Markus Hoffmann ist Entwicklungspsychologe, Sexualberater und praktischer Theologe. Er leitet das Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung (IdiSB) und die Gemeinschaft „Bruderschaft des Weges“. Im ersten Teil des Interviews spricht er über die Anfänge seiner Arbeit, frühere Vorstellungen zur Veränderbarkeit homosexueller Empfindungen und den Vorwurf der Konversionstherapie.
Sie leiten die „Bruderschaft des Weges“. Was ist das für eine Gemeinschaft?
Wir sind katholische und evangelische Männer, die ihre Sexualität als konflikthaft erleben. Die meisten haben einen gleichgeschlechtlichen Hintergrund, aber wir wollen diese Neigung nicht ausleben. Allerdings geht es in dem, was uns bewegt, kaum um die eigene Sexualität. Vielmehr hat sich bei uns die Persönlichkeit, das Empfinden des eigenen Mannseins, die Beziehungsfähigkeit, der Umgang mit unseren Stärken und Schwächen nicht reif entwickeln können. Die Bruderschaft will ein Ort sein, in dem wir uns zum gegenseitigen Wachstum ermutigen.
Wie ist die Gemeinschaft entstanden?
Die Ursprünge liegen weit zurück in einer Selbsthilfegruppe und der Erfahrung, dass wir in der Seelsorge keine Hilfe erfuhren und wir uns im Erleben unserer sexuellen Orientierung nicht verstanden fühlten. Wir hatten immer den Eindruck, es geht nur darum, dass die Homosexualität „einfach“ irgendwie verschwinden muss. In der Selbsthilfegruppe haben wir schnell gemerkt, wie wichtig das gemeinsame Unterwegssein ist: einander verstehen, sich ehrlich machen und im Glauben Vergebung und Hoffnung erleben. Aus dieser Selbsthilfegruppe entstand später der Verein Wüstenstrom, aus dem das heutige Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e. V. (IdiSB) hervorging. Damit wurde aus der Selbsthilfe eine professionelle Seelsorge- und Beratungsarbeit.
Im Rahmen dieser Arbeit entstand auch die „Reise zum Mannsein“, eine zweieinhalbjährige therapeutische Seminarreihe, die Männern helfen soll, ihre Konflikte rund um Sexualität und Männlichkeit zu verstehen, die oft tief in der Persönlichkeit verwurzelt sind. Die Teilnehmer lernen, die Konflikte und ihre Auslöser im Alltag wahrzunehmen und ihnen mit konkreten Mitteln zu begegnen. Die erste Gruppe wollte die Reise fortsetzen, weil solche Identitätskonflikte nicht über Nacht verschwinden. Zudem hatten die Männer den Wunsch nach einem Ort, an dem sie mit ihrem Wunsch, ihre gleichgeschlechtliche Orientierung nicht auszuleben, ernst genommen werden. Daher fragten sie: Warum schließen wir uns nicht als Gemeinschaft zusammen? Also haben wir versucht, die Struktur dieser Reise auf eine überregionale Gemeinschaft zu übertragen. Daraus ist schließlich die Bruderschaft entstanden. Heute haben wir über 30 Mitglieder.
Die Bruderschaft ist also aus Wüstenstrom hervorgegangen?
Ja. Sie war zunächst Teil dieser Arbeit. Später haben wir sie bewusst als eigenen Verein ausgegliedert. Denn die Bruderschaft und Wüstenstrom, beziehungsweise heute das IdiSB, haben unterschiedliche Aufgaben. Das IdiSB bietet Beratung an und muss dabei ergebnisoffen sein. Die Bruderschaft dagegen ist eine geistliche Gemeinschaft von Männern, die sich entschieden haben, ihre gleichgeschlechtliche Orientierung nicht auszuleben.
Sie selber waren in der ursprünglichen Selbsthilfegruppe, weil Sie homosexuell empfanden …
Genau. Ich habe im Kindergarten andere Jungs idealisiert, weil ich mich selbst nicht aushalten konnte. Wenn ich mir in der Fantasie vorgestellt habe, ein anderer zu sein, ging es mir besser. Mit der Pubertät ist das dann sexuell geworden. Später hatte ich sehr abhängige Beziehungen zu Männern. Lange wollte ich diese Idealisierung allein für mich überwinden; aber erst, als ich mich wieder einmal mitten in einer abhängigen Beziehung befand, gelang es mir, das Trauma, das zu meinem Selbsthass geführt hat, zu überwinden – und damit auch die Idealisierung. Bei mir hat dies zu einem starken Abklingen der homosexuellen Impulse geführt.
Sehen Sie diesen Zusammenhang zwischen Selbsthass, der Idealisierung anderer Männer und homosexuellen Impulsen als allgemeines Erklärungsmodell für Homosexualität?
Nein. Ich rede dabei über mich. Bei anderen Menschen kann das anders sein. Die Lösung tiefsitzender Konflikte in der Identität erhöht die Lebensqualität. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass sich die sexuelle Orientierung verändert.
Das wurde bei Wüstenstrom früher teilweise anders gesehen. Kritiker rechnen die Organisation der sogenannten Ex-Gay-Bewegung zu und warfen ihr Konversionstherapien vor.
Wir haben nie Konversionstherapien angeboten. – Viele von uns hatten vielmehr, bevor wir uns in der Selbsthilfegruppe zusammenfanden, selbst Konversionsbehandlungen durchlaufen und erlebt, dass diese Versuche gescheitert waren. – Richtig ist aber, dass unsere Haltung zur Veränderbarkeit homosexueller Empfindungen am Anfang eine andere war als heute. Unsere Ausgangserfahrung war diese kleine Selbsthilfegruppe: Viele von uns hatten neben homosexuellen auch heterosexuelle Impulse und erlebten ihre Sexualität im Zusammenhang mit persönlichen Konflikten. Einige erlebten Veränderungen. Wir waren damals jung und haben daraus geschlossen: Wenn das bei uns möglich ist, könnte es vielleicht grundsätzlich auch bei anderen möglich sein.
Mit der Zeit mussten wir unsere Vorstellungen korrigieren. Wir haben gesehen: Auch wenn ein Mensch psychische Konflikte löst, heißt das keineswegs, dass seine gleichgeschlechtliche Anziehung verschwindet. Sexualität ist viel komplexer. Diesen Lernprozess haben wir auf der Internetseite des IdiSB auch öffentlich dargestellt. Es gibt aber Menschen, bei denen sich sexuelle Anziehung verändert. Von solchen Veränderungen berichten auch Schwulen- und Lesbenorganisationen, Kliniken und Ärzte; auch in der Forschung werden solche Veränderungen beschrieben. Dabei ist die sexuelle Orientierung bei Männern grundsätzlich stabiler als bei Frauen; bei Frauen werden Veränderungen häufiger beobachtet.
Was bedeutet das für Ihre heutige Beratung innerhalb des IdiSB?
Eine gezielte Veränderung der sexuellen Orientierung kann kein Beratungsziel sein. Wir können psychische Konflikte bearbeiten, die ein Mensch – ob er nun homo- oder heterosexuell ist – mitbringt: etwa wenn jemand den sexuellen Kontakt mit einem anderen braucht, um sein eigenes Selbstgefühl zu stabilisieren, oder wenn Probleme der Bindungsfähigkeit oder Affektregulierung in die Sexualität verlagert und dort ausgetragen werden. Oder wenn sexuelles Verhalten suchtartige Züge annimmt und den Alltag, die Gesundheit oder die wirtschaftliche Situation beeinträchtigt. Manche Menschen kommen auch mit moralischen Fragen: Wie will ich meine Sexualität leben? Wieder andere leiden unter sogenanntem Minderheitenstress, etwa weil sie in ihrer christlichen Gemeinde mit niemandem über ihre homosexuellen Empfindungen sprechen können und Ablehnung fürchten. Hier machen wir eine Sozialberatung. Aber wir können keine sexuelle Orientierung „behandeln“. Das halten wir auch schriftlich fest. In unserer Beratungsvereinbarung steht ausdrücklich, dass wir keine Konversions- oder Reorientierungstherapie anbieten, keine Veränderung der sexuellen Orientierung versprechen und dass das Ergebnis der Beratung offen ist.
Wenn ein Ratsuchender hofft, seine homosexuellen Empfindungen könnten durch die Bearbeitung anderer Konflikte verschwinden: Wie verhindern Sie, dass dies zur unausgesprochenen Erwartung wird?
Indem wir genau diesen Elefanten im Raum ansprechen. Wir fragen: Mit welcher Erwartung kommst du hierher? Erwartest du, dass wir deine sexuelle Orientierung verändern können? Wir sagen den Klienten immer und immer wieder, dass unsere Beratung ergebnisoffen ist. Wir können Konflikte anschauen und bearbeiten – mehr nicht. Außerdem ziehen wir regelmäßig Bilanz. In unserer Beratungsvereinbarung ist etwa halbjährlich ein Auswertungsgespräch vorgesehen. Dabei schauen Berater und Ratsuchender gemeinsam: Wo stehen wir? Woran arbeiten wir eigentlich? Welche Erwartungen bestehen an die Lösung? Und ist unsere Beratung weiterhin der richtige Ort oder wäre beispielsweise eine Psychotherapie sinnvoller?
Das heißt umgekehrt auch: Ein homosexuell lebender Mensch könnte zu Ihnen kommen, obwohl seine Lebensentscheidung Ihrer persönlichen Sexualethik widerspricht?
Genau. Manche mögen das unmoralisch finden und uns vorwerfen, damit zur Sünde zu verführen. Aber als beratende Organisation begleiten wir Menschen – das ist unser Auftrag. Und wir sind einer der wenigen Orte, an denen Menschen überhaupt über diese Themen sprechen können. Deshalb kommen auch immer wieder homosexuell lebende Menschen zu uns oder solche, die eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft suchen. Manche sagen ausdrücklich, sie hätten sich für uns entschieden, weil sie den Eindruck hätten, dass wir differenzierter auf ihre Situation schauen und auch Konflikte ernst nehmen, über die sie mit anderen Therapeuten nicht sprechen konnten.
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