Sonntagmittag im Pfarrsaal von St. Matthias in Berlin-Schöneberg. In dieser Pfarrei wirkte der spätere Kardinal von Galen von 1906 bis 1911 als Kaplan. Eine Reliquie des „Löwen von Münster“ hat in der Kirche einen Ehrenplatz. Etwa 60 junge Menschen, die meisten in ihren Zwanzigern, sind gekommen, um gemeinsam zu essen und Kontakte zu knüpfen. Viele haben erst vor Kurzem zum katholischen Glauben gefunden oder sind gerade erst getauft worden. Hier zeigt sich einer jener Aufbrüche, die derzeit fernab kirchlicher Gremien in Berlin entstehen.
Das Beisammensein beginnt mit einer Tischrede. An diesem Sonntag spricht Pater Marc-Stephan Giese SJ, Hochschulseelsorger in Potsdam, über „Mission“. Von Paulus über Bonifatius, Franz Xaver und Petrus Canisius: Die Kirchengeschichte „müsste eigentlich als Missionsgeschichte geschrieben werden“. Bereits 1941 habe Pater Ivo Zeiger darauf hingewiesen, dass Deutschland Missionsland geworden sei. „Wer das heute bestreiten wollte, gerade für unsere Stadt Berlin, der kennt die Zeiten nicht.“ Auch jene, die erst in den vergangenen Jahren zum Glauben gefunden hätten, seien berufen, Zeugnis abzulegen – „einladend, attraktiv, schön, Hoffnung und Freude verbreitend“.
Erster Schritt der Mission ist die Begegnung mit Christus
Wie es zu diesem Format kam, erläutern die Initiatoren Maximilian Koch und William Pick. „Uns wurde gesagt, es sei schwierig, mit Menschen, die man nicht kennt, ins Gespräch zu kommen. Es braucht einen Aufhänger, etwas, worüber man sprechen kann.“ Daraus entstand die Idee einer kurzen Tischrede zu Beginn. Pater Giese ergänzt: „Wir müssen auch auf die Straße gehen. Auch. Aber der erste Schritt von Mission ist nicht, sich senden zu lassen, sondern besteht in der Begegnung.“
Wer vom Glauben sprechen wolle, müsse selbst fest im Glauben stehen. Vor der Sendung der Jünger stehe die Begegnung mit Christus. Die erste Einladung laute deshalb: „Vertieft euch im Glauben. Begegnet Christus, dem Auferstandenen, und lasst euer Herz vom Heiligen Geist verwandeln.“ Nach dem Synodalen Weg sei im Erzbistum Berlin ein Synodal-Pastoralrat entstanden, der beschlossen habe, Evangelisierung bis 2030 als vorrangige Aufgabe des Erzbistums zu verwirklichen. „Jetzt ist die Zeit, auch in die Pfarreien zu gehen und zu sagen: Wir wollen da etwas machen.“
Ein Motorradunfall mit Konsequenzen
Entstanden ist die Initiative allerdings nicht in einer Pfarrei, sondern im Internet. „Discord ist vor allem als Plattform für Computerspiele bekannt“, erzählt Maximilian Koch. „Dort gibt es aber auch einen großen deutschsprachigen christlichen Server.“ Koch bietet dort Bibelstudien, tägliche Gebete und Gesprächsrunden an. In der Reihe „Aktualität des Christentums“ geht es etwa um Christenverfolgung, Meinungsfreiheit oder die Darstellung des Christentums in den Medien. Auf Discord lernte Koch William Pick kennen. Aus einem Gespräch bei einer Bibelstudie wurde später eine Einladung zur alten Messe in Berlin-Mitte. Für Koch fiel diese Begegnung in eine Zeit, in der er die katholische Kirche neu entdeckte.
Koch ist evangelisch aufgewachsen. Gebet, Kirchenbesuche und Bibellesen mit seiner Großmutter prägten ihn früh. In der Jugend verlor sich dieser Glaube. Erst Anfang dreißig kehrte die Frage zurück, ob ihm etwas fehle. Zugleich störte ihn, wie abwertend in manchen Milieus über das Christentum gesprochen wurde – als patriarchalisch, reaktionär oder rechtsextrem. Diese Ablehnung habe ihn dem Glauben wieder nähergebracht. Ein Schlüsselerlebnis war ein Motorradunfall im Jahr 2023 in Griechenland. Kurz zuvor hatte ihm ein jüdischer Freund geraten, sich eine Kreuzkette zu kaufen. Am nächsten Tag flog Koch aus einer Kurve.
„Gott ist da“
Als er den Kopf hob, stand direkt vor ihm ein Bus. Eine Sekunde später, sagt er, wäre er hineingefahren. In diesem Moment habe er gewusst: „Gott ist da.“ Danach begann er wieder in der Bibel zu lesen, organisierte Bibelstudien und fand den Weg aus dem Netz in die Kirche. „Da gab es in Neukölln einen ökumenischen Gottesdienst, organisiert von der evangelischen Kirche. Es war aber auch ein katholischer Pfarrer vor Ort, der sehr viel über die Bibel sprach – und nicht so viel über die Welt, wie ich es aus evangelischen Gottesdiensten kannte. Das hat mich beeindruckt. Die Ernsthaftigkeit, die ich da gespürt habe, kannte ich aus vom Beten mit meiner Oma. Da war es um mich geschehen. Dann gab es kein Zurück.“
Auch William Pick stammt aus einem evangelischen Umfeld. Während der Pandemie begann er, sich mit grundlegenden Lebensfragen zu beschäftigen. Katholische Freunde aus den USA brachten ihn auf diesen Weg. Nach Gesprächen mit Orthodoxen, Protestanten und Katholiken riet ihm schließlich jemand, eine lateinische Messe zu besuchen. Die erste Messe habe ihn „verzaubert“, sagt er. Von da an ging er jeden Sonntag hin. Später entschied er sich zur Konversion.
Das wirksamste Mittel bleibt der persönliche Kontakt
Aus wenigen Kontakten entstand ein Stammtisch. Anfangs gingen viele Besucher nach der Messe direkt nach Hause. Pick und andere wollten einen Ort schaffen, an dem man bleiben, essen, sprechen und einander kennenlernen kann. Beim ersten Treffen kamen sechs Personen. Freunde brachten weitere Freunde mit. Nach etwa einem halben Jahr waren es gut fünfzig Teilnehmer, beim größten Treffen mehr als achtzig.
So auch an diesem Sonntag. Die Tischrede ist beendet, an der langen Tafel entstehen Gespräche während des einfachen Mittagessens, das die jungen Leute selbst gekocht haben. Einige sind zum ersten Mal da. Wie sie davon erfahren haben? „Mich hat William eingeladen“, ist mehrfach zu hören. Das wirksamste Mittel bleibt der persönliche Kontakt. Genau darum geht es bei diesem Mittagstisch: Freundschaften unter Gleichaltrigen sollen entstehen, damit junge Menschen, die gerade zum Glauben gefunden haben, erfahren: „Ich bin nicht allein“.
Maximilian Koch und William Pick haben bereits Vorstellungen, wie sich die Gruppe weiterentwickeln kann – nicht in Richtung neuer Strukturen oder Gremien, sondern auf persönliche Weise. Nach dem gemeinsamen Mittagessen treffen sich manche zur Katechese, zum Bibelstudium oder zu einem Vortrag. Auch WhatsApp-Gruppen wurden eingerichtet, etwa um gemeinsam Sport zu treiben. Beiden ist bewusst, dass Katechese allein nicht ausreicht, weil viele neue Christen kaum Berührung mit einer christlichen Kultur hatten. Deshalb sollen auch Bildungsangebote entstehen: Museumsbesuche, Literatur- und Filmabende. Koch sieht hinter dem neuen Interesse am Glauben Einsamkeit und Enttäuschung über Politik und Institutionen. Gerade deshalb wachse die Sehnsucht nach Gott, Tradition und Gemeinschaft.
Der Autor ist freier Journalist und Übersetzer und lebt in Berlin.
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