Kindertagesstätten werben mit Aushängen für freie Plätze; junge Eltern erwarten nicht mehr lange Wartelisten, sondern Einrichtungen, die um Kinder als Mangelware konkurrieren. Was Eltern vor wenigen Jahren paradiesisch erschienen wäre, wird in immer mehr Kommunen zu einer Dystopie: Kindertagesstätten werden geschlossen, während zugleich Neubauten fertig gestellt werden, die mangels Kinder immer häufiger leer bleiben.
Allein in Berlin hat sich die Zahl unbesetzter Kitaplätze in den letzten beiden Jahren verdoppelt, mittlerweile sind es nach Angaben des Berliner Senats rund 20 .000. Dieser erklärt dazu, dass seit 2022 deutlich weniger Kinder geboren werden, während das „Platzangebot in den vergangenen Jahren konsequent ausgebaut“ wurde. Ein solches prozyklisches Agieren macht nicht den Eindruck vorausschauender Planung. Trotz der Überkapazitäten werden noch immer mehr Betreuungsplätze gefordert.
Rückgang wird sich fortsetzen
So behauptet das Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass in Westdeutschland hunderttausende Betreuungsplätze fehlten. Allein in Nordrhein-Westfalen sollten es 85.000 Plätze sein. Tatsächlich meldeten die Jugendämter in Nordrhein-Westfalen 2026 jedoch rund 17.000 Plätze weniger als im Vorjahr. Als Folge des Geburtenrückgangs sinkt bundesweit die Zahl der in Krippen betreuten Kinder wieder, nachdem sie 2023 mit 866.000 Kindern einen Höchststand erreicht hatte. Der Rückgang wird sich fortsetzen, denn im Jahr 2025 war die Geburtenzahl rekordniedrig. Die bisherigen Monatszahlen für 2026 sprechen für einen weiteren Geburtenrückgang.
Im Vergleich zum Jahr 2021 ist die Geburtenzahl bundesweit etwa um ein Fünftel gesunken. Einen solch drastischen Rückgang der Kinderzahlen können steigende Betreuungsquoten nicht mehr ausgleichen. Aber das wollen manche nicht wahrhaben. So verkündet die Evangelische Kirche Bremens als Reaktion auf unbesetzte Kitaplätze: Alle Kinder in die Kita – möglichst früh.
Eine solche „Institutionen-Kindheit“ ist in Ostdeutschland seit langem die Norm: Rund 60 Prozent der Kinder unter drei Jahren werden in Ländern wie Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt institutionell betreut. Im Vergleich dazu erscheint die Betreuungsquote in Westdeutschland mit 35 Prozent noch vergleichsweise niedrig. Aber der Eindruck täuscht, denn die Quote bezieht sich auf alle Kinder unter drei Jahren, auch auf die unter Einjährigen.
Deren häusliche Betreuung wird durch das Elterngeld unterstützt, weshalb der Rechtsanspruch auf Betreuung ab dem ersten Geburtstag des Kindes greift. Das bedeutet: Schon im zweiten Lebensjahr und erst recht im dritten wird auch in Westdeutschland die große Mehrheit der Kinder institutionell betreut. Einen Kindergarten besuchen ohnehin längst fast alle Kinder. Im Alter von drei bis sechs Jahren erreicht die Betreuungsquote in Westdeutschland 95 Prozent und in Ostdeutschland mehr als 98 Prozent.
Deutliche Unterschiede gibt es in der Ganztagsbetreuung, die im Westen noch weniger verbreitet ist als im Osten. Dass Kinder von klein auf in öffentlichen Einrichtungen aufwachsen, ist in Ostdeutschland seit DDR-Zeiten die Norm. In Westdeutschland war noch vor 20 Jahren die Erziehung von Kleinkindern in der Familie üblich. Nur wenige Kinder wurden in Krippen betreut. Auch ganztägige Kindergartenbetreuung war die Ausnahme.
Ziel war Paradigmenwechsel in Westdeutschland
Es war das erklärte Ziel von Ursula von der Leyen als Bundesfamilienministerin (2005–2009), einen Paradigmenwechsel in Westdeutschland durchzusetzen. Mit welchem Eifer dieser Gesellschaftsumbau betrieben wurde, zeigen die vom Statistischen Bundesamt dokumentierten Ausgaben für Tageseinrichtungen, die von etwa 11 Milliarden Euro in den Jahren um 2006 auf mittlerweile mehr als 50 Milliarden Euro explodiert sind. Die Beschäftigtenzahl in der Tagesbetreuung hat sich auf rund 800 000 mehr als verdoppelt. Die Betreuungsexpansion ist ein wesentlicher Grund dafür, dass mehr Menschen als je zuvor in Deutschland im öffentlichen Dienst arbeiten.
Es widerspricht jeder Logik, einen Ausbau der Kinderbetreuung und zugleich einen „schlankeren Staat“ zu fordern. Arbeitgebernahe Einrichtungen wie das IW stört dieser Widerspruch nicht, wenn sie ihre „Studien“ vorstellen. Medien verbreiten solche Studien gerne, um Kinderbetreuung als ein Allheilmittel der Gesellschaftspolitik anzupreisen: Altersarmut von Frauen, Kinderarmut, Bildungs- und Integrationsprobleme, niedrige Geburtenraten: All diese Probleme sollen durch Kinderbetreuung bekämpft werden. Auf diese Weise werden alle Ausgaben für Kinderbetreuung zur „Investition“ deklariert, die „Rendite“ bringen würde. So unterbleibt eine nüchterne Kalkulation von Kosten und Nutzen des Betreuungsausbaus. Die Kinder- und Jugendhilfeausgaben steigen so immer weiter, während Investitionen in Brücken, Straßen und Schienen lange vernachlässigt wurden.
Der Kindermangel zwingt nun zu mehr Realismus. Zwar wird gefordert, den Rückgang der Kinderzahl zur Verbesserung des Betreuungsschlüssels zu nutzen. Aber angesichts eines Rückgangs der Jahrgangsstärken um mehr als ein Drittel, wie er in Ostdeutschland zu verzeichnen ist, werden langfristig weniger Erzieher und auch weniger Lehrer gebraucht werden. Denn spätestens in 30 Jahren folgt der nächste Geburtenrückgang, weil es weniger Eltern gibt. Schmerzhafte Entscheidungen über Kindertagesstätten, Schulen und letztlich die Zukunft vieler Dörfer und Städte stehen an.
Der Autor ist Politikwissenschaftler und promovierte zum Thema: „Gesellschaft ohne Kinder. Woran die neue Familienpolitik scheitert“.
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