang zur Laborzeugung gewährt, weist – ob bewusst oder unbewusst – Kindern die Aufgabe zu, das Wohl ihrer Eltern garantieren zu sollen. Das kann nicht richtig sein.

 

Kurz gefasst

Vergangene Woche hat das französische Parlament ein Gesetz beschlossen, das die Laborzeugung unter dem Motto „Kinder für alle“ auch Frauen zugänglich macht, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben oder als Alleinstehende das Ein-Eltern-Modell zum Ideal erkoren haben. Das macht die mit vielen ethischen Problemen behaftete künstliche Befruchtung noch problematischer. Denn wo der Gesetzgeber Kindern die Rolle zuweist, das Wohl ihrer Eltern garantieren zu sollen, schafft er ein Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis, das zwischen Wesen, die mit der gleichen Würde begabt sind, inakzeptabel ist.

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