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Wie ist Hingabe wieder möglich, wenn ich von meinem Mann betrogen wurde?

Ein Ehebruch ist die heftigste Erschütterung der ehelichen Intimität. Vergebung und Vertrauen benötigen daher Zeit.
Betrogene Ehefrau
Foto: AntonioGuillem via imago-images. (www.imago-images.de) | Tut weh: Ehebruch.

Diese Kolumne befasst sich regelmäßig mit Fragen zu Sexualität und Partnerschaft. Am Schluss des Textes können Sie anonym Ihre Fragen einreichen.


Wer so fragt, hat die gemeinsame Zukunft noch nicht aufgegeben. Vielleicht sind da noch Liebe und Hoffnung – aber auch eine tiefe Verletzung. Die Betrogene darf wahrnehmen, dass sie selbst und das gemeinsame Wir beschädigt wurden. Fragen drängen sich auf: Bin ich nicht genug? Warum habe ich es nicht gemerkt? Gibt es noch mehr, das ich nicht weiß? Wie kann ich mir künftig sicher sein? Solche Fragen brauchen Raum und Zeit.

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Die Verantwortung für den Ehebruch trägt der untreue Partner. Er hätte ansprechen müssen, was fehlt, und Hilfe suchen können, statt die Grenze der Ehe zu überschreiten. Die Betrogene darf die Schuld für den Schritt des anderen nicht bei sich suchen. Sie darf fragen, was zwischen beiden gefehlt hat. Gab es Unzufriedenheit, mangelnde Nähe, nachlassende Anziehung? Das muss ehrlich ausgesprochen werden – das erklärt den Ehebruch, es entschuldigt ihn nicht.

Ein Ehebruch ist die heftigste Erschütterung der ehelichen Intimität. Dass viele Betrogene danach keine Sexualität teilen wollen, ist verstehbar, denn im Innern muss erst wieder Sicherheit wachsen. Dieser Verzicht auf Sexualität ist keine Strafe. Er schützt den verletzten Partner. Sonst müsste der Körper ausdrücken, was im Inneren noch nicht wiederhergestellt ist.

Für manche Paare ist das schwer auszuhalten. Gerade Betrogene machen sich Druck. Sie meinen, sie müssten sexuelle Gemeinschaft geben, damit der andere nicht erneut untreu wird. Doch Treue ist keine Gegenleistung für sexuelle Verfügbarkeit. Wer so denkt, übersieht zweierlei: Das Innere des Betrogenen ist erschüttert und braucht Zeit zur Heilung. Aber auch sein Bild vom Partner ist zerbrochen. Wen habe ich geheiratet? Kenne ich diesen Menschen wirklich? War echt, was ich mit ihm erlebt habe?

Man sollte nicht zu früh so tun, als sei alles wieder gut

Vertrauen wächst nicht durch bloße Versprechen. Es wächst auch nicht durch vermehrte Kontrolle durch den Betrogenen. Vielmehr braucht es gemeinsames Handeln im Alltag, bei dem beide einander wieder erleben. Die Rückkehr zu gemeinsamen Hobbys, ein regelmäßiger Eheabend, ein langes Samstagsfrühstück schaffen dafür Raum. Beide erzählen einander, was sie innerlich bewegt und wie sie den gemeinsamen Alltag erleben. Eheberatung und Seelsorge können diesen Weg begleiten; für den untreuen Partner gehört, wenn er katholisch ist, selbstverständlich auch die Beichte dazu.

Es muss sich dabei neu zeigen: Beantworten beide Fragen ehrlich, halten Absprachen ein, bleiben auch dann wahrhaftig, wenn es unangenehm wird? Worte und Verhalten müssen zusammenpassen. Aufrichtigkeit lässt sich nicht behaupten, sie muss erlebt werden – konkret und über die Zeit. Nur durch solche Bewährung kann sich zeigen, ob seine Worte tragen und ob das zerbrochene Bild vom anderen wieder Halt findet.

Erst wenn Vertrauen so wieder wächst, kann die gemeinsame Sexualität neu in den Blick genommen und angebahnt werden. Dann dürfen beide sich vorsichtig annähern, zunächst vielleicht durch Zärtlichkeit und Berührung, ohne Erwartungsdruck. Die Partner müssen darüber sprechen, was guttut, was Angst macht, was noch nicht möglich ist. Hingabe braucht Vertrauen, und Vertrauen braucht Vergebung.

Auch Vergebung braucht Zeit. Man sollte nicht zu früh so tun, als sei alles wieder gut. Vergebung umfasst Trauer über den Bruch und über den Verlust des geschützten Raums der Ehe – aber auch den Mut, den anderen in seinem Handeln neu zu entdecken, ihn aus dem inneren Vorwurf zu entlassen, ihn neu als Partner anzunehmen und in Liebe zu ehren. Dieser Weg gelingt nicht immer. Aber wo beide ihn gehen, kann Neues wachsen.

Der Autor ist Diplom-Sozialarbeiter und Sexualberater mit Schwerpunkt auf den Gebieten männliche Identität, Trauma und Sucht.


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Bei der Kolumne „Sex and Soul“ handelt es sich um einen Meinungsbeitrag, der Leserfragen ausschließlich in allgemeiner Weise aufgreift und keine persönliche Beratung leistet.

Unabhängig davon bietet die Tagespost weder im Rahmen dieser Kolumne noch anderweitig persönliche Beratungsleistungen an.

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Stefan Schmidt Sex & Soul

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