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Her mit den Designerbabys!

Vierzig Jahre nach der Geburt des ersten Retortenbabys bereitet sich Großbritannien auf das „next big thing“ vor. Noch erlauben das die Gesetze auf der Insel nicht, doch hat der britische „Nuffield Council on Bioethics“ die Erschaffung von Designerbabys jetzt schon einmal vorauseilend für „moralisch zulässig“ erklärt. Von Stefan Rehder
Baby Twin Boy and Girl Floating on Swim Rings
Foto: Katrina Elena Trninich (130121019) | Two month old twin baby sister and brother sleeping on tiny, inflatable, pink and blue swim rings. They are wearing crocheted swimsuits and sunglasses.

Ich bin kein Monster, sondern ganz normal im Bauch meiner Mutter herangewachsen, betont Louise Brown. Zu recht. Dass die heute Vierzigjährige, die am 25. Juli 1978 im Royal Oldham Hospital nahe Manchester das Licht der Welt erblickte, aus Sicht des Tierphysiologen Robert Edwards und des Gynäkologen Patrick Steptoe damals zunächst nur ein weiteres Laborexperiment war – eines, dem mindestens 60 andere, gescheiterte vorausgegangen waren –, macht das weltweit erste Retortenbaby nicht zu einem Ungeheuer. Ob das für die längst verstorbenen Pioniere der In-Vitro-Fertilisation (IVF) auch gilt – Steptoe starb 1988, Edwards 2013, spät genug, um noch den Nobelpreis für Medizin (2010) zu erhalten – ist eine andere Frage. Eine, die nicht bloß jeder beantworten kann, der ihr 1980 erschienenes Buch „A Matter of Life. The Story of a Medical Breakthrough“ gelesen hat, sondern auch eine, die derzeit besonders an Aktualität gewinnt.

Vierzig Jahre nach der Weltsensation des ersten erfolgreich im Labor erzeugten Kindes bereitet sich das Vereinigte Königreich nämlich offenbar auf den nächsten „medizinischen Durchbruch“ vor: Das erste genetisch modifizierte Designerbaby. In greifbare Nähe rückt das, weil die Biobastler seit sechs Jahren ein neues Lieblingsspielzeug haben: CRISPR/Cas9 (siehe Kasten). Mit der Genschere, die 2012 von zwei Wissenschaftlerinnen entdeckt worden war, die seitdem für den Nobelpreis gehandelt werden, lässt sich der genetische Code von Lebewesen – einschließlich der des Menschen – gezielt verändern.

Nachdem Forscherteams aus China, den USA und England die Genscheren bereits am Menschen testeten und menschliche Embryonen – mit zum Teil katastrophalen Ergebnissen – genetisch manipulierten, hat sich nun der britische „Nuffield Council on Bioethics“ mit dem Genom-Editing mittels CRISPR/Cas9 befasst. Die 205 Seiten umfassende Stellungnahme des Gremiums, das die britische Regierung in bioethischen Fragen berät, trägt den Titel „Genome editing and human reproduction: social and ethical issues“ (dt.: Genom-Editing und menschliche Reproduktion: Soziale und ethische Probleme).

Seine acht Autoren kommen darin zu dem Ergebnis, „moralisch zulässig“ seien Manipulationen der menschlichen Keimbahn nicht nur dort, wo es um die Korrektur genetischer Defekte zum Schutz vor vererbbaren Krankheiten gehe. Ethisch vertretbar sei grundsätzlich auch die Erschaffung von Designerbabys mittels Manipulation der DNA menschlicher Embryonen, bevor diese in die Gebärmutter einer Frau transferiert würden, sofern bestimmte Bedingungen erfüllt seien.

In dem Mitte Juli veröffentlichten Bericht entfaltet das Expertengremium sodann die Bandbreite der ethischen Probleme, die sich aus seiner Sicht ergäben, wenn das sogenannte Genome-Editing als Fortpflanzungsoption für zukünftige Eltern verfügbar werde. Damit sie „ethisch vertretbar“ seien, müssten die Eingriffe in das Erbgut mit dem „Wohlergehen der zukünftigen Person“ in Einklang stehen, dieses sichern können und dürften nicht zu „Benachteiligungen“, „Diskriminierungen“ oder einer „Spaltung der Gesellschaft“ führen.

Obwohl Großbritannien seit langem eines der liberalsten Fortpflanzungsmedizingesetze der Welt besitzt, erlaubt der „Human Reproduction Act“ bisher keine genetischen Manipulationen an Embryonen, die anschließend einer Frau übertragen werden. Sämtliche genetisch manipulierte Embryonen müssen binnen 14 Tagen wieder vernichtet werden.

Bevor Veränderungen des menschlichen Erbguts erlaubt werden könnten, müsse es ausreichend Gelegenheit für das Führen einer breit angelegten gesellschaftlichen Debatte über die Verwendung der Technologie und deren mögliche Auswirkungen gegeben haben. Dabei müssten die Risiken von nachteiligen Auswirkungen für Einzelpersonen, Gruppen und der ganzen Gesellschaft angemessen bewertet und Maßnahmen zu deren Überwachung und Überprüfungen ergriffen werden, so der Rat. Auch sollten entsprechende Eingriffe nur im Rahmen klinischer Studien erfolgen, bei denen die langfristigen Auswirkungen für Einzelpersonen und Gruppen überwacht und von der zuständigen Aufsichtsbehörde streng reguliert werden.

„Wir sind der Ansicht, dass die Bearbeitung von Genomen an sich nicht moralisch inakzeptabel ist“, zitiert die britische Tageszeitung „The Guardian“ Karen Yeung, Vorsitzende der Nuffield-Arbeitsgruppe und Professorin für Recht, Ethik und Informatik an der Universität Birmingham. „Es gibt keinen Grund, es im Prinzip auszuschließen.“ Noch deutlicher formuliert es Jackie Leach Scully von der Universität Newcastle, eine der Co-Autorinnen der Stellungnahme. Sie erklärte, Eingriffe in das Genom zukünftiger Kinder böte Eltern die Möglichkeit, selbst abzusichern, „was sie für den besten Start ins Leben“ halten.

Die Veröffentlichung der Stellungnahme des Nuffield-Council hat weit über Großbritannien hinaus eine Debatte über die ethische Bewertung der Erschaffung von Designerbabys ausgelöst. Lobend etwa äußerte sich George Church. Der Molekularbiologe von der Universität Harvard, der selbst mit CRISPR/Cas9 arbeitet, um die Organe von Schweinen von gefährlichen Viren zu befreien, aufgrund derer diese bislang nicht als Ersatzorgane für Menschen in Betracht gezogen werden, erklärte, auch er sei der Meinung, dass das Genom-Editing nicht zu einem Mehr an Benachteiligungen, Diskriminierungen oder einer Spaltung der Gesellschaft führen dürfe. Keimbahnveränderungen gängiger Genvarianten könnten jedoch rund fünf Prozent der Kinder vor schmerzhaften Krankheiten bewahren.

Dagegen erklärte Marcy Darnovsky vom Zentrum für Genetik und Gesellschaft in Kalifornien – einer NGO, die sich für einen verantwortlichen Gebrauch und eine effektive Kontrolle von Technologien auf den Gebieten von Humangenetik und Reproduktionsmedizin stark macht –, die Schlussfolgerung der Stellungnahme des Nuffield Council stehe „im Widerspruch zu der weit verbreiteten globalen Vereinbarung, derzufolge genetische Veränderungen verboten blieben sollten. Eine Verpflichtung, die sich auch in den Gesetzen vieler Nationen widerspiegelt.“ Tatsächlich sind Eingriffe in die menschliche Keimbahn, die an künftige Generationen vererbt würden, in mehr als 40 Ländern der Welt gesetzlich verboten.

Heftige Kritik äußerte auch David King, ein ehemaliger Molekularbiologe und Direktor des Human Genetics Alert in London. In einem Gastbeitrag für den „Guardian“ schreibt King: Der einzige Bereich, in dem die Gentechnik etwas leisten könne, was die Selektion von Embryonen nicht vermöge, sei „die genetische Verbesserung – besser bekannt als Designerbabys“. Leider werde das der „wahre Markt“ für das Genom-Editing mittels CRISPR/Cas9 sein. „Wenn man erst einmal eine Gesellschaft geschaffen hat, in der die Kinder der reichen Menschen biologische Vorteile gegenüber anderen Kindern bekommen, ist es mit den grundlegenden Vorstellungen von menschlicher Gleichheit vorbei. Stattdessen erhält man eine soziale Ungleichheit, die in die DNA eingeschrieben wird“, so King.

Manchmal eilt einem eben die von Menschen erdachte Zukunft entgegen. So siedelte etwa der britische Schriftsteller Aldous Huxley in seinem 1932 erschienenen Roman „Schöne neue Welt“ (engl.: „Brave new World“) das von ihm erdachte Gemeinwesen noch im Jahr „632 nach Ford“ an, was in unserer Zeitrechnung dem Jahr 2540 nach Christus entspricht. In dem ebenso totalitären wie promiskuitiven Weltstaat produzieren die Menschen ihresgleichen in Fertigungsstraßen gigantischen Ausmaßes. In staatlichen Reproduktionsfabriken, in fünf Modellreihen (Alpha, Beta, Gamma, Delta und Epsilon) gemäß dem Bedarf der Wirtschaft erzeugt, werden sie von klein auf einer umfangreichen „Normung“ unterzogen. Zwar entscheidet in „Schöne neue Welt“ der Staat, was Menschen für den „besten Start ins Leben“ benötigen. Doch selbst wenn man darin einen entscheidenden Unterschied sähe: Wer weiß heute schon, welche Staatsmodelle vorherrschen, wenn Großbritannien oder irgendein anderes Land das weltweit erste Designerbaby begrüßen wird?

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