Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Glaubensvermittlung

Theologie? Pflicht, nicht Kür!

Warum eine weltanschaulich neutrale Schule nur zu ihrem Schaden auf einen theologisch anspruchsvollen Religionsunterricht verzichten kann.
Leben

Die wissenschaftliche Theologie hat zunehmend Schwierigkeiten, zu Menschen vorzudringen, die um eine persönliche Lebensorientierung ringen. Warum hat die Schule keine Brückenfunktion? So mancher Inhaber eines theologischen Lehrstuhls dürfte mit dem schulischen Religionsunterricht zuletzt in der eigenen Schulzeit Berührung gehabt haben.

Lesen Sie auch:

Umgekehrt wehren viele Religionslehrer eine Berührung mit der akademischen Theologie mit der Begründung ab, man wolle doch seine Schüler nicht zu Theologen heranbilden – ein Argument, das die Vorstellung wachruft, man würde die intellektuellen Anforderungen des Mathematikunterrichts mit dem Hinweis zurückweisen, man wolle die Schüler doch nicht zu Mathematikern ausbilden.

Sind die Tage eines „kooperativen Religionsunterrichtes“ gezählt ?

Gegenwärtig verschärft sich das Problem einer angemessenen Vermittlung von akademischer Theologie und schulischem Religionsunterricht noch einmal dadurch, dass die Mehrheit der Bevölkerung keiner Kirche mehr angehört, sodass selbst die Tage eines „kooperativen Religionsunterrichtes“ gezählt zu sein scheinen.

Dass Gemeinschaftsbildung durch Ausschlüsse der jeweils Anderen geschieht, zeigt schon die Etymologie des lateinischen Wortes „communio“, in dem als Wortwurzel „moenia“ – die Mauer – steckt. Dem entspricht der Mythos von der Gründung Roms, in dem Romulus seinen Bruder Remus ermordet.

Biblisch begegnet das Motiv des Brudermords bei Kain und Abel, in dessen Folge Kain zum Gründer der Stadt Henoch wird. Die kirchliche Rezeption dieser Erzählung zeichnet sich allerdings dadurch aus, dass sie das Wesen der Kirche nicht im Verhalten Kains, sondern im Schicksal seines Opfers Abel vorgebildet sah. Augustinus spricht darum von einer „ecclesia ab Abel“. Darin leuchtet die Vision eines menschlichen Miteinanders auf, das solche Ausschlussmechanismen überwindet.

Definitionsmacht zu Lasten anderer

Auf diese Weise zeichnet die Erzählung vom Brudermord schon die Konturen dessen ab, was die Kirche Sünde nennt und was wir als eine Gestalt der Selbstaffirmation bezeichnen können, die immer zulasten anderer erfolgt und in diesem Sinne Opfer erzeugt. Damit verwirklicht sie noch einmal, was schon die Sündenfallserzählung aufgezeigt hat, die in der „Erkenntnis von gut und böse“ das Wesen der Sünde erkennt.

Denn dass diese Erkenntnis selbst etwas Böses ist, wird verständlich, wenn man bedenkt, dass das hier verwendete hebräische Wort für „Erkenntnis“ diejenige Bedeutung hat, die in dem lateinischen Sprichwort „scientia est potentia“ – „Wissen ist Macht“ – begegnet. Wer die Definitionsmacht über Gut und Böse beansprucht, wird seine eigene Identität immer zulasten anderer behaupten.

Identitätsbildung auf Kosten anderer

So wie Kain seinen Bruder Abel umbringt, wird Isaak dadurch zum Träger der Abrahamsverheißung, dass sein Halbbruder Ismael in die Wüste entsorgt wird. Gleichermaßen erbt sein Sohn Jakob daraufhin den Erstgeburtssegen Isaaks, indem er seinen Bruder Esau betrügt. Auf der Flucht vor Esau gelangt er nach Haran, wo seine Liebe zu Rahel deren Konfliktverhältnis zu ihrer Schwester Lea auslöst.

Dass die geliebte und von ihrer Schwester verspottete Lea Jakob schließlich den Sohn Josef geschenkt hat und dann mit der Geburt Benjamins stirbt, führt zu derjenigen Bevorzugung Josefs, die schließlich in seine Aussetzung durch seine Brüder mündet. Wenn aber daraufhin ausgerechnet der solcherart entsorgte Josef sein Volk vor dem Hungertod rettet, macht dies noch einmal deutlich, dass die wahre Gemeinschaftsbildung nur unter Einschluss derjenigen Opfer erlangt wird, zulasten derer Menschen ihre Identitätsbildung pflegen.

Schließlich wird von hier aus auch verständlich, warum Jesus sterben musste. Denn wer über diejenigen Ressentiments aufklärt, in denen die genannte Identitätsbildung geschieht, begibt sich in die Gefahr, diese auf sich zu lenken. Dies wusste schon Georg Büchner, wenn er in dem gleichnamigen Drama Dantons Tod dadurch ausgelöst sieht, dass dieser den Moralismus Robespierres als „das elende Vergnügen“ demaskiert, andere schlechter zu finden als sich selbst.

Der Glaube beginnt mit einer Frage

Und in genau diesem Sinne legen die Evangelien Zeugnis davon ab, dass Jesus zum Opfer dessen geworden ist, was der Glaube Sünde nennt. Eine Theologie und ein Religionsunterricht, die diese Entwicklungslinien aufzeigen, bieten ein Aufklärungspotenzial, dessen Wahrnehmung und Verarbeitung einen ganz spezifischen Dienst an der Gesellschaft leisten.

Dies anzuerkennen setzt keinen Glauben voraus, wohl aber die Bereitschaft zu kritischer und vor allem selbstkritischer Auseinandersetzung. Darauf kann auch eine zunehmend entkirchlichte Gesellschaft nur zu ihrem Schaden verzichten. Der Glaube beginnt hingegen dort, wo ich vor der Frage stehe, was ich von der Vision eines solchen wahren Miteinanders halte, das zwecks eigener Identitätsbestimmung kein „Draußen“ mehr benötigt.

Utopie oder Verheißung?

Ist sie ein leeres Trugbild, das ich am besten auf sich beruhen lasse, weil ich in dessen Verfolgung erst recht verzweifeln muss? Diese Vorstellung vertritt Friedrich Nietzsche, wenn er sich Gott als jemanden vorstellt, der in seiner langweiligen Ewigkeit sich daran delektiert, dem Menschen Ziele vor Augen zu stellen, in deren Verfolgung dieser dann umso heftiger stürzt. Oder soll ich sie aus eigener Kraft in dieser Weltzeit verwirklichen?

Diesen Weg hat der Kommunismus zu gehen versucht. Oder ist deren Realisierung eine vom Menschen her nicht erzwingbare Gabe, für deren Ankunft ich allenfalls die Voraussetzungen schaffen kann? Diesen Weg geht der kirchliche Glaube. In Anlehnung an das vom amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr formulierte „Gelassenheitsgebet“ bedeutet dies die Fähigkeit, das dem Menschen Mögliche an Weltverbesserung zu vollziehen, das ihm Unmögliche Gott zu überlassen und vor allem beides unterscheiden zu können.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.

Themen & Autoren
Gerd Neuhaus Friedrich Nietzsche Georg Büchner Religionsunterricht

Weitere Artikel

Gerhard Schröder verrät sein Land, Donald Trump den Westen, Patriarch Kyrill das Christentum.
14.10.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Lorenz Jäger spricht über Vergänglichkeit, Lebensklugheit und die großen Fragen der menschlichen Existenz – Donnerstag, 14. Mai, 16 Uhr, im Tagespost-Salon im Lügensteinmuseum Würzburg.
13.05.2026, 19 Uhr
Vorabmeldung

Kirche

Künstliche Intelligenz kann Daten verarbeiten, aber keine Verantwortung übernehmen. Papst Leo XIV. verteidigte in „Magnifica Humanitas“ die menschliche Urteilskraft.
01.11.2026, 09 Uhr
Christoph Fehring
Es gibt ab Samstag neue US-amerikanische Selige: Fünf Franziskaner, die 1957 von Ureinwohnern in Georgia ermordet wurden. Der Grund: Sie verteidigten die monogame Ehe.
31.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Halloween wurde zum Filmthema – und machte den Grusel-Tag hierzulande populär. Ein Horrorfilm spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse und hinterfragt Selbstverständliches.
31.10.2026, 11 Uhr
Fabian Bell
Ist es falsch, dass die Kirche sich gegen die Todesstrafe stellt? Nein, denn jeder Mensch hat eine unantastbare Würde. Und zwar nicht erst seit Papst Franziskus.
29.10.2026, 21 Uhr
Maximilian Welticke