Für gläubige Christen ist klar: Ihr Tod ist so sicher wie das Amen in der Kirche, aber nicht das Ende. „Die Auferstehung der Toten ist die Zuversicht der Christen; im Glauben an sie existieren wir“, heißt es in „De resurrectione carnis“, einem Traktat des frühchristlichen Schriftstellers Tertullian (nach 150–226). In der „Präfation für die Verstorbenen“ betet der katholische Priester: „Deinen Gläubigen, o Herr, wird das Leben gewandelt, nicht genommen. Und wenn die Herberge der irdischen Pilgerschaft zerfällt, ist uns im Himmel eine ewige Wohnung bereitet.“
Das „Apostolische Glaubensbekenntnis“ gipfelt im Bekenntnis an „die Auferstehung der Toten und das ewige Leben“. Und der „Katechismus der Katholischen Kirche“ lehrt kurz und bündig: „Im Tod, bei der Trennung der Seele vom Leib, fällt der Leib des Menschen der Verwesung anheim, während seine Seele Gott entgegengeht und darauf wartet, dass sie einst mit ihrem verherrlichten Leib wiedervereint wird“ (KKK 997). Der anglikanische Schriftsteller, Philosoph und Literaturwissenschaftler Clive Staples Lewis (1898–1963) war gar überzeugt, die für uns sichtbare Welt sei kaum mehr als ein „Ankleidezimmer“, in dem wir uns auf den Eintritt in eine weitaus gigantischere vorbereiteten.
Alles nur unaufgeklärter Aberglaube?
Für gläubige Materialisten hingegen ist klar: Es gibt kein Leben nach dem Tod. Bewusstsein ist ein Produkt des Gehirns, das mit dem Tod erlischt, die Seele eine Erfindung unaufgeklärten Aberglaubens. „,Leib bin ich und Seele‘ – so redet das Kind. (…) Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe“, lässt etwa Friedrich Nietzsche (1844–1900) seinen Zarathustra sagen.
Für den kanadischen Psychologen Paul Bloom und den britischen Evolutionsbiologen Richard Dawkins sind Religion und die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod „Nebenprodukte“ der neuronalen Prozesse unserer Hirne. Da unsere Vorfahren ums Überleben kämpften, hätten sie Gehirne mit einem „hyperaktiven Mechanismus zur Erkennung von Handlungsabsichten“ entwickelt. Mit der Folge, dass Menschen ihrer Umgebung „übermäßig viele Absichten“ zuschrieben. Wer etwa das Rascheln eines Busches einem Tiger, statt dem Wind zuschriebe, hätte einen Überlebensvorteil gegenüber dem besessen, der sich für die Alternative entschied. Jedenfalls dann, wenn Raubtiere in der Nähe gewesen seien. Auf diese Weise seien Kinder zu „natürlichen Dualisten“ und „Teleologen“ geworden. „Unser angeborener Dualismus bereitet uns darauf vor, an eine ,Seele‘ zu glauben (…). Dass ein solcher körperloser Geist nach dem Tod des Körpers an einen anderen Ort wandert, kann man sich leicht vorstellen“, schreibt Dawkins in „Der Gotteswahn“. Ebenso könne man sich „eine Gottheit ausmalen, die reiner Geist ist und nicht als emergente Eigenschaft aus der Materie erwächst, sondern von ihr unabhängig ist. Und noch klarer liegt auf der Hand, dass die kindliche Teleologie in uns die Voraussetzung für eine Religion schafft. Wenn hinter allem eine Absicht steht, wessen Absicht ist es dann? Die Absicht Gottes natürlich.“
„Gut gebrüllt, Tiger“, mag der gläubige Materialist da applaudieren. Das Problem ist nur: Die wissenschaftliche Erforschung sogenannter Nahtoderfahrungen (NTE) lässt Erklärungsmodelle wie die von Bloom und Dawkins wie Kartenhäuser zusammenbrechen. Denn wenn die Seele und/oder das Bewusstsein reine Nebenprodukte des Gehirns wären, dürfte es viele der gut dokumentierten NTEs gar nicht geben.
Der kleine Andrew und die „schwebende Lady“
Berichte wie den von Andrew und seiner Mutter, der sich in dem 2023 veröffentlichten Buch „The Self Does Not Die“ findet. In ihm versammeln Titus Rivas, Anny Dirven und Rudolf Smit 128 sorgfältig dokumentierte und von medizinischem Fachpersonal und unabhängigen Zeugen überprüfte Nahtoderfahrungen. Im Alter von drei Jahren muss sich Andrew einer Operation am offenen Herzen unterziehen. Noch nicht wieder vollständig genesen, fragt er seine Mutter, wann er wieder zu dem schönen Platz mit all den Blumen und Tieren zurückkehren könne. Weil die Mutter nicht versteht, wovon er spricht, wird er ausführlicher. Eine „schwebende Lady“ habe seine Hand genommen und sei langsam mit ihm zu diesem Ort geflogen. Er habe jedoch keine Angst gehabt, denn die Lady sei sehr freundlich zu ihm gewesen. Kurze Zeit darauf schauen sich Mutter und Sohn alte Fotos an. Als die Mutter Andrew ein Foto ihrer eigenen Mutter als junge Frau zeigt, ruft der Junge: „Da ist ja die Lady.“
Berichte über Nahtoderfahrungen gibt es beinahe, seit es Menschen gibt. Einer der frühesten Berichte, auch bekannt als der „Mythos von Er“, findet sich am Ende von Platons „Politeia“ (Buch X, 614b-621d). Zehn Tage nach einer Schlacht sollen die Gefallenen verbrannt werden. Unter den Leichen, deren Verwesung längst eingesetzt hat, findet man einen Soldaten aus Pamphylien. Leblos, aber „unversehrt“. Als man auch ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennen will, kommt er wieder zu Bewusstsein und berichtet, wie seine Seele den Körper verlassen habe und „mit vielen anderen gewandelt“ sei. Zeuge eines himmlischen Gerichts sei er geworden und die himmlischen Richter hätten ihm aufgetragen, nach der Rückkehr in seinen Körper von dem Erfahrenen zu berichten. Ein Mythos eben.
In der Welt der Wissenschaft wurden Nahtoderfahrungen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein bestenfalls anekdotische Evidenz beigemessen. Das änderte sich erst, als der US-amerikanische Psychiater und Philosoph Raymond A. Moody 1975 das Buch „Life after Life“ (dt.: „Leben nach dem Tod“) veröffentlichte. Das Buch, in dem Moody die Nahtoderfahrungen von 150 Menschen schildert, wurde mit mehr als 14 Millionen verkauften Exemplaren zu einem Weltbestseller. In ihm gebrauchte Moody auch zum ersten Mal den Begriff „Near-Death Experience“ (NDE). Das Vorwort zu der 1977 erschienenen deutschsprachigen Ausgabe verfasste niemand Geringeres als die berühmte Schweizer Psychiaterin und Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross (1926–2004).
Raymond A. Moody: Klinisch tot für neun Minuten
Inspiriert zu dem Projekt hatte Moody der Besuch einer Vorlesung des Psychiaters George G. Ritchie (1923–2007). In Richmond (Virginia) aufgewachsen, studierte Ritchie, der sich dem U.S. Army Medical Corps angeschlossen hatte, an der University of Virginia in Charlottesville Medizin. Ende 1943 erkrankte er an einer beidseitigen Lungenentzündung. Sein Zustand verschlechterte sich schnell. Offenbar waren seine behandelnden Ärzte – Penicillin wurde ab 1942 erfolgreich therapeutisch eingesetzt – nicht auf dem neuesten Stand. Als ein Militärarzt bei ihm weder Atem noch Puls feststellen konnte, erklärt er Ritchie für tot und bedeckt ihn mit einem Laken. Ein Krankenpfleger, der vom Tod des 20-Jährigen nicht überzeugt war, überredet jedoch den diensthabenden Arzt, Ritchie eine Adrenalininjektion in die Brust zu verabreichen. Und siehe da: Neun Minuten, nachdem er für tot erklärt worden war, erlangt Ritchie das Bewusstsein wieder. Die Erfahrungen, die er in diesen neun Minuten machte, veröffentlichte Ritchie, offensichtlich ermutigt durch den Erfolg von Moodys „Life after Life“, 1978 unter dem Titel „Return from Tomorrow“ (dt.: „Rückkehr von morgen“).
Als NDE oder NTE werden Bewusstseinszustände bezeichnet, die sich entweder während eines drohenden oder aber tatsächlich erfolgten klinischen Todes ereignen und über die erfolgreich reanimierte Patienten später Auskunft geben können. Vom „klinischen Tod“ sprechen Mediziner, wenn Menschen infolge eines Herz- und Atemstillstandes das Bewusstsein verlieren. Werden sie nicht innerhalb von fünf bis zehn Minuten wiederbelebt, sterben sie tatsächlich. Nahtoderfahrungen werden auch von Menschen berichtet, die unter Vollnarkose operiert wurden oder in ein tiefes Koma mit anhaltender Bewusstlosigkeit fielen.
Nahtoderfahrungen mögen Vieles sein. Einfach unglaublich, schwer zu akzeptieren oder bisweilen auch zu schön, um wahr zu sein. Nur eines sind sie nicht: selten. Laut der 1978 in den USA gegründeten Internationalen Gesellschaft für Nahtodstudien (IANDS) erleben zwischen vier und zehn Prozent der Weltbevölkerung im Laufe ihres Lebens mindestens eine Nahtoderfahrung. Bei rund acht Milliarden Menschen sind das 320 bis 800 Millionen Personen. In vier aufwendigen prospektiven Studien, die zwischen 2001 und 2006 publiziert wurden und in den Niederlanden, Großbritannien (zweimal) und den USA mit identischem Studiendesign durchgeführt worden waren, lag der Prozentsatz sogar noch höher, nämlich zwischen elf und 18 Prozent. Die niederländische Studie, die die größte Patientenanzahl aufwies und von dem niederländischen Kardiologen Pim van Lommel geleitet wurde, wurde 2001 in der renommierten britischen medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“ publiziert.
USA: Schätzungen gehen von 770 Nahtoderfahrungen pro Tag aus
Laut der Near Death Experience Research Foundation (NDERF), die 1998 von dem Strahlenmediziner und Onkologen Jeffrey Long gegründet wurde, erleben allein in den USA jeden Tag rund 770 Personen eine Nahtoderfahrung. Es gibt verschiedene Archive, in denen Berichte über Nahtoderfahrungen gesammelt und öffentlich zugänglich gemacht werden. Das umfangreichste umfasst weit mehr als 5.000 Fälle und wird von einer ebenfalls 1998 ins Leben gerufenen Stiftung kuratiert, die eng mit der NDERF kooperiert. Ein 2009 erschienenes Handbuch („The Handbook of Near-Death-Expericenes: Thirty Years of Investigation“), herausgegeben von Janice M. Holden, Bruce Greyson und Debbie James, weist über 600 wissenschaftliche Arbeiten aus, die nach 1975 und vor 2009 publiziert wurden. 2021 veröffentlichte van Lommel eine aktualisierte und ergänzte Neuauflage seines 2009 erschienenen Buches „Endloses Bewusstsein – Neue medizinische Fakten zur Nahtoderfahrung“.
Im deutschsprachigen Raum publizierte außerdem der Kölner Allgemeinmediziner Wolfgang Knüll 2023 das Buch „Nahtoderfahrungen – Blick in eine andere Welt. Aktuelle Antworten der Wissenschaft“. 2025 holte der emeritierte Dortmunder Physikprofessor Andreas Neyer mit „Rückkehr aus der Ewigkeit – Wie Nahtod-Erfahrungen unsere Vorstellungen vom Leben und der Liebe verändern“ und „Wissenschaft und Glaube – Quantenphysik und Nahtod-Erfahrungen“ gleich zu einem Doppelschlag in Sachen Nahtoderfahrungen aus.
IS-Kämpfer erfährt Lebensschau aus der Perspektive seiner Opfer
Eine der beeindruckendsten Nahtoderfahrungen schildert Bruce Greyson in seinem 2021 erschienenen Buch „Nahtod“. Der neunjährige Eddie liegt mit einer lebensbedrohlichen Hirnhautentzündung im Krankenhaus. Seine Eltern weichen nicht von seiner Seite. Nach zwei Tagen erwacht er aus dem Koma und berichtet, wen er „im Himmel“ alles getroffen habe: Opa, Oma, Onkel, Tante. Besonders gefreut habe es ihn, auch seine Schwester zu treffen. Sie habe mit ihm gesprochen und gesagt: „Ich darf hierbleiben, aber Du musst wieder auf die Erde.“ Das versetzt den Vater, der seine Tochter auf dem College wähnt, in Ärger und Aufregung. Der behandelnde Arzt erklärt, Eddie halluziniere aufgrund seiner Meningitis und schlägt zur Beruhigung des Vaters vor, das College anzurufen. Als die Eltern dem Rat Folge leisten, wird ihnen mitgeteilt, man habe bereits vergeblich versucht, sie telefonisch zu erreichen. Ihre Tochter sei vor zwei Nächten tödlich verunglückt. Nahtodforscher bezeichnen NTEs, bei denen Menschen Verstorbenen begegnen, von deren Tod sie unmöglich Kenntnis erlangt haben konnten, als „Peak in Darien“-Erlebnisse, einem Begriff, der von der irischen Schriftstellerin Frances Power-Cobbe geprägt wurde.
Nahtodforscher haben einen 12-Punkte-Katalog von Erfahrungen erstellt, die NTE-Betroffene immer wieder schildern, wobei kaum jemand alle erlebt. Zu ihnen zählen außerkörperliche Erfahrungen (AKEs), bei denen die eigene Reanimation außerhalb, oft von oben betrachtet wird. Teilweise erinnern sich die Betroffenen an das, was währenddessen im OP-Saal gesprochen wurde. Manche berichten von Begegnungen mit einem strahlenden Licht oder gar Lichtwesen. Einige machen die Erfahrung vollkommener Akzeptanz und bedingungsloser Liebe. Häufig berichtet werden auch Lebensschauen, bei denen die Betroffenen in den wenigen Minuten ihres klinischen Todes ihr ganzes Leben – wie bei einem Daumenkino – noch einmal durchleben, oft zusätzlich auch aus der Perspektive anderer. Wolfgang Knüll etwa erzählt unter Berufung auf die Nachrichtenagentur „Mohabat News“ von einem schwer verletzten IS-Kämpfer, den Dominikanermönche beim Räumen des Schlachtfeldes fanden und der nach seiner Genesung von einer schrecklichen Nahtoderfahrung berichtete. Statt des erhofften Paradieses musste er in seiner Lebensrückschau „sowohl alle Schmerzen erdulden, die er anderen zugefügt hatte, als auch die von ihm verübten Enthauptungen aus der Perspektive seiner Opfer und durch deren Augen erleben“. Andere berichten von einem Zustand der Allwissenheit oder einem Wissensraum, in dem sie auf alle Fragen eine Antwort erhielten. Viele nehmen eine Grenze wahr. Eine, die sie nicht überschreiten dürfen.
Das Leben danach: Ansehen und Besitz verlieren an Bedeutung
So angenehm Nahtoderfahrungen oft sind, so lange sie andauern, viele der Betroffenen stürzen sie in schwere Krisen. Kaum jemand kehrt gerne zurück. Viele treffen im Verlauf der Nahtoderfahrung auf eine Grenze. Manche erleben sie als Zaun, Tor, Graben oder Fluss. Anderen wird von Lichtwesen oder Verstorbenen mitgeteilt, dass sie nicht weitergehen dürfen, da es sonst kein Zurück mehr gäbe und sie noch Aufgaben zu erfüllen hätten. Bei anderen handelt es sich um ein instinktives Wissen: „Dann kam ich an eine Grenze. Selbst mir mit meinen zehn Jahren musste das niemand erklären. Mir war einfach klar, dass ich nie wieder zurückkehren könnte, wenn ich diese Grenze überschreiten würde“, zitiert Knüll einen tauben Jungen.
Ärzte wie Knüll oder van Lommel, die Patienten mit Nahtoderfahrungen erfolgreich reanimiert haben, sind sich einig: „Je intensiver und schöner das Nahtoderlebnis“ gewesen sei, „desto komplizierter“ werde es für die Betroffenen, „in die alte Welt zurückzufinden.“ Eine Nahtoderfahrung sei ein „zutiefst traumatisches Erlebnis“. Eines, das oft „zu lang anhaltenden depressiven Zuständen“ führe. Auch für das Umfeld sind sie oft schwer zu ertragen. Eine 1991 im „Journal of Near-Death Studies“ publizierte Langzeitstudie ermittelte eine Scheidungsrate von 70 Prozent.
Anders als bei durch Drogenkonsum ausgelösten erweiterten Bewusstseinserfahrungen führen Nahtoderfahrungen in der Regel zu einem nachhaltigen Lebenswandel. So gut wie alle Betroffenen verlieren die Angst vor Sterben und Tod. Ansehen, Besitz, Geld verlieren an Bedeutung. Viele wenden sich später sozialen Berufen oder Ehrenämtern zu. Dem Leben und der Pflege von Beziehungen wird ein weit höherer Stellenwert beigemessen.
Erlebte der heilige Paulus vor Damaskus eine Nahtoderfahrung?
Nahtodforscher wie Knüll betrachten sogar die Wandlung des Saulus zum heiligen Paulus als Paradebeispiel für die lebensverändernde Macht von Nahtoderfahrungen. „Nach Abwägung aller Argumente, gestützt auf medizinische Kriterien der Diagnostik und mit Blick auf die Lebensveränderung“ sei „das Damaskus-Erlebnis des Paulus mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Nahtoderfahrung einzustufen“.
Wie dem auch sei, Nahtoderfahrungen widersprechen der These, Bewusstsein sei ein Produkt des Gehirns. Die Schilderungen von NTE-Betroffenen, insbesondere die von Begegnungen mit Verstorbenen, von deren Tod sie unmöglich wissen konnten, sind ein starkes Indiz dafür, dass das Leben mit dem Tod nicht endet. Trotz aller Evidenz vermögen Nahtoderfahrungen den Glauben nicht zu ersetzen. Aber sie lassen ihn – anders als den Materialismus – vernünftig erscheinen.
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