Es war ungewöhnlich ruhig im Haus. Kein Radio, kein Lachen aus der Küche, kein Klappern von Geschirr. Nur das leise Ticken der Uhr war zu hören. Maxi saß am Tisch und malte, aber er schaute immer wieder zur Tür. Leni hatte sich mit einer Decke auf das Sofa gekuschelt. Simon stand am Fenster und blickte hinaus in den grauen Himmel. Da öffnete sich die Haustür. Opa trat ein. Alle sahen sofort, dass etwas anders war. „Wo ist Oma?“, fragte Leni leise. Opa zog langsam seinen Mantel aus. Seine Bewegungen waren ruhig, aber schwer. „Oma ist noch im Krankenhaus bei Tante Rosa“, sagte er. Simon drehte sich um. „Ist es … schlimm?“ Opa nickte.
Am Abend saßen sie zusammen. Die Kerze auf dem Tisch brannte ruhig. „Kinder“, begann Opa, „die Ärzte haben gesagt, dass Tante Rosa bald sterben wird.“ Leni schaute auf. „Bald?“ „Ja“, sagte Opa sanft. „Nicht heute. Aber wohl in den nächsten Tagen.“ Maxi schluckte. „Aber … sie kommt doch wieder nach Hause, oder?“ Opa sah ihn lange an. Dann schüttelte er langsam den Kopf. „Das ist nicht fair!“, rief Simon plötzlich. „Sie war doch gar nicht so krank!“ Seine Stimme war laut, fast wütend. „Warum passiert das einfach?“ Opa antwortete ruhig: „Das Leben ist ein Geschenk. Aber wir können es nicht festhalten.“ Simon ballte die Hände. „Ich will das nicht!“ Leni begann leise zu weinen. Auch Maxi sagte nichts mehr.
Am nächsten Tag gingen sie ins Krankenhaus. Auf dem Flur begegnete ihnen Pater Franz. Der Priester hatte Tante Rosa besucht, ihr die Krankensalbung gespendet und Jesus in der heiligen Kommunion gebracht. Sie traten in ein helles Zimmer. Ein Fenster stand offen. Es roch nach frischer Luft. Tante Rosa lag im Bett und lächelte, als sie die Kinder sah: „Da seid ihr ja.“ Leni lief sofort zu ihr und nahm ihre Hand. „Tante Rosa …“, flüsterte sie. Tante Rosa strich ihr über die Haare. „Ich habe euch schon vermisst.“
Der Himmel, wie ein Zuhause
Simon blieb zuerst an der Tür stehen. Dann trat er langsam näher. „Tut es weh?“, fragte er. Tante Rosa schüttelte leicht den Kopf. „Manchmal. Aber ich habe keine Angst.“ „Gar nicht?“, fragte Maxi. Tante Rosa lächelte. „Ein bisschen vielleicht. Aber mehr Freude.“ Simon runzelte die Stirn. „Freude?“ „Ja“, sagte sie. „Weil ich glaube, dass ich bald bei Gott sein werde.“
„Wie ist das?“, fragte Leni. Tante Rosa sah aus dem Fenster. „Ich stelle es mir vor wie ein Zuhause. Kein Leid mehr. Kein Schmerz. Nur Liebe.“ Opa, der neben ihr stand, sagte leise: „Die Bibel nennt es ewiges Leben, Himmel.“ Simon verschränkte die Arme. „Und wenn das nicht stimmt?“ Tante Rosa sah ihn an. Ihre Augen waren klar: „Dann habe ich mein Leben trotzdem gut gelebt“, sagte sie ruhig. „Aber ich glaube ganz fest, dass es stimmt. Ich habe ein langes Leben gehabt“, sagte Tante Rosa. „Ich durfte lieben. Ich durfte euch kennenlernen.“
„Ich gehe nur voraus“
Sie nahm Maxis Hand. „Du hast mich immer zum Lachen gebracht.“ Sie sah Leni an. „Und du hast mir gezeigt, wie schön kleine Dinge sind.“ Dann sah sie Simon an. Er hielt ihrem Blick stand. „Und du …“, sagte sie leise, „du hast ein wirklich gutes Herz. Auch wenn du es manchmal versteckst.“ Simon schluckte. „Tante Rosa …“, begann Simon, „wenn du stirbst … bist du dann einfach weg, bald in Luft aufgelöst – eben tot?“ Tante Rosa blickte Simon fest an. „Simon, gib mir bitte mal den Apfel vom Obstteller. Weißt du, dass er Kerne hat?“, fragte sie den Jungen. „Ja, klar.“ „Wenn man sie in die Erde legt, sieht man erst einmal nichts mehr. Aber daraus wächst etwas Neues.“
Simon zuckte mit den Schultern. „Das ist ein Baum. Kein Mensch.“ „Stimmt“, sagte Tante Rosa. „Aber es hilft uns, zu verstehen: Das Leben hört nicht einfach auf. Es verändert sich. Wir sind mehr als unser bloßer Körper. Jesus wird mich verändern, wachsen und leben lassen. Weißt du, ich bin nicht weg, ich gehe nur voraus.“ „Wohin?“, fragte Maxi. „Zu Jesus“, erklärte sie. „Und ich glaube fest, dass wir uns wiedersehen. Denn Jesus sagt, dass wir auferstehen werden wie er.“
Es wurde still. Leni drückte ihre Hand fester: „Ich will nicht, dass du gehst“, sagte sie weinend. Tante Rosa strich ihr über die Wange. „Ich bleibe doch in eurem Herzen.“ Maxi wischte sich über die Augen. Simon stand ganz still. Dann sagte er plötzlich: „Ich habe oft Witze gemacht … wenn du gebetet hast.“ Tante Rosa lächelte: „Ich weiß.“ „Es tut mir leid“, sagte Simon. Seine Stimme brach. Und eine Träne lief über sein Gesicht. Tante Rosa drückte seine Hand. „Dann bete jetzt mit mir.“ Simon zögerte. Dann nickte er. Und Opa begann leise: „Vater unser im Himmel …“ Alle sprachen mit. Auch Simon. Seine Stimme war leise. Aber sie war da.
„Ich vermisse sie”
Zwei Tage später kam der Anruf. Tante Rosa war gestorben. Das Haus war still. Sehr still. Leni saß auf dem Sofa und hielt ein Taschentuch. Maxi blickte auf ein Foto. Simon stand wieder am Fenster. „Sie ist jetzt bei Gott“, sagte Opa. Seine Stimme war ruhig. „Glaubst du das wirklich?“, fragte Simon. Opa nickte. „Ja.“ Simon sah lange hinaus. Dann sagte er leise: „Sie ist nicht einfach weg?“ „Nein“, sagte Opa. „Sie lebt – anders, aber wirklich.“
Am Abend zündeten sie eine Kerze an. Neben dem Foto von Tante Rosa. Das Licht flackerte sanft. Und Simon setzte sich davor: „Sie hat gesagt, wir sehen uns wieder“, murmelte er. Leni nickte. „Das glaube ich auch.“ Simon sah lange in die Flamme. Dann liefen ihm wieder Tränen über das Gesicht. Diesmal wischte er sie nicht weg: „Ich vermisse sie“, sagte er. „Ich auch“, sagte Leni. „Ich auch“, stimmte Maxi zu. Simon flüsterte: „Lieber Gott … pass auf sie auf.“ Dann fügte er hinzu: „Und … vergiss uns nicht.“
In dieser Nacht war das Haus still. Aber es war keine leere Stille. Es war eine Stille voller Erinnerung. Voller Liebe. Und voller Hoffnung. Denn etwas war geblieben. Nicht sichtbar. Aber wirklich. Der feste Glaube, dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Das letzte Wort hat Jesus und er ist das Leben.
Am nächsten Morgen legte Simon ein frisch gepflücktes Gänseblümchen vor das Bild von Tante Rosa. Oma staunte, als sie ihn so sah. Er schaute das Foto lange an. Dann sagte er leise: „Bis später, Tante Rosa.“ Es war kein endgültiger Abschied. Sondern ein Versprechen. Und irgendwo, tief in seinem Herzen, war aus Trauer Hoffnung geworden. Ganz still. Aber unzerstörbar.

Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









