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Der Mensch ist mehr als seine Herkunft

Schwierige Kindheit? Eine Entwicklung zu emotionaler und psychologischer Reife ist immer noch möglich.
Familie beim Kiting
Foto: Imago/ingimage | Das prägendste Kriterium für die gelingende Reife eines Menschen sind seine ersten Beziehungen. Doch die gute Nachricht ist: Es ist nie zu spät.

Wer kennt ihn nicht, den Mann in den Vierzigern, der beruflich glänzend dasteht, jedoch gereizt oder beleidigt reagiert, sobald ihm jemand widerspricht. Oder die hilfsbereite Kollegin, die bekannt dafür ist, tüchtig und zuverlässig zu arbeiten, aber unfähig, Verantwortung für Fehler zu übernehmen, ohne sofort andere zu beschuldigen. Bei beiden handelt es sich um Erwachsene, die – aus welchen Gründen auch immer – noch nicht ihre altersgemäße Reife entwickelt haben. Denn Reife vollzieht sich nicht zwangsläufig mit zunehmendem Alter, sondern in Abhängigkeit von den hierfür erforderlichen Bedingungen. Das prägendste Kriterium für die gelingende Reife eines Menschen sind seine ersten Beziehungen. Zwar entscheiden sie nicht endgültig über sein Leben, doch sie beeinflussen maßgeblich, inwieweit eine emotionale und psychologische Reife herangebildet werden kann.

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Wir sind Bindungsgeschöpfe. Die Qualität unserer engsten Beziehungen hat einen kaum zu überschätzenden Einfluss darauf, ob und wie diese Reifeentwicklung voranschreitet und sich unser menschliches Potenzial verwirklichen kann. Dieses Potenzial besitzt jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Begabung oder den Belastungen seiner Kindheit. Und je mehr es sich entfaltet, desto eher können auch die individuellen Begabungen zur Geltung kommen. Wer beispielsweise musikalisch, analytisch oder sportlich begabt ist und durch seine menschliche Reife Fähigkeiten wie Durchhaltevermögen, Disziplin, Willenskraft und Opferbereitschaft besitzt, wird seine Begabung am ehesten erfolgreich einsetzen und ausleben können.

Geborgenheit bringt das Nervensystem zur Ruhe

Doch was braucht es, damit dieser Reifeprozess gelingt? Entscheidend ist die sichere Bindung eines Kindes an seine verantwortlichen und fürsorglichen Hauptbezugspersonen – meist seine Eltern.
Wächst ein Kind in einem solchen Beziehungskontext auf, kann es sich gesund entwickeln und eine reife Persönlichkeit heranbilden. Es kann zu einem – auch digital – mündigen Bürger heranwachsen, zuversichtlich, belastbar, verantwortungsbewusst, empathisch und integrationsfähig. Seine ausgereiften Bindungsfähigkeiten bilden die besten Voraussetzungen, um ein erfülltes Leben in tragfähigen Beziehungen zu führen: zu sich selbst, zu den Mitmenschen und zu einem personalen Gott.

Ein Kind erlebt Bindungssicherheit, wenn seine Bindungsbedürfnisse gestillt werden. Erst diese Geborgenheit versetzt das Nervensystem in den Ruhemodus – die Voraussetzung jeder Reifung. Man kann es sich vorstellen wie bei einem Kind, das erst dann entspannt mit seinen Bauklötzen spielen oder tief schlafen kann, wenn es weiß, dass die Mutter oder der Vater in Reichweite ist. Beides ist wichtig, denn Spiel, Ruhe und der ungehinderte Zugang zu den eigenen Gefühlen bilden die drei nicht weiter reduzierbaren Grundbedürfnisse eines Menschen. 
Fehlt diese Bindungssicherheit, bleibt das Kind im „Arbeitsmodus“. All seine psychische Energie wird darauf verwendet, die lebenswichtige Bindung herzustellen oder zu sichern, statt in seine Entwicklung zu fließen. Es kann nicht zur Ruhe kommen, und es kann nicht spielen. Gemeint ist an dieser Stelle das vergnügliche Spiel um des Spielens Willen. Doch das ist lebensnotwendig, denn gerade im Spiel werden die Problemlösungsnetzwerke im Gehirn programmiert; das bedeutet: Hier geschieht Gehirnwachstum. Und nicht, wie häufig angenommen wird, durch möglichst viel Input, Stimulation und Informationen. Auch erlebt ein Kind im Spiel seine eigene Wirkmächtigkeit; hier wird die Voraussetzung für emotionale Gesundheit grundgelegt. Diese Art von Spiel – ein grundlegendes Element unserer Kultur – ist heute ernsthaft bedroht. Weder die Philosophie noch die bildende Kunst, Dichtung, Wissenschaft und Recht hätten sich ohne Spiel entwickelt. (Auch) aus diesem Grund ist es Aufgabe der Eltern, diese Bindungsarbeit zu übernehmen.

Daraus ergibt sich die spannende Frage: Was geschieht, wenn diese Voraussetzungen in der Kindheit fehlen? Die gute Nachricht lautet: Es ist nie zu spät. Reifung setzt zwar bestimmte Bedingungen voraus, doch sie vollzieht sich immer spontan. Sobald die hierfür günstigen Voraussetzungen bereitgestellt werden, wird die zuvor blockierte Entwicklung weitergehen – wie Wasser, das bergab fließt, sobald es die Gelegenheit dazu bekommt.

Wie viele Kinder diese Voraussetzungen entbehren, lässt sich an der steigenden Zahl unreifer Erwachsener in unserer Gesellschaft ablesen. Der international renommierte klinische Entwicklungspsychologe und Bindungsforscher, Prof. Gordon Neufeld (Vancouver, B.C.) spricht in seinem in 40 Sprachen erschienenen Bestseller „Unsere Kinder brauchen uns!“ von einer Pandemie der Unreife. Und vermutlich hat jeder schon Erwachsene erlebt, die wie eingangs beschrieben, impulsiv reagieren, im Schwarz-Weiß-Denken verhaftet sind oder Verantwortung scheuen. Menschen, die Diskussionen abbrechen, sobald sie sich infrage gestellt fühlen, oder bei Konflikten reflexhaft die Schuld ausschließlich bei den anderen suchen.

Bedingungen für den Reifeprozess

Älter werden wir mit zunehmenden Lebensjahren von selbst, reifer nicht.
Gleichzeitig können wir erleben, dass wir einem einst impulsiven Menschen wiederbegegnen und von seiner Ausgeglichenheit und seinem Verantwortungsbewusstsein überrascht werden. Was ist geschehen? Ganz offenbar sind ihm inzwischen die Voraussetzungen bereitgestellt worden, die seine Reifung ermöglichten.

Welche Bedingungen sind das? Vertrauensvolle Beziehungen und „weiche Herzen“ – also ein ungehinderter Zugang zur eigenen Gefühlswelt. Gefühle sind der Motor der Entwicklung. Zunächst sichern sie unser Überleben: Sie bewegen uns zu trinken, zu essen, zu schlafen oder Gefahren auszuweichen. Erst darauf aufbauend fördern sie unsere emotionale und psychologische Entfaltung – bis hin zur Tugendbildung.
So erwächst zum Beispiel Mut aus kognitiver Dissonanz – also aus dem gleichzeitigen Empfinden widerstreitender Gefühle. Wer sich einer Operation unterzieht, einen schweren Konflikt anspricht oder öffentlich für eine unpopuläre Überzeugung eintritt, empfindet in diesem Moment zugleich Furcht und Zuversicht. Erst wer Gefahr und Zuversicht gleichzeitig fühlen kann, vermag mutig zu handeln. Wer Gefahr nicht oder nicht mehr fühlen kann, wird nicht mutig, sondern leichtsinnig.

Diese Gefühle bedürfen unseres Schutzes, damit sie nicht verloren gehen. Der Mensch verfügt über eine Art inneres Frühwarn- und Schutzsystem für seine Bindungen, das ihn vor überwältigenden seelischen Verletzungen bewahrt. Werden die Verletzungen zu groß, wird dieses System den Zugang zu den eigenen Gefühlen zunehmend dämpfen oder sogar versperren. Dadurch wird der Mensch befähigt, in einem verwundenden Umfeld zu funktionieren. Die ersten Gefühle, die nicht mehr gefühlt werden können, sind Traurigkeit, Scham und Empathie. Auch die Fähigkeit zu weinen nimmt ab oder verschwindet ganz. Der Preis dieses Schutzes ist hoch, denn durch den Verlust der Gefühle wird die Reifung ausgebremst oder sogar blockiert. Wenn Traurigkeit nicht mehr gefühlt werden kann und Frustration keinen angemessenen Ausdruck findet, bahnt sie sich ihren Ausgang im Gewand der Aggression. 

Wie können Eltern ihrem Kind ermöglichen, in Bindung zu ihnen zu „fallen“ und in ihr zu ruhen? Das geschieht instinktiv, wenn sie in liebevoller und in glaubwürdiger Weise ihr Angebot nach Nähe und Zuwendung größer machen als die Nachfrage seitens des Kindes, und wenn sie ihm ermöglichen, sich bedingungslos in ihrer Gegenwart willkommen zu fühlen. 

Gottes bedingungslose Liebe kann heilen

Ein Kind sollte nie den Eindruck gewinnen, sich Liebe oder Zugehörigkeit verdienen zu müssen – weder durch Leistung noch durch gutes Benehmen oder andere Erwartungen. Auch sollte es nicht für die Gefühle der Erwachsenen verantwortlich gemacht werden. Und natürlich sollten Eltern nicht die Quelle für Verletzungen sein. Entscheidend ist, Verhalten und Beziehung voneinander zu trennen: Ein Kind, das etwas falsch gemacht hat, darf dennoch nie daran zweifeln müssen, geliebt zu sein. Nur wer sich seiner Bindung sicher ist, kann spielen, schlafen und sich entwickeln. Ausnahmen unter extremem Stress, die hier nicht näher behandelt werden können, ändern an diesem Grundsatz nichts.

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Bindungssicherheit ist der Schlüssel zu gesunder Reifung – und damit auch zu Bildungsfähigkeit und Bildungsinteresse. Erwachsene, die nicht das Glück hatten, in heilen Beziehungen aufzuwachsen, können dennoch eine reife Persönlichkeit heranbilden. Sobald sie sich glücklich verlieben oder einen guten Freund oder eine gute Freundin finden, die reif und verantwortlich ist, bei denen sie sich verstanden und angenommen fühlen, wird die Entwicklung wieder einsetzen und weitergehen.
Dasselbe gilt für den Glauben, und hier liegt für viele Menschen sogar der eigentliche Schlüssel: Wer in einem liebenden Gott Halt findet und in der Beziehung zu ihm wächst, kann eine Zuwendung erleben, die nicht an Bedingungen geknüpft ist und die keine menschliche Beziehung in gleicher Weise leisten kann. In dieser bedingungslosen Annahme kann ein Mensch die Geborgenheit erfahren und die innere Ruhe finden, die Reifung erst ermöglicht – selbst dann, wenn ihm diese Erfahrung in seinen menschlichen Beziehungen bislang verwehrt geblieben ist.
Die Herkunft eines Menschen bestimmt sein Leben nicht unwiderruflich. Er bleibt lebenslang ein Wesen mit Entwicklungspotenzial – solange ihm Beziehungen begegnen, in denen Vertrauen, Geborgenheit und Verantwortung wachsen können.


Die Autorin ist Neufeld-Kursleiterin, Gründerin der Initiative „Gipfel der Herzensbildung“, Leiterin der Entwicklung für die KHKT Stiftung und Buchautorin.

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