Ein windiger Oktobertag. Auf dem Tisch stehen Äpfel aus Opas Garten, manche noch mit Blättern daran. Jonas hilft beim Sortieren, Emma legt die schönsten in eine Schale. „Opa“, sagt Jonas, „warum lässt du uns eigentlich manchmal allein ernten, ganz ohne Aufsicht?“ Opa lächelt. „Weil ich euch vertraue. So ähnlich, wie es im Sonntagsevangelium beschrieben wird.“
Er setzt sich und beginnt zu erzählen: „Jesus erzählt den Menschen eine ernste Geschichte. Es geht um einen Weinbergbesitzer. Der legt einen Weinberg an, baut alles sorgfältig auf – einen Zaun, eine Weinpresse, einen Vorratsturm. Dann vertraut er den Weinberg Winzern an und reist weg.“
Emma nickt. „Also so wie du mit uns und dem Garten.“ „Ja“, sagt Opa. „Der Besitzer erwartet, dass die Winzer gut mit dem umgehen, was ihnen anvertraut wurde.“
Als die Erntezeit kommt, fährt Opa fort, „schickt der Besitzer seine Knechte, um seinen Anteil zu holen. Aber die Winzer schlagen sie, jagen sie fort und töten manche sogar.“ Jonas ist schockiert. „Warum sind die so böse?“ „Weil sie vergessen haben“, erklärt Opa, „dass der Weinberg nicht ihnen gehört.“ Emma fragt leise: „Und was macht der Besitzer dann?“ „Er schickt schließlich seinen Sohn“, sagt Opa. „Er denkt: Meinen Sohn werden sie achten.“ Jonas weiß schon: „Tun sie aber nicht.“ Opa nickt ernst. „Nein. Sie töten auch den Sohn, weil sie alles für sich behalten wollen.“
Die Knechte sind die Propheten
Eine kurze Stille entsteht. „Jesus erzählt diese Geschichte nicht einfach so“, sagt Opa dann. „Er meint damit: Gott ist der Weinbergbesitzer. Der Weinberg ist sein Volk Israel. Die Winzer sind die Menschen, denen Gott die Verantwortung für sein Volk gegeben hat, besonders die religiösen Führer. Die Knechte sind die Propheten, die Gott immer wieder geschickt hat. Und der Sohn ist Jesus selbst.“
Emma schluckt. „Also geht es um ihn.“ „Ja“, sagt Opa. „Jesus zeigt: Gott vertraut den Menschen viel an – Leben, Freiheit, Verantwortung. Aber Gott will nicht, dass wir alles für uns behalten, sondern dass wir Frucht bringen: Liebe, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit.“ Jonas schaut auf die Äpfel. „Dann ist wichtig, was wir aus dem machen, was wir bekommen.“ „Ganz genau“, sagt Opa. „Jesus sagt am Ende: Der Weinberg wird anderen gegeben, die Frucht bringen.“ Und er erklärt: „Gott ist geduldig – aber eines bewahrheitet sich immer wieder: Wer das, was Gott ihm anvertraut, nur für sich behalten will, der verliert es.“
Jonas nickt. „Es geht Gott darum, dass wir Gott lieben und seine Liebe weitergeben.“ Der Wind weht durch die Bäume. „Und deshalb gibst du uns von deinen Äpfeln“, lächelt Emma ihrem Opa zu.
Der Autor ist Mitglied der Ordensgemeinschaft der Servi Jesu et Mariae und ist als Seelsorger in der Familien- und Jugendarbeit tätig.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Wann schickte der Gutsbesitzer seine Knechte zu den Winzern? – Zur Erntezeit
Was sollen die Knechte holen? – Die Früchte des Gutsbesitzers
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