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„Es gibt keine Leihmutterschaft light“

Anfang März veranstaltet die Aktion Lebensrecht für Alle den Internationalen Kongresses zur Leihmutterschaft. Warum eigentlich? Ein Gespräch mit der ALfA-Vorsitzenden Cornelia Kaminski.
Frau mit Babybauch und Dollarscheinen
Foto: Adobe Stock | Eigentlich ist Leihmutterschaft in Deutschland verboten, noch zumindest. Doch auch heute schon gibt es Möglichkeiten, das Verbot zu umgehen.

Frau Kaminski, die Aktion Lebensrecht für Alle richtet am 6. März in Berlin unter der Überschrift „Kinder und Kommerz“ einen internationalen Kongress zum Thema Leihmutterschaft aus. Sprechen wird dort mit Reem Alsalem auch die UN-Sonderberichterstatterin für Gewalt gegen Frauen und Kinder. Wie kam es dazu?

Die ALfA setzt sich seit einiger Zeit intensiv mit dem Thema Leihmutterschaft auseinander, wir haben einen eigenen Bereich auf unserer Webseite hierzu verlinkt. Wir verstehen uns als Menschenrechtsorganisation, der das Wohl von Frauen und Kindern am Herzen liegt. Leihmutterschaft ist damit nicht vereinbar, auch weil die Leihmutter sich fast immer vertraglich verpflichten muss, einer Abtreibung zuzustimmen, sofern die Bestelleltern das wünschen. Reem Alsalem beschreibt in ihrem Bericht an die UN-Generalversammlung Leihmutterschaft als Praxis, die von Ausbeutung und Gewalt gegen Frauen und Kinder geprägt ist. Sie kommt zu dem Schluss, dass Leihmutterschaft patriarchale Strukturen verstärkt, Frauenkörper instrumentalisiert und den Kinderwunsch wie ein Kaufinteresse behandelt, auf den ein Markt reagiert. Wir wollten mit Reem Alsalem bewusst eine unabhängige UN Expertenstimme einladen, die zeigt, dass die Kritik an Leihmutterschaft kein „Sonderweg“ der Lebensrechtsbewegung, sondern Teil einer breiten menschenrechtlichen Debatte ist. Wir sind sehr dankbar, dass sie sofort und ohne Zögern zugesagt hat.

Mit Olivia Maurel, Sprecherin der Déclaration de Casablanca, die vor drei Jahren im Le Figaro veröffentlicht wurde und mit der sich Experten aller Herren Länder seitdem für die weltweite Ächtung der Leihmutterschaft einsetzen, ist Ihnen ein weiterer Coup gelungen….

Die ALfA ist die einzige deutsche NGO, die die Déclaration de Casablanca unterschrieben hat. Der Verabschiedung habe ich online beigewohnt. Von daher bestand von Anfang an ein guter Kontakt zu „Casablanca“, auch zu Olivia Maurel. Zuletzt haben wir uns bei einer Tagung zur Leihmutterschaft im Oktober getroffen – und dabei entstand die Idee zu diesem Kongress. Unser Ziel war von Anfang an, sachlichen Informationen ebenso zum Durchbruch zu verhelfen wie der persönlichen Betroffenheit derjenigen, die in allen Debatten zur Leihmutterschaft so gut wie nie gehört werden: die bestellten Kinder. Olivia Maurel ist ein solches Kind und war von der Idee eines Kongresses sofort begeistert. Sie ist eine unglaublich beeindruckende junge Frau, die sich dem Einsatz gegen diese Menschenrechtsverletzung voll und ganz verschrieben hat.

Wen wollen Sie mit dem Kongress erreichen? Politiker? Die Hauptstadtpresse?

Idealerweise beide. Leihmutterschaft ist zwar in Deutschland verboten, und das Europäische Parlament hat Leihmutterschaft verurteilt, aber: Auf Messen wie „Men Having Babies“ wird ganz unverhohlen auch in Deutschland dafür geworben. Und mit dem europäischen Elternschaftszertifikat hat die EU ein Instrument vorgelegt, mit dem de facto das Verbot von Leihmutterschaft in den einzelnen Staaten ausgehebelt werden würde: Ist die Elternschaft in einem Land anerkannt, in dem Leihmutterschaft legal ist, muss sie auch in den anderen Mitgliedstaaten anerkannt werden. Noch ist dieses Zertifikat nicht verabschiedet, weil es auf Widerstand einiger Länder stößt. Diesen Widerstand wünsche ich mir auch von Deutschland. Deswegen ist es so wichtig, Politiker sachlich zu informieren. Die EU verfährt hier wie so oft: Politischen Entscheidungsträgern wird Sand in die Augen gestreut. Eine gute Sache, wie die bürokratiearme Anerkennung von Elternschaft in Zeiten großer Flüchtlingsbewegungen, wird von ein paar Ideologen ausgenutzt, um die eigene Agenda zu befördern – die dann gar nicht mehr gut ist. In ihrem Bericht fordert Alsalem die Staaten auf, auf eine rechtlich verbindliche internationale Ächtung aller Formen der Leihmutterschaft hinzuarbeiten und insbesondere Vermittler, Agenturen und Käufer zu adressieren, nicht die Leihmütter selbst. Genau diese Perspektive – Schutz der Frauen und Kinder, Bekämpfung eines globalen Marktes – soll auf unserem Kongress konkret diskutiert werden. Wir wollen also sowohl die Hauptstadtpresse für das himmelschreiende Unrecht sensibilisieren, das Leihmutterschaft bedeutet, als auch ganz konkret Politiker informieren und zum Handeln bewegen.

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Quasi zeitgleich mit dem Kongress findet in Berlin die Messe „Wish for a Baby“ statt, auf der in Deutschland verbotene Leihmutterschafts-Arrangements beworben werden. Ein Zufall?

Nein, das ist kein Zufall. Wir haben diesen Termin ganz bewusst gewählt, um gegen diese Messe ein Zeichen zu setzen. Dort bieten unter anderem georgische und afrikanische Agenturen die Dienste ihrer Leihmütter an. Schon jetzt kann man online mit diesen Agenturen einen „Beratungstermin“ vereinbaren. Bei der letzten „Wish for a Baby“ in Köln war ein ALfA-Mitglied für uns undercover unterwegs und hat berichtet, was ihm dort angeboten wurde. Die Leihmütter kommen aus armen Ländern wie Kasachstan, Usbekistan, der Ukraine und fliegen für den Embryonentransfer nach Zypern, wo sie unter Aufsicht drei Monate bleiben müssen. Auf die Frage, wie viele Kinder die Firma hat austragen lassen, antwortete der Vermittler „Viele Tausend“. In den letzten fünf Jahren sei der Markt in Deutschland „explodiert“. Das ist ein Geschäft mit der Sehnsucht, bei dem Frauen und Kinder auf der Strecke bleiben. Ihnen wollen wir mit unserem Kongress eine Stimme geben.

Sie haben jetzt den Frühbucherrabatt für den Kongress verlängert. Können wir daraus schließen, dass die Anmeldungen weniger zahlreich als erhofft eintrudeln?

Keineswegs. Mit der ursprünglich angedachten Teilnehmerzahl wäre der Kongress jetzt schon fast ausgebucht. Wir haben daher aufgestockt auf die maximal mögliche Anzahl von Teilnehmern, weil das Interesse wirklich groß ist – und dann den Frühbucherrabatt noch einmal verlängert, um möglichst vielen die Teilnahme am Kongress noch zu ermöglichen, gerade auch jungen Menschen, die zusehends werteorientierter denken und bereit sind, sich zu engagieren.

Rechnen Sie mit Protesten aus dem LGBTQ-Lager? Und falls ja, wie bereiten Sie sich darauf vor?

Mit Protesten muss man in Berlin immer rechnen. Aber: Bislang ist es auch dem Bundesverband Lebensrecht immer gelungen, seine Fachtagungen in Berlin ohne Störaktionen der Szene durchzuführen. Ich gehe daher nicht davon aus, dass wir in unseren Tagungsräumen behelligt werden. Wir werden aber vorsorglich ein internes Team zusammenstellen, das vorbereitet ist und schnell reagieren kann. Dieser Kongress ist etwas ganz Besonderes. Wir haben ja zwei bekennende Feministinnen als Referentinnen eingeladen, mit denen wir in anderen Fragen – zum Beispiel Abtreibung – nicht auf einer Linie liegen. Uns allen ist aber klar: Es geht hier wirklich um die Würde und Rechte der Frauen und Kinder. Da gilt es, auch unwahrscheinliche Allianzen zu schmieden, um das gemeinsame Ziel zu erreichen. Überhaupt bin ich davon überzeugt, dass wir durchaus gemeinsame Ziele entdecken würden – warum nicht auch mit der LGBTQ-Bewegung –, wenn wir mehr in Ruhe miteinander reden würden.

Wenn Sie es sich aussuchen könnten, was wäre das Signal, das von dem Kongress ausgehen sollte?

Wenn ich zwei Signale benennen darf: Erstens – Es gibt keine „Leihmutterschaft light“ nur für „besonders Bemitleidenswerte“, genauso wenig wie es jemals „Sklaverei light“ für besonders bedürftige Plantagenbesitzer gab. Das Wesen der Sklaverei ist nicht, dass es dem Sklaven schlecht geht, sondern dass er der unmittelbaren und totalen Verfügung seines Herrn ausgesetzt ist. So geht es den Leihmüttern. Diese Auffassung teilt eine breite, internationale Gemeinschaft aus gut informierten Menschen. Ein zweites Signal: Die ALfA informiert auf hohem Niveau zu den entscheidenden bioethischen Fragen unserer Zeit. Der umfangreiche Kongressband, den wir herausgeben, ist ein weiterer Beleg dafür. Wir laden ein im Herzen der Hauptstadt – weil in Zeiten, in denen vor Desinformation im Internet gewarnt wird, ein offenes Diskussionsforum mit Fachleuten der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen kann. 

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